„Wenn ich Dir, Geliebtester, sage, daß Deine Qual vorbei ist, und daß ich hergekommen bin, um Dich von hier zu erlösen und daß wir nach England gehen, um in Frieden und Ruhe zu leben, und wenn ich dadurch in Dir den Gedanken hervorrufe, daß Dein nützliches Leben mit so frecher Hand brach gelegt worden ist und daß Dein heimathliches Frankreich so grausam an Dir gehandelt hat, so weine darüber! Und wenn ich Dir sage, wie ich heiße und Dir von meinem noch lebenden Vater und meiner verstorbenen Mutter erzähle und Du erfährst dabei, daß ich vor meinem geehrten Vater niederknien und ihn um Verzeihung flehen muß, weil ich nie um seinetwegen den ganzen Tag lang gerungen und die ganze Nacht gewacht und geweint habe, weil die Liebe meiner armen Mutter diese Qual vor mir verbarg, so weine darüber! Beweine sie und beweine mich! Dankt Gott, Ihr guten Herren! Ich fühle seine heiligen Thränen auf meinem Gesicht und sein Schluchzen trifft mich in’s Herz. O seht! Dankt Gott für uns, dankt Gott!“

Er war in ihre Arme gesunken und verbarg das Antlitz an ihrer Brust: ein so rührender Anblick und doch so schrecklich in dem ungeheuren Unrecht und Leiden, das vor ihm her gegangen war, daß die beiden Zuschauer sich das Gesicht verhüllten.

Als die Stille der Dachkammer lange ungestört geblieben war und die stürmisch bewegte Brust und erschütterte Gestalt endlich die Ruhe gewonnen hatte, die allen Unwettern folgen muß — für die Menschheit ein Sinnbild der Ruhe und des Schweigens, in welche der Sturm, genannt Leben, sich schließlich verlieren muß — traten sie heran, um den Vater und die Tochter vom Boden aufzuheben. Er war allmälig auf die Ziegelflur gesunken und lag da in müder Halberstarrung. Sie hatte sich neben ihn gesetzt, so daß sein Haupt auf ihrem Arm liegen konnte und ihre langen Locken ihn wie ein Vorhang vor dem Lichte schützten.

„Wenn wir es,“ sagte sie und reichte ihre Hand Mr. Lorry, wie er sich über sie beugte, nachdem er sich mehrere Male geräuschvoll die Nase geputzt hatte, „ohne ihn zu stören, einrichten könnten, Paris sogleich zu verlassen, so daß er gleich vor der Hausthüre von hier wegführe —“

„Aber, bedenken Sie. Wird die Reise gut für ihn sein?“ fragte Mr. Lorry.

„Gewiß besser, glaube ich, als hier in dieser Stadt zu bleiben, die so schrecklich für ihn ist.“

„Es ist wahr,“ sagte Defarge, der neben dem Alten kniete und zuhörte. „Mehr als das, es ist aus allen Gründen das Beste für Monsieur Manette, wenn er nicht mehr in Frankreich ist. Soll ich einen Wagen und Postpferde miethen?“

„Das ist Geschäft,“ sagte Mr. Lorry und nahm auf der Stelle seine methodischen Manieren wieder an; „und wenn Geschäfte zu verrichten sind, so ist es am besten, ich nehme sie in die Hand.“

„Dann haben Sie die Güte, uns hier zu verlassen,“ drang Miß Manette in ihn. „Sie sehen, wie ruhig er geworden ist und Sie brauchen Nichts zu besorgen, wenn Sie mich mit ihm allein lassen. Warum auch? Wenn Sie die Thür zuschließen wollen, damit wir nicht gestört werden, bezweifle ich nicht, daß Sie ihn bei Ihrer Rückkehr so ruhig finden, wie Sie ihn verlassen haben. Jedenfalls will ich ihn unter meine Obhut nehmen, bis Sie wiederkommen und dann wollen wir ihn sogleich fortschaffen.“

Sowohl Mr. Lorry wie Defarge waren nicht recht geneigt, auf diesen Vorschlag einzugehen und hätten es lieber gesehen, wenn einer von ihnen zurückgeblieben wäre. Aber da nicht nur Pferde und Wagen, sondern auch Reisepapiere zu besorgen waren, und da die Zeit drängte, denn der Tag neigte sich seinem Ende zu, so einigte man sich schließlich dahin, die zu besorgenden Geschäfte zu theilen und fortzueilen, um sie zu verrichten.