Dann, wie der Abend anbrach, legte die Tochter ihr Haupt auf den harten Fußboden dicht neben ihren Vater und bewachte ihn. Die Finsterniß wurde dichter und dichter, und sie lagen Beide still da, bis ein Licht durch die Risse in der Mauer glänzte.
Mr. Lorry und Monsieur Defarge hatten Alles zur Reise fertig gemacht und außer Reisemänteln und Umhüllungen Brod und Fleisch, Wein und heißen Kaffee besorgt. Monsieur Defarge setzte Speisen und Getränke und die Lampe, die er mitgebracht, auf die Schuhmacherbank (es war sonst Nichts in der Dachkammer, als eine Bettmatratze), und er und Mr. Lorry weckten den Gefangenen und halfen ihm auf die Beine.
Kein menschlicher Verstand hätte in dem scheuen, leeren Staunen seines Gesichts die Geheimnisse seiner Seele lesen können. Ob er wußte, was geschehen war, ob er sich besann, was sie zu ihm gesagt hatten, ob er wußte, daß er frei war, das waren Fragen, die kein Scharfsinn hätte lösen können. Sie versuchten, ihn anzureden, aber er war so verlegen und so außerordentlich langsam im Antworten, daß sie über seine Verwirrung besorgt wurden und übereinkamen, vor der Hand keine weiteren Versuche mit ihm zu machen. Er hatte eine heftige scheue Art, den Kopf in die Hände zu nehmen, die man früher nicht an ihm bemerkt hatte. Aber der bloße Klang der Stimme seiner Tochter machte ihm einige Freude und so oft sie sprach, wendete er sich nach ihr hin.
In der unterwürfigen Weise eines Menschen, der seit Langem gewohnt ist, dem Zwange zu gehorchen, aß und trank er, was sie ihm zu essen und zu trinken gaben und legte den Mantel und die andern Umhüllungen an, die sie ihm hinreichten. Er ließ sich es gern gefallen, daß seine Tochter ihren Arm durch den seinigen zog und nahm und behielt ihre Hand in seinen beiden Händen.
Sie fingen an hinabzusteigen; Monsieur Defarge voran mit der Lampe, Mr. Lorry zum Schluß der kleinen Procession. Sie waren noch nicht viele Stufen die lange Haupttreppe hinuntergekommen, als er stehen blieb und das Dach und ringsum die Wände anstarrte.
„Du erinnerst dich des Ortes, Vater? Du erinnerst Dich, hierhergekommen zu sein?“
„Was sagtest Du?“
Aber ehe sie die Frage wiederholen konnte, murmelte er eine Antwort, als ob er sie wiederholt hätte.
„Mich erinnern? Nein, ich erinnere mich nicht daran. Es ist so lange Zeit her.“
Daß er nicht das Mindeste davon wußte, aus seinem Gefängniß nach diesem Hause gebracht worden zu sein, war offenbar. Sie hörten ihn vor sich hinmurmeln: Einhundert und Fünf, Nordthurm; und wenn er sich umsah, suchte er sichtlich die starken Festungsmauern, die ihn so lange eingeschlossen hatten. Als sie den Hof erreichten, veränderte er instinktmäßig seinen Schritt, als erwartete er, auf eine Zugbrücke zu treten; und als keine Zugbrücke kam und er den Wagen auf offener Straße warten sah, ließ er die Hand seiner Tochter fallen und griff wieder nach dem Kopfe.