Mr. Lorry wußte, daß Miß Proß sehr eifersüchtig war, aber er wußte jetzt auch, daß sie unter der Decke ihrer Excentricität eins jener selbstlosen Geschöpfe war, die man nur unter Frauen findet, die aus reiner Liebe und Bewunderung sich der Jugend, die sie längst verloren, der Schönheit, die sie nie besessen, Fähigkeiten, deren sie sich nie rühmen konnten, schönen Hoffnungen, die ihrem düstern Leben nie leuchteten, zum willenlosen Sclaven ergeben. Er kannte genug von der Welt, um zu wissen, daß es nichts Köstlicheres giebt, als den treuen Dienst des Herzens; und so, wie er hier geleistet ward und so frei, wie er hier von jedem Schatten der Selbstsucht war, hatte er eine so hohe Achtung davor, daß er in der Austheilung von Belohnungen, die er innerlich vornahm, — wir Alle beschäftigen uns oft mit solchen Gedanken — Miß Proß den Engeln viel näher stellte, als viele Damen, für welche Natur und Kunst viel mehr gethan hatten und die ein Conto bei Tellsons hatten.

„Es hat nie einen Mann gegeben und wird nie einen geben, der meines Herzblättchens würdig ist, mit Ausnahme eines einzigen,“ sagte Miß Proß, „und das war mein Bruder Salomo, wenn er nicht in seinem Leben fehl gegangen wäre.“

Das war wieder ein Beispiel. Mr. Lorry’s Nachforschungen über Miß Proß’ Lebensgeschichte hatten die Thatsache festgestellt, daß ihr Bruder Salomo ein herzloser Lump war, der ihr Alles, was sie hatte, genommen, um damit zu speculiren und sie dann in ihrer Armuth, ohne das geringste Mitleid zu fühlen, hatte sitzen lassen. Miß Proß’ fester Glaube an Salomo (mit Abrechnung einer bloßen Kleinigkeit für diesen Irrthum) war eine sehr ernsthafte Sache für Mr. Lorry, und trug nicht wenig dazu bei, seine gute Meinung von ihr zu mehren.

„Da wir jetzt gerade für den Augenblick allein und Beide praktische Leute sind,“ sagte er, als sie wieder in das Empfangszimmer zurückgekehrt waren und freundschaftlich neben einander Platz genommen hatten, „so erlauben Sie mir die Frage — erwähnt der Doctor in seinen Gesprächen mit Lucien niemals seiner Schuhmacherzeit?“

„Nie!“

„Und doch behält er diese Bank und das Handwerkszeug bei sich?“

„Ah!“ erwiderte Miß Proß mit Kopfschütteln. „Aber ich will nicht sagen, daß er nicht bei sich selbst daran denkt.“

„Glauben Sie, daß er viel daran denkt?“

„Ja, gewiß,“ sagte Miß Proß.