Mr. Lorry hätte das bescheidene Beiwort gern ungesagt gemacht und gab zur Antwort: „Nein, nein, nein. Gewiß nicht. Um wieder zur Sache zu kommen: ist es nicht merkwürdig, daß Dr. Manette, der jedenfalls, wie wir Alle überzeugt sind, kein Verbrechen begangen hat, niemals diese Frage berührt? Ich will nicht sagen mir gegenüber, obgleich er seit vielen Jahren mit mir Geschäftsbeziehungen hat und wir jetzt mit einander befreundet sind; ich will sagen mit der Tochter, die ihn so innig liebt und die er selbst so innig liebt? Glauben Sie mir, Miß Proß, ich rege die Sache nicht aus Neugier an, sondern aus aufrichtiger Theilnahme.“

„Nun, so viel ich weiß, und wenig genug ist das, werden Sie sagen,“ sagte Miß Proß, besänftigt durch seinen apologetischen Ton, „er fürchtet sich vor der ganzen Sache.“

„Er fürchtet sich?“

„Ich sollte meinen, es wäre einfach genug, warum er sich fürchtet. Es ist eine schreckliche Erinnerung. Außerdem verdankt er jener Zeit, daß er sich selbst verloren hat. Da er nicht weiß, wie er sich verloren oder wie er sich wiedergefunden hat, so ist er vielleicht niemals sicher, ob er sich nicht wieder verliert. Das allein würde die Sache nicht angenehm machen, sollte ich meinen.“

Das war eine tiefere Bemerkung, als Mr. Lorry erwartet hatte. „Richtig,“ sagte er, „und es ist ein schrecklicher Gedanke. Dennoch quält mich ein Zweifel, Miß Proß, ob es gut für Dr. Manette ist, daß er darüber immer bei sich allein brütet. Der Zweifel und die Unruhe, die mir dieser Gedanke verursacht, haben mich eigentlich veranlaßt, mich Ihnen heute anzuvertrauen.“

„Es läßt sich dem nicht abhelfen,“ sagte Miß Proß kopfschüttelnd. „Schlagen Sie diese Saite an, und es wird sofort schlimmer mit ihm. Besser, Sie rühren sie gar nicht an. Mit Einem Worte, sie muß unangerührt bleiben, mag man wollen oder nicht. Manchmal steht er mitten in der Nacht auf, und wir hören ihn hier über uns in seinem Zimmer auf- und abgehen, auf- und abgehen. Herzblättchen weiß, daß er dann im Geiste in seinem alten Gefängniß auf- und abgeht, auf- und abgeht. Sie eilt hinauf und sie gehen mit einander auf und ab, auf und ab, bis er wieder ruhig ist. Aber er sagt ihr nie ein Wort von dem wahren Grunde seiner Ruhelosigkeit, und sie hält es für das Beste, gegen ihn Nichts davon zu erwähnen. Schweigend gehen sie auf und ab, auf und ab, bis ihre Liebe und ihre Anwesenheit ihn wieder zu sich gebracht hat.“

Obgleich Miß Proß Nichts von Einbildungskraft wissen wollte, lag doch in ihrem Wiederholen der Worte auf und ab ein Bewußtsein der Qual, ohne Abwechslung von einem einzigen traurigen Gedanken verfolgt zu werden, welches Zeugniß dafür ablegte, daß sie selbst Einbildungskraft besaß.

Wir haben schon erwähnt, daß der Straßenwinkel wunderbar im Besitz von Echo’s war; der Widerhall kommender Schritte war so laut geworden, daß es schien, als ob das bloße Erwähnen des müden Auf- und Abgehens ihn geweckt hätte.

„Da sind sie!“ sagte Miß Proß, indem sie aufstand und das Gespräch abbrach, „und jetzt werden wir bald Hunderte von Leuten hier haben.“

Es war ein so merkwürdiger Winkel in seinen akustischen Eigenschaften, daß, wie Mr. Lorry an dem offenen Fenster stand, und dem Kommen von Vater und Tochter, deren Schritte er hörte, entgegensah, er sich einbildete, sie würden nie kommen. Nicht nur hörte der Widerhall auf, als ob die Schritte vorübergegangen wären, sondern man vernahm statt ihrer den Widerhall anderer Schritte, die nie kamen und die plötzlich wieder verhallten, wenn sie ganz nahe zu sein schienen. Doch Vater und Tochter erschienen endlich und Miß Proß stand an der Hausthür bereit, sie zu empfangen.