Es sah gar hübsch aus, wie Miß Proß, sonst so wild und roth und unwirsch, oben im Zimmer angekommen, ihrem Herzblatt den Hut abnahm und ihn mit den Zipfeln ihres Taschentuchs wischte und den Staub davon abblies und ihr den Mantel abnahm und diesen zusammenlegte, und ihr das reiche Haar mit einem Stolze glatt strich, als ob das Haar ihr eigenes und sie das eitelste und schönste aller Frauenzimmer wäre. Auch war es gar hübsch anzusehen, wie Lucie sie umarmte und ihr dankte und gar nicht dulden wollte, daß sie sich so um sie bemühte — welches letztere sie aber nur scherzender Weise sagen durfte, sonst hätte sich Miß Proß, tief verletzt, auf ihr Zimmer zurückgezogen und hätte geweint.

Es war auch hübsch anzusehen, wie der Doctor ihnen zusah und zu Miß Proß sagte, daß sie Lucien verziehe und dies mit einem Ton und mit Blicken sagte, welche ebenso viel und mehr Verzeihendes in sich hatten, als Miß Proß, wenn es möglich gewesen wäre. Auch Mr. Lorry war ein gar hübscher Anblick, wie er in seiner kleinen Perrücke Alle wohlwollend ansah und seinem Junggesellenstern dankte, daß er ihm in seinen alten Tagen in ein solches Heimwesen geleuchtet. Aber keine Hunderte von Leuten kamen, um zuzusehen und Mr. Lorry erwartete vergeblich die Erfüllung von Miß Proß’ Voraussagung.

Essenszeit kam und immer noch keine Hunderte von Leuten.

In der Einrichtung des kleinen Haushaltes hatte Miß Proß die Aufsicht über die untern Regionen übernommen und verrichtete stets Wunderdinge. Ihre Diners, obgleich auf sehr bescheidenem Fuße, waren immer so gut gekocht und so gut servirt, und so sinnreich in ihrer halb englischen, halb französischen Einrichtung, daß Nichts besser sein konnte. Da Miß Proß’ Freundschaft von ganz und gar praktischer Art war, hatte sie Soho und die angrenzenden Provinzen nach verarmten Franzosen durchstöbert, die, mit Schillingen und halben Kronen bestochen, ihre culinarischen Geheimnisse verriethen. Von diesen versprengten Söhnen und Töchtern Galliens hatte sie so wunderbare Künste gelernt, daß die Frau und das Mädchen, welche ihren Küchenstab bildeten, sie für eine Zauberin oder Aschenbrödels Pathe hielten, die ein Huhn, ein Kaninchen, oder etwas Grünzeug aus dem Garten holen ließ und daraus machte, was sie wollte.

An Sonntagen aß Miß Proß mit am Tisch des Doctors, aber an andern Tagen bestand sie darauf, ihr Mahl zu unbekannten Stunden entweder in den untern Regionen, oder in ihrem Zimmer im zweiten Stock zu sich zu nehmen, — in einer blauen Stube, wo Niemand außer ihrem Herzblättchen jemals Zutritt fand. Bei solchen Gelegenheiten wurde Miß Proß, durch Herzblättchens freundliches Gesicht und freundliche Bemühungen, ihr zu gefallen, erweicht, sehr gemüthlich und so verging das heutige Sonntagessen auch sehr gemüthlich.

Es war ein schwüler Tag und nach dem Essen schlug Lucie vor, den Wein hinaus unter die Platane zu tragen und dort im Freien zu sitzen. Da sich Alles um sie drehte und bewegte, gingen sie hinaus unter die Platane und sie trug den Wein zum besondern Besten Mr. Lorry’s hinunter. Sie hatte sich seit einiger Zeit zu Mr. Lorry’s Mundschenk gemacht und während sie unter der Platane saßen und mit einander plauderten, sorgte sie dafür, daß sein Glas beständig voll war. Geheimnißvolle Rückseiten und Enden von Häusern lugten herein, während sie plauderten, und die Platane über ihren Häuptern flüsterte ihnen in ihrer eigenen Weise zu.

Aber die Hunderte von Leuten stellten sich immer noch nicht ein. Mr. Darnay erschien, während sie unter der Platane saßen, aber das war nur Einer.

Dr. Manette empfing ihn freundlich, und das that auch Lucie. Aber Miß Proß ward plötzlich von einem Zucken in ihrem Gesicht und ihrem Körper befallen und zog sich in das Haus zurück. Sie war nicht selten ein Opfer dieses Leidens, welches sie im vertrauten Gespräch ihre Laune nannte.

Der Doctor war in seiner besten Stimmung und sah besonders jung aus. Die Aehnlichkeit zwischen ihm und Lucie war bei solchen Gelegenheiten besonders groß, und wie sie neben einander saßen und sie das Köpfchen auf seine Schulter lehnte, während er den Arm auf die Lehne ihres Stuhls gelegt hatte, war es sehr wohlthuend, die Aehnlichkeit zu verfolgen.

Sie hatten den ganzen Tag über vielerlei Gegenstände und mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit gesprochen. „Sagen Sie, Dr. Manette,“ sagte Mr. Darnay, wie sie unter der Platane saßen — und er sagte es im natürlichen Verlauf des Gesprächs, das sich um die alten Gebäude Londons drehte — „haben Sie sich den Tower einmal von Innen angesehen?“