„Lucie und ich sind dort gewesen; aber nur im Fluge. Wir haben jedoch genug gesehen, um zu wissen, daß es ein sehr interessanter Ort ist; wenig mehr.“

„Ich war dort, wie Sie wissen,“ sagte Darnay mit einem Lächeln, aber doch dabei vor Entrüstung erröthend, „in einer andern Eigenschaft und nicht in einer Eigenschaft, welche das Umsehen besonders begünstigt. Sie erzählten mir aber eine seltsame Geschichte, als ich dort war.“

„Und die war?“ fragte Lucie.

„Bei einem Umbau stießen die Maurer auf einen alten Kerker, der seit vielen Jahren zugemauert und vergessen war. Jeder Stein der innern Wände war mit Inschriften bedeckt, welche Gefangene hineingeschrieben hatten — mit Jahreszahlen, Namen, Klagen und Gebeten. Auf einem Eckstein in einem Winkel hatte ein Gefangener, wahrscheinlich ehe er zur Hinrichtung geführt worden, als letztes Wort fünf Buchstaben eingegraben. Das dazu verwendete Werkzeug war unvollkommen gewesen und die Arbeit war hastig und mit unsicherer Hand verrichtet worden. Anfangs las man die fünf Buchstaben GRABJ, aber als man genauer hinsah, stellte sich der letzte Buchstabe als ein T heraus. Von einem Gefangenen mit diesem Anfangsbuchstaben war nirgends Etwas verzeichnet, und man erschöpfte sich in Vermuthungen, wie er wohl geheißen haben möchte. Endlich sprach Jemand die Meinung aus, die Buchstaben wären keine Anfangsbuchstaben, sondern das vollständige Wort „Grabt“. Man untersuchte sehr sorgfältig den Fußboden unter der Inschrift und fand in der Erde unter einem Stein die Asche eines Papiers, vermischt mit der Asche eines ledernen Beutels oder Gehäuses. Was der unbekannte Gefangene geschrieben hatte, wird nie gelesen werden; aber er hatte Etwas geschrieben und es vergraben, um es vor dem Schließer zu verstecken.“

„Vater!“ rief Lucie aus. „Sie sind unwohl!“

Er war plötzlich aufgesprungen und hielt die Hand vor die Stirn. Sein Aussehen und sein Blick erfüllten sie Alle mit Schrecken.

„Nein, Liebe, ich bin nicht unwohl. Es fallen große Regentropfen und die haben mich erschreckt. Es ist besser, wir gehen hinein.“

Er erholte sich fast augenblicklich wieder. Der Regen fiel wirklich in großen, schweren Tropfen und er zeigte, daß seine Hand davon benetzt war. Aber er äußerte kein einziges Wort in Bezug auf die Entdeckung, von der Darnay eben erzählt, und wie sie in das Haus gingen, wurde das geschäftliche Auge Mr. Lorry’s auf seinem Gesicht, wie es sich gegen Charles Darnay wendete, denselben eigenthümlichen Ausdruck, mit dem es sich in den Gängen des Gerichtsgebäudes ihm zugewendet hatte, gewahr oder glaubte es wenigstens.

Er erholte sich jedoch so rasch wieder, daß Mr. Lorry der Sicherheit seines geschäftlichen Auges nicht ganz sicher war. Der Arm des goldenen Riesen in der Halle war nicht ruhiger, als er selbst, als er unter ihm stehen blieb, um zu äußern, daß er vor kleinen Schreckanfällen noch nicht sicher sei, wenn er es je sein werde, und daß der Regen es gewesen, was ihn erschreckt habe.

Es wurde Theezeit und Miß Proß bereitete den Thee mit einem andern Anfall ihrer Laune, aber immer noch waren nicht Hunderte von Leuten da. Mr. Carton hatte sich eingefunden, aber nun waren es blos Zwei.