Berthe sah all dies, als sie vom Vater fortging, alles war von der Liebe für Maurice überglänzt. Der erste Mann der jungen Mädchen von siebzehn Jahren pflegt ihr Schicksal zu sein. Wenn sie den Omnibus bestieg, um zur Arbeit zu fahren, schloß sie die Augen, weil sie ein wenig müde war, und sah im Geiste Maurice mit seinen Freuden. Er sagte zu ihr: „Ich will von der Tischlerei nichts wissen und nicht mehr Möbelpacker sein“, dann empfand sie, daß er über alle Berufe erhaben war. Er sprach von seiner Mutter, deren Gedanken über zwei Sous für Pfeffer und vier Sous für Kaffee nicht hinausgingen; er sprach so, weil er selbst einen offenen Kopf hatte. Er sagte zu Berthe: „Wie du bei deinem Vater warst und dich angeödet und für deine Brüder geschuftet hast“, da war sie ihm dankbar dafür, daß er sie befreit hatte.

Nach einem Monat schlug er sie, aber nicht aus Bösartigkeit. Das war so: Maurice, der von entschlossenem Charakter war, teilte die menschlichen Erfahrungen allzu genau ein. Wie Kaiser Karl der Große legte er die Ideen, die ihm nicht gefielen, auf die eine Seite, und die Ideen, die ihm gefielen, auf die andere. Er dachte: „Hier ist der Irrtum, aber dort ist die Wahrheit.“ Wie Kaiser Karl der Große hatte er kein Gefühl für Abstufungen. Er verstand zum Beispiel niemals, daß man sich das Gesicht wusch, ohne sich vorher die Hände zu waschen. Er sagte zu Berthe: „Du greifst mit schmutzigen Händen in dein Gesicht, das ist eine komische Art, sich zu waschen.“

Einmal bereitete sie ihm Eier auf der Pfanne zu. Sie tat Salz und Pfeffer sofort hinein, nachdem sie die Eier zerbrochen hatte. Maurice wußte, daß sie hineingehören, wenn die Eier schon gebacken sind. Sie sagte mit scharfer Stimme: „Laß mich doch machen, wie ich’s will.“ Maurice, der ein Mann der Tat war, glaubte an die Notwendigkeit körperlicher Züchtigung. Er haute sie durch, in der Überzeugung, daß Hiebe in ihr das Empfinden für Wahrheit festigen würden.

Er schlug sie ein andermal, weil sie ihn geärgert hatte, weil er in Zorn oder weil sie hartnäckig war. Die arme Berthe empfing, sanft wie sie war, diese Strafen unter Tränen. Sie bedauerte, ihren Vater verlassen zu haben. Etwas später sah sie, daß alle Freunde Maurices ihre Frauen auch schlugen, und verstand, daß es auf dieser Welt ein lenkendes Gesetz gibt, das Gesetz des Stärkern. Sie fühlte, was der Ausdruck bedeutet: „mein Mann“. Ein „Mann“ ist eine Regierung, die uns schlägt, um uns zu zeigen, daß sie der Herr ist, die uns aber im Augenblick der Gefahr zu schützen wüßte.

Maurice glaubte, daß die Intelligenz der Energie entspricht und daß infolgedessen seine Frau nicht intelligent sei, da sie sanft war. Er sagte es niemand. Ganz im Gegenteil, vor den Freunden gefiel er sich darin, Berthe zu manch einem etwas lebhaften Wort zu reizen, um den Anschein zu erwecken, als sei sie schwer zu beherrschen. Man dachte: er ist klein, aber fest. Er liebte sie dennoch sehr. Er liebte sie, weil sie hübsch war. Abends, wenn sie von der Arbeit heimkam, hörte er sie die Treppe hinaufsteigen. Er erkannte ihre eiligen Schrittchen und glaubte zu sehen, wie sie sich ein bißchen hin- und herdrehte, um schneller zu gehen. Er liebte die lächelnden und sanften Augen, die alle seine Wünsche erfüllten. Und die roten, etwas weichen Lippen, die sich fest an die seinen saugten. Und das lange schwarze Haar, und den Scheitel und den Knoten über dem Nacken, der ihr ein Aussehen gab, verschieden von dem anderer. Und ihre besondere Sinnlichkeit, wenn sie ihren Körper gegen den seinen drängte, und wie sie sich schmiegte, damit er sie durchdringen könne. Er liebte an ihr, was sie von all den Frauen unterschied, die er gekannt hatte, weil sie süßer war, weil sie feiner war und weil sie sein Weib war, das er als Jungfrau besessen hatte. Er liebte sie, weil sie wohlerzogen war, weil sie ehrenhaft war und weil man ihr das ansah, und aus all den Gründen, warum die Bürger ihre Frauen lieben. Denn Maurice hatte bürgerliche Begriffe. Nicht ungestraft wird man dreiundzwanzig Jahre, ohne mit dem Strafgesetz in Berührung zu kommen.

Die Zeit verging. Zwei Jahre vergingen, und die fünftausend Francs Maurices vergingen auch. Unser Geschick erfüllt sich nicht in einem Tag, wenn unsre fünftausend Francs nach zwei Jahren gemeinsamen Lebens erschöpft sind; es entscheidet sich bei jeder unsrer Gebärden und bei jeder unsrer Zusammenkünfte. Seit langem wußte Berthe, daß die Straßenmädchen ganz einfach das gleiche taten wie die andern Frauen. Maurice hätte sie anders lieber gehabt. Trotzdem fügte er sich und litt nicht viel. Er hatte Sinn für Besitz, aber in der Art der Besitzer, die ihr Gut vermieten. Berthe sträubte sich nicht, als eines Abends Maurice zu ihr sagte: „Mein Weibchen, wenn dir jemand auf dem Heimweg aus der Werkstatt einen Antrag macht, geh mit, das wird uns immer etwas Geld einbringen.“

Und dann ist der Dämon dabei, der anfangs ein lachendes Gesicht zeigt. In der ersten Zeit verdiente Berthe zehn oder zwanzig Francs nur für „einen Augenblick“, denn Maurice wollte nicht, daß sie nicht ausschlief. Sie fanden ihren alten Geldüberfluß wieder, der Beruf war nicht hart für sie, die immer gegen zehn Uhr zurückkehrte, und nicht mehr für ihn, der nicht zu lang auf sie zu warten brauchte.

Etwas später gab sie die Werkstatt auf, da sie nicht mehr zehn Stunden arbeiten wollte, um vier Francs zu verdienen. Sie ging jeden Abend gegen acht Uhr aus und schritt über den Boulevard Sebastopol und die großen Boulevards.

So wurde Berthe Méténier Straßenmädchen und Maurice wurde ein Individuum ohne Beschäftigung. Er war intelligent, er lebte in Paris, wo die Vergnügungen den Vorübergehenden anbrüllen; er hatte anfangs gearbeitet, dann hatte er begriffen, daß die Arbeiter, die sich abrackern und leiden, die Dummen sind. Er wurde Zuhälter, weil er in einer Gesellschaft voll Reicher lebte, die stark sind und die Berufe bestimmen. Sie wollen mit ihrem Gelde Frauen haben. Da muß es wohl Zuhälter geben, die sie ihnen verschaffen.