Maurice schien ein beredter und beherzter junger Kavalier zu sein, wie ihn junge Mädchen ersehnen, und seine aufrichtigen Erklärungen zeugten für die Tiefe seiner Aufrichtigkeit. An manchen Dingen, die er aussprach, und andern, die er nicht aussprach, merkte man, daß er Geheimnis und Abenteuer barg. Auch das war verführerisch. Die sanfte und sich hingebende Berthe gab sich, als Maurice sie bei der Hand faßte, sanft hin. Sie gewöhnten sich daran, einander täglich zu sehen. Er ging unter den Fenstern auf und ab, indem er auf besondre Weise pfiff: fü-o-fi, fü-o-fi. Sie hörte es im tiefsten Herzen wie eine Stimme, die sie schon lang zu hören erhofft hatte. Sie kam hinunter gelaufen.
Der Vater erfuhr schließlich alles:
„Ich kenne ihn. Ein sauberer Tischler! Den ganzen Tag bummelt er im Viertel herum. Ich möchte gern wissen, wann er arbeitet. Mir scheint, es steckt wenig Gutes in ihm.“
Er regte sich nicht weiter auf, denn als Vater von sieben Kindern hatte er viel Unglück gehabt, und er hatte erfahren, daß das Leben stärker ist als unser Wille.
Er wußte, daß die Pariser Mädchen zwischen all den Versuchungen schwanken, und ihre Väter, ihre armen Väter, ihnen nichts bieten können, sie davor zu bewahren. Er wußte, daß wir Pfuscher und Hunde sind, und daß unser Teil nur das Unglück bleibt, in einer Welt, wo das Unglück verflucht ist. Nach dem Unglück kommt noch ein Unglück, und man kann nur knurrend den Kopf senken.
Er dachte:
„Übrigens ist es ihre Sache. Ich habe sie gewarnt. Wenn es ihre Bestimmung ist, kann ich dagegen nichts tun.“
Die kleine Berthe verließ eines Abende das Vaterhaus, um mit Maurice zusammenzuleben. Ihre Schwester Marthe war gerade in andern Umständen. Die gassenbübische Blanche hatte ihrer Herrin hundert Sous gestohlen.
Maurice und Berthe lebten in einem Hotel in der Rue de l’Ouest. Ein Zimmer für dreißig Francs, im dritten Stockwerk auf die Straße, mit blauen Tapeten und zwei Lehnstühlen dünkte sie schön wie eine Wohnung, in der man alle Bequemlichkeiten hat. Berthe blieb weiter in ihrem Beruf als Kunstblumenarbeiterin tätig. Maurice griff seine fünftausend Francs an. Sie brachte jede Woche fünfundzwanzig Francs und Maurice legte Geld genug dazu, daß sie nichts zu entbehren brauchten. Jeden Abend tranken sie ihren Kaffee in der Bar. Darauf gingen sie ins Cafékonzert oder auf den Ball im Moulin de la Vierge oder ins Montparnassetheater. Die Beziehungen und die Gedanken Berthes erweiterten sich. Sie lernte die Freunde Maurices und ihre Frauen kennen. Die Freunde Maurices arbeiteten nicht viel, denn ihre Frauen arbeiteten für sie, und außerdem kannten sie die Welt hinlänglich, um Arbeit nicht nötig zu haben. Sie sah in ihrem täglichen Leben die Zuhälter und die Spitzbuben und verstand, daß sie nicht die Arbeit liebten, weil es sich mehr lohnt, das Vergnügen zu lieben.
Sie blickten auf die vorüberziehenden Menschen und lachten darüber, die Ellbogen auf dem Tisch zu haben, während sie die andern vorüberziehen sahen. Berthe lernte die Geschichte ihrer Freundinnen kennen. Es gab unverhoffte Glücksfälle für die Frauen, wenn sie an einem Abend zwanzig oder fünfundzwanzig Francs verdienten. Am Morgen lachten sie erst recht, zunächst über das Geld, und dann in Gedanken an jene, die für eine Frau zwanzig oder fünfundzwanzig Francs bezahlen. Es gab unverhoffte Glücksfälle für die Männer, wenn ihre Unternehmungen gelangen. Der lange Jules brachte einmal von seiner Expedition einen Ballen schwarzer Seide mit. Die Frauen aller Freunde erhielten ihren Anteil. Berthes Kleid kam ihm schöner vor, weil sie es sich nicht auf dem gewöhnlichen Wege verschafft hatte. Es geschah, daß er darüber auf der Straße lachen mußte, wie zu einem guten Spaß. Der lange Jules mußte acht Monate in der Santé absitzen, wegen Einbruchsdiebstahls. Er kannte die Welt und worauf sie hinausläuft. Er wußte, daß am Ende der Welt sich das Gefängnis befand, und rechnete damit. Er handelte fest nach seinem Willen. Er verstand ein Schloß aufzubrechen und konnte glatt einen Menschen töten. Die Frauen umgaben ihn mit Liebe wie Vögel, die Sonne und Kraft besingen. Er war einer von jenen, die niemand bezwingen kann, denn ihr Leben, außerordentlicher und schöner, schließt die Liebe zur Gefahr in sich.