Der Augustnachmittag breitete sich auf dem blauen Himmel aus und fiel auf die Schultern wie ein schwerer Mantel. Maurice folgte dem Quai aux Fleurs, wo die Blumen dürsteten und die Händler friedlich schwitzten, indem sie die Vorübergehenden betrachteten. Die Wärme drückte auf seinen Kopf und belud ihn mit einer ungestalten Last von Gedanken, die er nicht formen konnte, die er aber alle durcheinander jagen fühlte. Zum erstenmal in seinem Leben lernte er die Unentschlossenheit kennen. Er, der gewöhnlich ohne Bedenken aufs Ziel losging, schritt den wenig bevölkerten Quais entlang ziellos hin und hörte seine Schritte klingen. Er schlug den Weg über den Quai de l’Horloge ein, schritt längs der Mauer des Justizpalastes, die nach Gefängnis riecht, überquerte die Place Dauphine, den Pont Neuf und folgte der Linie der Quais zwischen den Bäumen und den Büchern, mit großen schweren Schritten, als wollte er seine Gedanken niedertreten. Er beachtete nichts, nicht einmal die Erdarbeiter und die Maurer am Orleans-Bahnhof, nicht einmal die fliegenden Fährboote und die Schlepper. Er schritt energisch hin im Gewoge der Gedanken, die so in seine Gliedmaßen übergingen wie bei Menschen der Tat, bei denen Gedanken zu Gebärden werden. Er machte Kehrt an der Concorde-Brücke, ging wieder über die Linie der Quais, dann trat er in die Rue Bonaparte, um seine Schritte nach Plaisance zu lenken.

Das große Wort entschlüpfte ihm, als er mit großen Schritten dahinging, und schlug ein wie der Donner, während er marschierte, und rollte dann, ihm den Marsch trommelnd wie ein schwarzer Tambour. Die Seuche, Berthe und die Seuche! Er fühlte sie an seiner Seite wie einen roten und blutenden Gefährten, wie einen unglaublichen und grausamen Gast. Er wandte sich in die Rue Bonaparte, wie man sich ins Wasser wirft, wenn einen die Flammen verzehren, und stieg nach Plaisance hinauf. Die Seuche, Berthe und die Seuche! Er kannte seine Feinde und blickte ihnen ins Gesicht wie ein Mann, der keine Furcht hat. Er verstand sich zu schlagen, und er ging durchs Leben ohne Bedauern und ohne Schande, und er nahm den Zufall so an, wie man ihn auf den Straßen von Paris mit Diebstahl, Verbrechen und Gefängnis trifft. Aber die Seuche, Berthe und die Seuche! Er hätte sie nehmen und sie rütteln wollen, Auge in Auge, bis in den Tod und bis zum Sieg.

Er dachte an Dramen, an „Roberts Schmach“, an Gebrüll und Niederlagen. Er erinnerte sich des wissenschaftlichen Namens „Syphilis“. Die unerbittliche und schneidende Wissenschaft, die die Krankheiten benennt und kennt, flößte ihm Angst ein, weil sie uns in Spitäler treibt, weil sie uns erblickt und durchschaut, weil sie ihre Worte und ihre Instrumente in unser Leben senkt, als wären wir nichts als Leib, Krankheit und Tod.

Aber dies Wort, die „Seuche“, war noch schrecklicher. Gewiß, Maurice hatte keine Furcht vor Worten. Die Worte sind Ausgeburten kranker Phantasie, über die das Leben erhaben ist, das man leben muß, ohne an Worte zu denken. Er war ein „Zuhälter“, ein „Subjekt ohne Beschäftigung“, und darüber mußte er oft lachen. Über „das öffentliche Mädchen Berthe Méténier“ auch. Was hatten Worte für einen Wert, wenn man nur nach Belieben lebte! Aber die Seuche! Er erinnerte sich an eine Geschichte seiner Kindheit. Er war vierzehn Jahre, als einer der Nachbarn zweiundzwanzigjährig starb. Die Nachbarinnen sagten: „Er ist als ein wahrer Düngerhaufen gestorben. Man sagt, daß er durch und durch verfault war.“ Durch und durch verfault sein . . . Ihm kamen andre Kindheitserinnerungen und Gedanken an Reinheit. Niemals war er krank gewesen. Seine Mutter, die aus der Provinz stammte, hatte gesagt: „Das sind Krankheiten, die man in unsern Familien nie gesehen hat.“ Durch und durch verfault sein . . . Er stellte sich rote und feuchte Wunden vor, Verbände und Watte, und sah sich in einem Spitalsbett ausgestreckt mit einem grünlichen und durch und durch verfaulten Leib. Zur Zeit, da er Kunsttischler war, sagte einer seiner Kameraden: „Wenn mich einmal die Syphilis erwischt, jage ich mir eine Kugel in den Kopf!“

In Plaisance ging er schnurstracks zu seiner Mutter. Sie lebte in einem Krämerladen ein bescheidenes und bedrängtes Leben. Sie verkaufte nur Kleinigkeiten zu zwei Sous, da die „Verpflegungsmagazine“ alles Geld der Viertel verschlingen. Sie stand hinterm Ladentisch, bediente und plauderte mit dem zutraulichen geschwätzigen Gehaben der Kleinhändlerin.

Eine Nachbarin, die da war, sagte: „Da kommt ja Ihr Sohn.“

Er hatte jene betonte Höflichkeit, die in den Leuten eine bessere Meinung erweckt und bewirkt, daß unsre Eltern uns niemals verleugnen. Er ging in den Hinterraum. Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und sah die Gegenstände des Zimmers nach den Klängen einer Musik tanzen, die seinen verstörten Kopf erfüllte. Gewöhnlich sah er sie an, wie man ein kärgliches Leben ansieht, dachte an seine Freiheitsideen und kostete ein Gefühl von Überlegenheit aus. Aber diesmal sah er, Maurice, der kein Bedauern kannte, wie friedlich der Raum hinterm Laden und wie gut der Frieden war, obgleich sein gänzlich aufgeregter Kopf tanzte und wie ein Wrack endlos von Strudel zu Strudel wirbelte und tanzte.

Er schüttelte den Alpdruck ab:

„Gib mir ein Glas Wein.“

Sie fürchtete übrigens, daß er gekommen wäre, um ihr Geld abzuverlangen. Sie sagte: