„Du hast Syphilis?“

„Nein, aber sie ist mir auf den Fersen.“

„Ha, ha, ha! . . .“ machte der lange Jules. „Auf den Fersen ist sie nicht. Bah! Die Syphilis tut nicht weh. Ich hatte sie vor zwei Jahren. Sie haben mich Pillen einnehmen lassen, als ich in der Santé war. Ich hatte nie etwas gehabt. Erst Francine, du kennst sie, hat sie mir eingewirtschaftet. Ich hätte es vermeiden können, man hatte mich voraus gewarnt, aber man läßt eine Frau nicht, weil sie krank ist.“

Er erklärte darauf, daß man Flecke auf der Haut und Belag im Munde hat und daß das ganz von selbst vergeht. Auf seinem Stuhl sitzend, erklärte er die Krankheit mit gleichmütigen Worten, dann, nachdem er gesprochen hatte, dachte er an etwas andres. Weder das Gefängnis noch die Krankheit hatte ihm je Pein bereitet, weil sein Wille stärker war, als alle Übel. Er wanderte geraden Schrittes mitten durch die Gefahren und kämpfte ohne Zorn und ohne Fieber, so bald er sich zum Kampf entschlossen hatte. Ich sagte, daß er stärker war, als die Syphilis.

Er war übrigens erstaunt, daß Maurice sie noch nicht hatte: „Wir haben sie alle“, wiederholte er. Maurice bestellte zwei Glas Mokka und leerte das seine auf einen Zug. Wenn er die Krankheit nicht hatte, war es hohe Zeit, Berthe zu verlassen. Er konnte sie nicht haben, da sie erst vom ersten Anzeichen gesprochen hatte. Die Frauen wechseln, sie folgen einander und sind so zahlreich, daß ein geschickter Mann nicht zu fürchten braucht, keine zu haben. Diese heimlichen Gedanken schlichen sich in sein Gehirn ein und schienen es zu umstricken. Aber die Gedanken, die ihm der lange Jules mit sicherer Geste vorgeführt hatte, lebten vor seinen Augen und er sah sie, wie sie, Seite an Seite, aufrecht marschierten. Er leerte sein Glas auf einen Zug.

Jeder zahlte seine Runde, sie erhoben sich. Es war vier Uhr. Sie gingen die Avenue du Maine hinab, die Hände auf dem Rücken, langsamen Schrittes, mit dem kecken Blick der Mädchenhirten. Auf beiden Seiten der breiten Straße schienen die Häuser niedrig, die Auslagen dürftig und die Fußgänger spärlich zu sein. Um so mehr schienen Jules und Maurice zu wachsen. Mit dem langsamen Schritt des Besitzers, dem kecken Blick des Herrn, fühlten sie sich in ihrem Viertel, das sie kannten, wie man einen Teil seiner selbst kennt, und über das sie Rechte besaßen. Maurice fand ein wenig Selbstbewußtsein wieder: Ich bin Maurice, den man auch Bübü von Montparnasse nennt. In diesem Viertel, wo er seine ersten Schritte getan hatte, fühlte er sich angeregt und frei wie am ersten Tag, betrachtete die Dinge und dachte, daß er sie schon früher gekannt, daß er sie aber heute noch besser kannte, weil er mehr Erfahrung hatte.

Das Selbstbewußtsein! Wer sich selbst prüft und sich alles mögliche Unglück einbildet, findet die alten Kräfte wieder, die ihn belebten, und fühlt, daß sie ewig sind und das Unglück niederzwingen werden. Sie begegneten der Dirne Cecile, die ohne Hut, in der Schürze, ebenso wie sie selbst, gern in den Straßen des Viertels herumstrich. Sie war braun, ein wenig dick, mit scharfen Zügen und ließ an Messerstiche denken. Sie sagte:

„Ich habe Machin versetzt. Er will mir den Hals umdrehen. Ich habe ihm gesagt: Oh! la, la, mein Kleiner! Du hast noch keinem Spatzen eine Feder gebrochen.“

Der lange Jules lächelte, denn sie war eine seiner Frauen. Er wollte keine behalten, hatte sich aber im Bereich seiner Tätigkeit gewisse Rechte auf ihre Liebe gewahrt. Er nahm jeden Abend auf dem Heimweg eine mit und schlief mit ihr ohne Umschweife.

Maurice lächelte, denn er war denen weit überlegen, die man versetzt.