Er bestellte zwei weitere Absinths.
Der zweite Absinth erfüllte Maurice mit Gemurmel und floß wie eine Welle und umspülte sein Herz. Er spürte im Kopfe tausend erwachte Gedanken summen, die strömten, lachten und sangen. Das Echo des Guten antwortete dem Echo des Bösen wie Stimmen, die sich locken, und wie Schritte, die sich fliehen. Berthe neigte sich, um ihn zu lieben, und lachte über die Krankheit. Die Welt ähnelte einem Menschen, der unschuldig und verseucht Absinth trinkt auf den Terrassen. Große Gefühle wandelten schreiend auf den Straßen, nahe den Bahnhöfen, ähnlich der Liebe, dem Glauben, dem Wissen. Man sah Freude, die Bewegungen glichen Tänzen, die Menschen waren klein neben dem, der träumte, und das Leben lachte wie eine Frau, die man kennt und die man zu lenken versteht.
Plötzlich erinnerte er sich des Liedes. Deiner, das tröstet, o altes Lied von der Seuche, das die Kranken besingt. Du stimmst uns mild und dichterisch wie das Leiden der Verwundeten:
„Alter Kunde vom Spitale . . .“
Du birgst ein Großteil Liebe und Ergebung und du birgst noch mehr als Ergebung. Du schlägst uns ans Kreuz auf unserm Kalvarienberg, du weisest uns unsre Wundmale, du besingst die Arzeneien und verlachst die Schmerzen, du tanzest um unsretwillen und du läßt uns glauben, daß unsre Leiden glorreich sind. Oh, sei gesegnet! Altes Lied von der Seuche! Im Hospital, wo du geboren wardst, sangst du dich von Bett zu Bett in alle Herzen hinein, du verklärtest die Sterbenden und du senktest deine Flügel auf die Stirn der Siechen, altes Lied von der Seuche!
„Wem mehr gegeben ist zu leiden, der ist wert, mehr zu leiden.“ Du erinnerst an dies schöne Wort. Bist du das Wissen vom Guten, bist du das Wissen vom Bösen? Du schmiegst deinen alten Leib an den unsern, du sprichst von Quecksilber und du sprichst von Liebe. Du sagst:
„Nein Bruder, dein Schwesterlein sitzt an des Bettes Rand
Und legt dir aufs heilende Herz die Hand.“
Als Maurice Jules verlassen hatte, wandte er sich in die Rue de Rennes und wollte nach Hause zurückkehren. Die frischere Luft von sieben Uhr wehte zwischen den Häusern, kühlte die Stirne und sänftigte die Gedanken nach der Tagesarbeit. Die Fußgänger, etwas schwer, spürten ihre Schultern von der Arbeit befreit und wanderten nach ihren Häusern und zu ihren Frauen mit dem hellen Gefühle des Sommers. Maurice war in besserer Laune als gewöhnlich. Berauschtes Blut rann in seinen Gliedern, munter bald, bald gütig. Warum ist das Menschenherz so groß?