Pierre Hardy, der den ganzen Tag in seiner Kanzlei gearbeitet hatte, erging sich unter den Passanten des Boulevards Sebastopol. Ein junger Mann von zwanzig Jahren, erst seit sechs Monaten in Paris, schreitet unsicher durch das Pariser Schauspiel. Die Wagen, die rollen, die grellen Lichter, die Menge in den Straßen, der Luxus und der Lärm bilden eine babylonische Verwirrung, die bestürzt und einen Wirbel allzuvieler Gedanken auf einmal entfesselt. Alle Provinzler haben dieses Unbehagen gefühlt und sind darüber linkisch und traurig geworden. Ich versichere Ihnen, daß die hübschen Dorfburschen, die zu Hause auf den Tanzböden prächtig aussehen, auf den Boulevards eine trübselige Figur machen.
Ein Mensch, der geht, trägt alle Dinge seines Lebens und bewegt sie in seinem Kopfe. Ein Schauspiel weckt sie, ein andres löscht sie aus. Unser Körper hat alle unsre Erinnerungen bewahrt, wir vermengen sie mit unsern Wünschen. Wir durchlaufen die Gegenwart mit unserm Gepäck, wir gehen und haben es in jedem Augenblick bei uns.
Hier die Gedanken, die Pierre Hardy diesen Abend spazieren führte:
In das Haus eines Städtchens im Osten, wo seine Eltern Holzhandel treiben, kehrt Pierre Hardy gern in Gedanken zurück, denn er ist zwanzig Jahre und lebt erst seit dem Monat Januar in Paris. Es ist ein Haus auf einer Anhöhe, ein wenig abseits von der Stadt und von einem Garten umgeben. Dort ist gut sein an den Sommerabenden, wenn eine Brise die Dämmerung durchweht und man sich im Garten niederläßt, um die Nacht einzuatmen. Die Sterne ziehen die Gedanken an; es wetterleuchtet ein paarmal, „Entladungen der Hitze“, und man lebt, die ersten Zigaretten rauchend, friedlich unter den Seinen. Alle Einzelheiten sind reizend. Wenn es zu heiß ist, trinkt man am Abend, statt Suppe zu essen, Milch; das erfrischt bis ins Herz hinein. Oft kamen seine ältere verheiratete Schwester und seine kleine Nichte auf eine Woche zu Besuch. Man kochte ein wenig mehr, war ein wenig heiterer. Die jüngere Schwester spielte die Mama der kleinen Juliette. Sie ging mit ihr aus und kaufte ihr Näschereien. Nichts fehlte ihnen. Alle Mitglieder dieser Familie fühlten klar, daß sie ein Ganzes in der glücklichen Natur bildeten.
Er dachte noch an seine drei Jahre Fachschule. Er hatte Brücken und Maschinen von verwickeltem Aussehen zeichnen gelernt und säuberliche und bewunderungswürdige Tuschzeichnungen mit Farbe decken. Seine Eltern hatten sich in ihr Zimmer eine schöne Zeichnung einrahmen lassen, die einen Bahnhof zwischen zwei Hügeln darstellte. Er hatte die Schule mit Nummer 2 verlassen, mit einem Diplom und einer vergoldeten Medaille.
Er konnte als Zeichner mit hundertfünfzig Francs monatlich in eine Eisenbahngesellschaft eintreten. Er bedauerte, nicht in die Ingenieur- Fachschule eingetreten zu sein, wie seine Professoren ihm geraten hatten. Seine Eltern hätten sich dies Opfer auferlegt und er hätte rasch den Grad eines Bureauleiters erlangt.
Auf dem Boulevard Sebastopol, dessen elektrische Bogenlampen schnurgerade liefen, erging er sich unter Tausenden von Fußgängern. Die Lichter durchdrangen das Laubwerk der Bäume und fielen mit den Schatten der Zweige auf den Bürgersteig. Es schien ihm, als wären die Lichter glänzender und die Menge noch zahlreicher. Die jungen Leute aus der Provinz glauben sich verloren inmitten der hunderttausend Menschen. Er kannte niemand und ging immerzu, und neue Passanten schritten vorüber, alle einander ähnlich in ihrer Gleichgültigkeit, und sahen ihn nicht einmal an. Ihr Lärm umringte ihn wie das Tosen einer Vielheit, an der er nicht teil hatte. Er sah sich in der Menge, die wirbelte und gestikulierte und heiter war wie manches Lachen, das er im Vorübergehen erschallen hörte, und strahlend wie mancher Frauenblick, den er auffing.
Er versuchte sich an etwas festzuklammern, um nicht zu versinken. Er hatte das Bedürfnis, in sich selbst hinabzusteigen und dort, während all dies ringsum geschah, irgend eine Freude zu finden, um mitten in der allgemeinen Fröhlichkeit nicht verloren zu sein.
Er wollte einen Damm aufrichten gegen die steigende Flut und schreien: „Ich bin auch da. Mit Stein und Zement stemme ich mich euch entgegen und halte euch auf, wenn ihr auf mich einbrüllt!“
Er bewohnte in einem Hotel der Rue de l’Arbre-Sec ein Zimmer im fünften Stock. Diese Hotelzimmer sind stets unsauber, weil allzu viele Mieter darin gelebt haben. Das Bett, der Spiegelschrank, die beiden Stühle und der Tisch auf Rädchen füllen sie. So klein sind sie, daß diese vier Möbel sie übervoll zu machen scheinen. Hier lebt man für fünfundzwanzig Francs im Monat ein Leben ohne Würde. Die Bettmatratzen sind schmutzig, die Fenstervorhänge sind grau wie ein Armeleutetag. Der Kellner hat einen Hauptschlüssel, der ihm erlaubt, jeden Augenblick in dein Zimmer einzutreten. Deine Nachbarn wechseln alle vierzehn Tage und du hörst sie durch die Scheidewand. Die einen sind Trinkerpaare, die sich streiten, die andern riechen nach Prostitution, und sind manche ordentlich, so flößen sie doch kein Vertrauen ein. Die armen Mieter in den Hotels haben kein Daheim. Pierre Hardy konnte nicht sagen: „Ich habe eine Zuflucht, wo ich unter Dingen bin, die mich anheimeln, wenn ich traurig werde“.