Die einzige Zuflucht war ihm sein Freund Louis Buisson, dem er sich seit dem ersten Tage anschloß. Louis Buisson war fünfundzwanzig Jahre alt und arbeitete als Zeichner in demselben Büro wie Pierre Hardy. Dieses Männchen von 1 Meter 35 Höhe war wegen seines kleinen Wuchses vom Militärdienst zurückgewiesen worden. Darum genoß er nicht viel Achtung bei seinen Kameraden, die ihn für einen guten Burschen hielten, dessen Bedeutung aber nur 1 Meter 35 maß. Ehemals hatte er beabsichtigt, die polytechnische Hochschule zu besuchen, und Mathematik studiert, was ihn daran gewöhnt hatte, alles zu analysieren, und bis zu zwanzig Jahren war er in einem Provinzgymnasium gewesen, was ihn daran gewöhnt hatte, zu dulden. Der Zusammenbruch seiner schönen Zukunftsträume machte ihn bescheiden. Er dachte: „Ich verdiene hundertachtzig Francs monatlich. Ich bin wie ein Mann aus dem Volke und arbeite, um das Brot zu verdienen, das ich esse.“ Am Abend beschäftigte er sich mit Literatur und Philosophie, nachdem er auf der Straße spazieren gegangen war und die jungen Frauen betrachtet hatte. Er sagte: „Sie laufen allem nach, was glänzt, den reichen jungen Leuten und den schönen jungen Leuten. Die reichen jungen Leute erziehen die Frauen zum Luxus, und die schönen jungen Leute, von denen sie betrogen werden, lehren sie, daß die Liebe nur ein simples Vergnügen sei. Sie kehren später zu uns zurück. Sie richten uns durch Toiletten und Theater zugrunde und haben nicht mehr Glut genug, um unsre Geliebten und unsre Gefährtinnen zu werden. Ich für meine Person korrespondiere mit einer kleinen Bonne. Da sie schlicht und arbeitsam ist, werden wir uns heiraten. Ich will wie ein Mann aus dem Volke leben, mit einem Weibe aus dem Volke. Im übrigen hasse ich die Reichen, die uns unsre Freuden stehlen.“
Er besaß seine Möbel und wohnte am Quai du Louvre in einem Zimmer im fünften Stock. Pierre Hardy erstattete ihm Bericht von allen seinen Stimmungen und allen seinen Abenteuern, und Louis Buisson legte ihm gleiche Geständnisse ab. Solch eine Freundschaft gibt uns Lebensmut, indem sie unsre Freuden verlängert und uns in unserm Kummer tröstet. Man sagt sich: Das werde ich Louis erzählen, der mir sagen wird: „Mein lieber Freund, wir leiden, weil wir arm und schüchtern sind und hauptsächlich, weil wir ein reines Herz haben“. Sie waren durch einen kleinen Unterschied in der Erziehung voneinander getrennt. Pierre Hardy wohnte in der Rue de l’Arbre-Sec, die eine Pariser Straße ist. Louis Buisson wohnte am Quai du Louvre, wo die Luft viel freier ist.
Aber es gibt Abende, an denen die Freundschaft nicht genügt. Die Worte und der gewöhnliche Anblick der Freundschaft beruhigen uns. Wir haben aber auch das Bedürfnis, uns zu ermüden. Pierre Hardy empfand inmitten der Flut ein wenig Freude, die ihm sein Freund bereitete, und er betrachtete die Menge, indem er dachte: „Ihr habt keinen Freund wie Louis Buisson.“ Aber das tröstete ihn nicht, und der ganze Lärm des Boulevards sprach: „Besser ist, eine Frau zu haben.“ Er dachte noch: „Ich bereite mich auf die Prüfung für Brücken- und Straßenbau vor, ich werde gewiß zum Bureauchef ernannt werden. So viele Männer, die da mit Frauen am Arm vorübergehen, werden kleine Angestellte bleiben!“ Aber die ganze Menge schrie ihm im Vorübergehen zu: „Was macht das! Wir haben Frauen und lachen.“ Er antwortete: „Ich habe einen Vater und eine Mutter, die mich mehr lieben, als euch eure Frauen!“ „Was macht das!“ sprach die Menge. „Du bist allein und langweilst dich. Wir haben Frauen und lachen.“
So wurde er gezwungen, zu verstehen, daß die ganze Festfreude wertvoller sei als sein einsames Dasein. Er konnte dem Lichterglanz und der entfesselten Lust nichts entgegensetzen. Louis Buisson, der von zwei oder drei Philosophischen Grundsätzen passioniert war, schöpfte daraus Kraft genug, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Übrigens suchte er darin irgendwelche weitere Grundsätze zu entdecken. Pierre Hardy war zwanzig Jahre alt und fand sich mit tausend Wünschen ganz allein mitten in einem sehr verführerischen Paris.
Und oft hatten seine Wünsche ihn geleitet. An manchen Abenden, wenn er bis elf Uhr gearbeitet, schloß er seine Bücher und fühlte sich traurig mit all ihrer Wissenschaft. Alle Diplome wogen das Glück nicht auf, zu leben. Zwei oder drei Bilder von Frauen, die ihm begegnet waren, tauchten in seiner Phantasie auf, und er hing ihnen zunächst nach, um sich zu entspannen. Dann flammte das ganze Feuer seiner zwanzig Jahre empor, alle seine Sinne empfanden, was eine vorüberschreitende Frau in sich schließt. Da richtete er sich auf, die Kehle trocken und das Herz zusammengepreßt, löschte die Lampe aus und ging auf die Straße hinunter.
Er schritt aus. Prostituierte tänzelten an den Straßenecken in ihren ärmlichen Röcken und mit ihren fragenden Augen: er beachtete sie gar nicht. Er schritt dahin, wie die Hoffnung schreitet. Irgendeine Frau mit geschnürter Taille ging vor ihm her, da verlangsamte er den Schritt, um sie besser zu sehen. Darauf lächelte sie ihm zu. Da beschleunigte er den Schritt, um ihr rascher zu entfliehen, und weil schon eine andre Frau mit geschnürter Taille . . . Er schritt dahin wie die Hoffnung schreitet, von Frau zu Frau. Er wollte die einen nicht, weil sie zu leicht zu haben waren. Er wagte nicht, die andern anzusprechen, weil sie nicht den Eindruck machten, als wären sie leicht zu haben. Er schritt dahin, wie die Hoffnung schreitet, von Frau zu Frau, bis ihm keine Hoffnung mehr blieb.
Manchmal überholte ihn eine verspätete junge Arbeiterin, die schnell ging, um nach Hause zu kommen. Sie hatte einen schwarzen Rock, eine schlichte Bluse und einen schmucklosen Hut. Es war ein junges Mädchen, das wie ein junger Mann arbeitet und an die Liebe denkt. Pierre Hardy sagte sich dies naiv und folgte ihr, folgte ihr sehr schnell. Er prüfte sie, schätzte in Gedanken die Menge Glück ab, die sie spenden könnte. Wenn er neben ihr war, sagte er sich: „Ich will sie nicht jetzt ansprechen, denn wir sind in einer zu belebten Straße“. Er folgte ihr Schritt für Schritt, alle seine Gedanken aufrührend, und folgte ihr mit großen Schritten, wie man ein Ideal verfolgt. Er wäre ihr sehr weit in die Nacht gefolgt, denn sie war ihm das Licht. Alle seine Abenteuer nahmen den gleichen Ausgang. Unerwartet läutete das junge Mädchen an einer Haustür. Sie war zu Hause. Er sah sie ein letztesmal an und setzte seinen Weg fort, indem er an morgen dachte und an alle die morgen, an denen er dem Glück nicht begegnen sollte, das er soeben hatte entfliehen lassen.
Und am Ende fühlte er noch, ermüdet von dem Marsch, das alte Verlangen, das ihn vorwärtstrieb. Um Ruhe zu haben, nahm er die erste, die daherkam, und in einem Hotel auf einem Bett um vierzig Sous ergoß er sich in ein Mädchen, das schmutzig war wie ein öffentlicher Ausguß.
Am Abend des fünfzehnten Juli war der Boulevard Sebastopol viel lebendiger. Die einen schlenderten paarweise und schienen ihre Liebe auszuführen. Junge Leute sagten: „Sie hatte feste kleine Brüste. Ich möchte sie doch wiederfinden.“ Paris war unterwegs mit Wagen, die rollen, mit Liedern der Betrunkenen und mit so vielen Straßenmädchen, daß unter ihnen auch ein paar verführerische waren. Die Bogenlampen umgaben sich mit einem Hof und bildeten, eine hinter der andern die Luft zwischen den Häusern erhellend, einen großen leuchtenden Kanal, der die Dächer säumte, bis zum Himmel stieg und ihm sein Feuer zuwarf. Diese Atmosphäre badete einen in zartem Fluidum, in einem elektrischen durchdringenden Bade. Dann verwandelten warme Winde, der Atem einer Sommernacht, Paris gleichsam in ein brüllendes Tier, das, schweißbedeckt und mit wahnsinnigen Augen, solange keucht, bis es ohnmächtig wird. Ein Schrei antwortete dem andern, ein Fußgänger weckte das Verlangen des andern, die Lichter entzündeten ihn wie einen Strohhalm, jedes Leben schwoll auf dem Boulevard an und schrie wie das brünstige Tier bis in die Tiefe der vergehenden Herzen.
Und Pierre Hardy erinnerte sich, wie er den Frauen nachgelaufen war. Er schämte sich der Erinnerung unter den Lichtern zwischen Tausenden von Passanten, aber er zürnte ihnen so, wie ein Mann großen Gedanken zürnt, die ihn locken. Vor seinen Augen schritt das Weib mit seinem Geschlecht, seinem offenen Geschlecht, wie Louis Buisson sagte. Pierre Hardy war nichts mehr. Das entfesselte Paris trug ihn, nahm ihn auf seine großen Fluten und entführte ihn, Pierre Hardy, den Sohn eines Holzhändlers, Freund Louis Buissons, den künftigen Brücken- und Straßenbaumeister, trug ihn zwischen den beiden verlorenen Ufern und entführte ihn bis ans Ende der Welt.