„Du glaubst, es geht, wie man will. Heute abend wird mehr als eine keine hundert Sous nach Hause bringen. Ich hab einen getroffen, der zuerst nur drei Francs geben wollte, und dann war er mit fünf Francs einverstanden, unter der Bedingung, daß ich eine Stunde bei ihm bin. Mir ist es lieber so. Man schafft sich seine Kundschaft, und dann sind es bessere Leute.“
Maurice antwortete nicht. Sie fuhr fort:
„Oh! ja, ich weiß, du denkst an meine Schwester Blanche, weil sie fünfzehn Francs verdient. Und nachher amüsiert sie sich mit kleinen Jungens und arbeitet drei Tage nicht wieder.“
Maurice antwortete nichts.
„Ich könnte auch solche haben, die vierzig Sous zahlen. Die bieten sich mir genug an. Und dann müßte ich die ganze Nacht herumlaufen wie Blanche, um etwas zusammenzubringen. Ich komme dir jetzt schon zu spät nach Hause.“
Sie hatte ein großes Bedürfnis nach Anerkennung. Die Schwache brauchte einen Halt; die Sanfte brauchte gute Worte. Sie hätte lange geplaudert. Er wußte, daß man sich in Geldsachen immer anspruchsvoll zeigen muß. Die Frauen würden nicht mehr arbeiten, wenn die Männer sie anhören wollten. Er antwortete:
„Laß mich in Ruh! Ich will schlafen.“
Maurice Bélu wurde geboren und lebte im Viertel Plaisance, wo seine Mutter ein kleines Geschäft hatte. Bis zum Alter von sechzehn Jahren war er in der Schule geblieben, weil es besser ist, etwas mehr Unterricht zu genießen, und weil es nicht eilt, die Kinder in die Lehre zu schicken, wo sie schlechte Gewohnheiten annehmen. Er empfing eine sorgfältige Erziehung, verließ die Schule mit einfachem Abgangszeugnis und verkehrte mit Jungen seines Alters, die ihm den Beinamen Bübü gaben. Er lernte Kunsttischlerei bei einem Meister des Faubourg Saint-Antoine. Man nannte ihn dort Maurice. Eines Tages, als er die Werkstatt verließ, rief einer seiner früheren Schulkameraden, der ihn sah: „Halt, da ist Bübü!“ Das ging nun nicht verloren, weil nichts verloren geht. Maurice wurde wieder Bübü.
Er war ein kleiner Kerl, dessen Rumpf kräftig auf strammen Beinen ruhte. Er schlug sich auf die Brust mit den Worten: „Klein, aber feste!“ Und sein Kopf war knochig, und seine beiden eigensinnigen und etwas duckmäuserischen Augen verbargen sich hinter Backenknochen. Er hatte vor allem zwei gewölbte Kiefer, die ihre ganze Anatomie zeigten, wenn sie die Nahrung zermalmten, wobei Knochen und Nerven und Muskeln krachten. Das will nicht besagen, daß er riesigen Appetit hatte, sondern einfach, daß er zuzubeißen verstand.
In der Zeit, da ihn die Mutter aus Furcht vor den schlechten Gewohnheiten, die man in der Lehre annimmt, in die Schule geschickt hatte, machte Bübü eine Reihe von Bekanntschaften. Die einen waren Lehrlinge, die jeden Abend in allen Straßen herumstrichen und lachten. Die andern waren etwas, dem man gern auf der Straße begegnet: die kleinen Mädchen von vierzehn, fünfzehn und sechzehn Jahren. Es sind die Töchter von nicht zu strengen Eltern, die die Jugend in Freiheit erziehen. Sie wünschen sich vielerlei, und die sie erblicken, haben die Kühnheit, ihnen noch mehr anzubieten. Du, Rue de Vanves, und auch ihr, Festungsgräben, ihr habt an schönen mondlosen Abenden Bübü vorüberstreifen sehen. Er lernte die Straße kennen, wie sie für die Herumstreicher ist, mit ihren Schaufenstern, an denen man seine Gewandtheit üben kann, und mit ihren Abenteuern. Er lernte etwas Nützlicheres: er lernte mit Frauen umgehen.