Die Prinzessin hatte so wenig Verstand und gleichzeitig so große Sehnsucht, Verstand zu besitzen, daß sie sich einbildete, das Jahr würde niemals zu Ende gehen: deshalb nahm sie den ihr gemachten Vorschlag an. Kaum hatte sie Riquet mit der Locke versprochen, ihn am gleichen Tage des nächsten Jahres zu heiraten, als sie sich anders fühlte, wie sie vorher war: sie bemerkte in sich eine unbekannte Fähigkeit, alles, was sie sagen wollte, auf eine feine, heitere und natürliche Art zum Ausdruck zu bringen; und sie begann mit Riquet eine artige und wohlgesetzte Unterhaltung, die so geistreich war, daß der Prinz glaubte, ihr mehr Verstand gegeben zu haben, als er sich selbst behalten habe.
Als die Prinzessin ins Schloß zurückkehrte, wußte der ganze Hof nicht, was er zu einer so plötzlichen und außerordentlichen Wandlung sagen sollte.
Noch kurz vorher hatte sie lauter albernes Zeug geredet, und jetzt hörte man von ihr tiefempfundene, unendlich geistvolle Dinge.
Der ganze Hof hatte eine so große Freude, wie man es sich nicht vorstellen kann. Aber die jüngere Schwester der Prinzessin freute sich weniger: Jetzt, wo sie vor der älteren nicht mehr den Vorzug der Klugheit voraushatte, erschien sie neben ihr wie ein recht unangenehmes Affengesicht.
Der König gab viel auf ihre Meinung und hielt sogar öfters den Staatsrat in ihrem Zimmer ab.
Als sich nun die Kunde von dieser Wandlung verbreitete, gaben sich alle jungen Prinzen der benachbarten Reiche Mühe, sich bei der Prinzessin beliebt zu machen, und fast alle begehrten sie zur Frau. Sie fand aber keinen, der ihr klug genug war, hörte sie alle an und entschied sich für keinen von ihnen.
Eines Tages aber kam ein so mächtiger, reicher, kluger und schöner Prinz, daß sie sich einer Neigung für ihn nicht enthalten konnte.
Als das ihr Vater merkte, sagte er zu ihr, er stelle ihr die Wahl eines Gatten frei, sie brauche sich nur zu erklären.
Da nun, je klüger man ist, es einen desto mehr Mühe kostet, in solcher Angelegenheit zu festem Entschluß zu gelangen, dankte sie ihrem Vater und bat ihn um Bedenkzeit.
Zufällig ging sie eines Tages in demselben Wald, in dem ihr Riquet mit der Locke begegnet war, spazieren, um ungestört darüber nachzudenken, was sie tun solle. Wie sie so in ihre Gedanken versunken dahinschritt, hörte sie unter ihren Füßen ein dumpfes Geräusch, als ob viele Leute geschäftig hin und her gingen.