Ihre Patin eilte herbei und als sie sah, wie sich die Prinzessin ihr Haar raufte und ihre zarten Wangen zerfleischte, sprach sie:
»Was tust Du da, mein Kind! Es ist doch der glücklichste Augenblick Deines Lebens! Hülle Dich in diese Haut, verlasse den Palast und gehe so weit, wie Dich die Erde trägt, denn wer alles seiner Tugend opfert, den werden die Götter belohnen. Mache Dich auf, ich werde Sorge tragen, daß Dir Deine Kleider überall folgen, wohin Du auch gehst. Der Kasten mit Deinem Schmuck und Deinen Gewändern wird auf unterirdischem Wege Dich begleiten. Hier gebe ich Dir meinen Zauberstab, klopfe damit auf die Erde, wenn Du Deinen Kasten brauchst, und er wird Dir sofort erscheinen. Doch Du mußt eilen und darfst jetzt nicht mehr zögern!«
Die Prinzessin bat ihre Patin unter tausend Küssen, sie niemals zu verlassen; dann befleckte sie die Eselshaut mit Straßenschmutz, hüllte sich hinein und verließ unerkannt den Palast.
Das Verschwinden der Prinzessin brachte alle in die größte Aufregung. Der König, der gerade ein prächtiges Fest vorbereitete, war untröstlich in seiner Verzweiflung. Er schickte mehr als hundert Gendarmen und ganze Regimenter Soldaten aus, um seine Tochter zu suchen. Aber die Fee nahm sie in ihren Schutz, machte sie unsichtbar und entzog sie den geschicktesten Verfolgern. So mußte der König sich mit ihrem Verluste abfinden.
Die Prinzessin aber wanderte ihres Weges. Sie ging weit, weit und immer weiter und suchte überall nach einer Stellung. Aus Mitleid gab man ihr zu essen; aber jedermann fand sie zu häßlich, um sie in seinen Dienst zu nehmen.
Endlich kam sie an eine schöne Stadt, vor deren Toren eine Meierei lag. Die Pächterin dieser Meierei brauchte eine Magd, um die Wäsche zu waschen und um den Hühnerhof und den Schweinestall zu fegen. Wie nun die Frau die schmutzige Wanderin sah, schlug sie ihr vor, in ihren Dienst zu treten. Mit großer Freude war die Prinzessin damit einverstanden, denn sie war müde von dem langen Wege.
Als Wohnung wies man ihr einen Verschlag an, der weit von der Küche entfernt lag. Die andern Bedienten trieben in den ersten Tagen grobe Späße mit ihr, weil sie in ihrer Eselshaut so schmutzig und abstoßend war. Aber bald gewöhnte man sich an sie; und da sie ihre Pflichten sehr gewissenhaft erfüllte, nahm sich die Pächterin ihrer an.
Die Prinzessin ließ die Schafe aus dem Stall und führte sie auf die Weide. Auch die Truthühner hütete sie mit so viel Verständnis, daß es schien, als habe sie niemals etwas anderes getan. Alles gedieh unter ihren zarten Händen.
Eines Tages saß sie wieder an der klaren Quelle, wo sie oft über ihr trauriges Los weinte. Da kam sie auf den Gedanken, sich im Spiegel des Wassers zu betrachten, und sie erschrak über die gräßliche Eselshaut, die ihren Kopf und Körper umhüllte. Beschämt über ihr Aussehen, wusch sie sich Gesicht und Hände, bis sie weiß waren wie Elfenbein und bis ihre zarte Haut wieder so frisch war wie früher. Erfreut über ihre Schönheit bekam sie Lust zu einem Bade. Aber dann mußte sie wieder in ihre unwürdige Haut schlüpfen, um nach der Meierei zurückzukehren.