Der Prinz war entzückt von diesen Worten und mehr noch von der Art, wie sie gesprochen wurden. Er wußte nicht, wie er ihr seine Freude und Dankbarkeit beweisen könne und versicherte, daß er sie mehr liebe als sich selber. Seine Rede war schlecht gesetzt und gefiel deshalb um so mehr; denn je geringer die Beredsamkeit, um so größer die Liebe. Er war verlegener als sie, denn sie hatte ja lange Zeit gehabt, um darüber nachzudenken, was sie ihm sagen würde. Man braucht sich darüber nicht zu wundern, denn obwohl die Geschichte davon nichts erzählt, scheint es so, als ob die gute Fee dafür gesorgt habe, daß sie sich während des langen Schlafes an schönen Gedanken erfreuen könne. Vier Stunden lang unterhielten sich die beiden miteinander und sie hatten sich noch nicht die Hälfte von dem gesagt, was sie auf dem Herzen hatten.

Indessen war mit der Prinzessin der ganze Palast aufgewacht. Ein jeder versah wieder seinen Dienst; aber da nicht alle so verliebt waren, hatten sie schrecklichen Hunger. Eine der Ehrendamen, die wie die andern hungerte, wurde schließlich ungeduldig und rief laut der Prinzessin zu, das Essen sei angerichtet. Der Prinz half der Prinzessin, als sie sich erhob. Sie war mit einem herrlichen Gewande angetan; aber er hütete sich wohl, ihr zu sagen, daß sie gekleidet sei wie eine Großmutter und einen altmodischen Kragen umhabe: aber trotzdem war sie nicht weniger schön.

Sie gingen in einen Spiegelsaal und speisten dort, von den Offizieren der Prinzessin bedient. Die Geigen und Hoboen spielten alte Melodien, die wunderschön klangen, obwohl man sie seit hundert Jahren nicht mehr gespielt hatte. Nach der Tafel traute sie, ohne Zeit zu verlieren, der Hofkaplan in der Schloßkapelle, und die Ehrendame zog ihnen den Vorhang zu.

Sie schliefen nicht lange, denn die Prinzessin war nicht sehr müde, und der Prinz verließ sie gegen Morgen, um in die Stadt zurückzukehren, wo sein Vater in Sorge um ihn sein mußte. Der Prinz erzählte ihm, er habe sich auf der Jagd im Walde verirrt, in der Hütte eines Köhlers übernachtet und von ihm Schwarzbrot und Käse zum Essen bekommen. Der König, sein Vater, war ein guter Mann und glaubte es. Aber seine Mutter ließ sich nicht so leicht überzeugen. Als sie sah, daß er fast täglich auf die Jagd ging und daß er nie um eine Entschuldigung verlegen war, wenn er zwei oder drei Nächte draußen geschlafen hatte, zweifelte sie nicht mehr, daß er irgendeine Liebschaft habe. Mehr als zwei Jahre lebte der Prinz so mit der Prinzessin; und sie bekamen zwei Kinder. Das älteste, ein Mädchen, nannten sie Morgenrot und das zweite, einen Knaben, Tageshell, weil er fast noch schöner war als seine Schwester.

Um hinter sein Geheimnis zu kommen, sagte die Königin öfters zu ihrem Sohne, er solle doch mit seinem Leben zufrieden sein.

Doch er wagte nicht, sich ihr anzuvertrauen, denn er fürchtete sich vor ihr, obgleich er sie liebte. Sie entstammte nämlich dem Geschlechte der Menschenfresser, und der König hatte sie nur geheiratet, weil sie so reich war.

Man sprach sogar am Hofe ganz leise davon, daß sie immer noch eine Neigung zum Menschenfressen habe, und daß sie sich mit aller Gewalt zurückhalten müsse, wenn sie kleine Kinder sähe, damit sie sich nicht auf sie stürze. Deshalb wollte der Prinz ihr nichts sagen.

Nach zwei Jahren starb der König, und der Prinz folgte ihm nach. Jetzt machte er seine Heirat bekannt und ließ unter großen Festlichkeiten seine Frau als Königin auf sein Schloß holen. Ein herrlicher Empfang wurde ihr in der Hauptstadt bereitet, als sie mit den beiden Kindern einzog.

Es trug sich zu, daß der König gegen den Kaiser Cantalabutte, seinen Nachbarn, in den Krieg ziehen mußte. Er übergab die Regierung der Königin Mutter, und ließ Frau und Kinder in ihrer Obhut zurück.