Den ganzen Sommer mußte er im Felde bleiben. Als er aber abgereist war, schickte die Königin ihre Schwiegertochter und die Kinder in ein Landhaus im Walde, um ungestörter ihrer fürchterlichen Lust zu fröhnen. Einige Tage darauf begab sie sich selbst dorthin und sagte eines Abends zu ihrem Haushofmeister:

»Morgen will ich zum Mittagessen die kleine Morgenrot verspeisen!«

»Um Gottes Willen, Königliche Hoheit«, rief der Haushofmeister.

»Ich will es«, sagte die Königin; und sie sagte es, wie ein Menschenfresser, der Lust hat, frisches Fleisch zu essen. »Ich will sie sogar mit Roberttunke essen!«

Als der arme Mann sah, daß man mit einer Menschenfresserin nicht gut spaßen könne, nahm er sein großes Messer in die Hand und ging hinauf in das Zimmer der kleinen Morgenrot. Diese war gerade vier Jahre alt, und sie warf sich tanzend und lachend ihm an den Hals und bat ihn um Süßigkeiten. Da fing er an zu weinen, und das Messer fiel ihm aus der Hand. Er ging hinunter in den Stall, schlachtete ein Lämmchen und bereitete es mit einer so guten Tunke zu, daß seine Herrin ihm versicherte, sie habe noch nie etwas so Gutes gegessen.

Gleichzeitig hatte er die kleine Morgenrot fortgetragen und seiner Frau übergeben, damit sie dieselbe in seinem Hause verberge, das hinter dem Stalle lag.

Acht Tage später sagte die Königin zu ihrem Haushofmeister:

»Ich will den kleinen Tageshell zum Abendbrot essen!«

Er erwiderte nichts und war fest entschlossen, sie ebenso wie das erstemal zu täuschen.

Er suchte den kleinen Tageshell und fand ihn mit einem Florett in der Hand, womit er gegen einen dicken Affen Krieg führte; dabei war er erst drei Jahre alt.