Eines Abends, als sie wie gewöhnlich in den Höfen des Schlosses herumstreifte, um dort nach frischem Fleisch auszuschauen, hörte sie in einem Kellerzimmer den kleinen Tageshell, der weinte, weil ihn seine Mutter wegen einer Ungehorsamkeit schlagen wollte; und sie hörte auch die kleine Morgenrot, wie sie für ihren Bruder um Verzeihung bat.
Die Menschenfresserin erkannte die Stimme der Königin und ihrer Kinder und geriet in Zorn, weil man sie getäuscht hatte.
Am nächsten Tage in der Frühe befahl sie mit schrecklicher Stimme, die alle erzittern machte, man solle in die Mitte des Hofes einen großen Bottich bringen. Diesen Bottich ließ sie mit Vipern, Kröten, Nattern und Schlangen füllen, um die Königin und ihre Kinder, den Haushofmeister, seine Frau und seine Dienerin hineinzuwerfen. Sie gab den Befehl, sie herbeizuführen, die Hände auf den Rücken gebunden.
So standen sie da, und der Henker machte sich daran, sie in den Bottich zu werfen. In diesem Augenblick kam der König, den man nicht so schnell erwartet hatte, in den Hof geritten; denn er war auf schnellstem Wege zurückgekehrt. Ganz erstaunt fragte er, was denn das schreckliche Schauspiel zu bedeuten habe.
Niemand wagte, es ihm zu sagen. Die Menschenfresserin aber stürzte sich in ihrer Wut über das, was sie sah, kopfüber in den Bottich und war in einem Augenblick von den schrecklichen Tieren, die sie selbst hineingesetzt hatte, verschlungen. Der König war traurig darüber, denn es war seine Mutter. Aber er tröstete sich bald mit seiner schönen Frau und seinen Kindern.
Moral:
Manch Mädchen wartet lange auf den Mann,
Bis sich der findet, den sie lieben kann;
Denn der muß reich sein, schön und sehr galant,
Dem sie zum Ehebunde reicht die Hand.
Doch zeige mir das Weib, das hundert Jahr
In Ruhe wartet auf den Traualtar,
Das auch noch sorglos schläft die ganze Zeit:
Du suchst nach ihr vergeblich weit und breit.
Es wird aus diesem Märchen klar,
Daß, wer da wartet viele Jahr,
Und wer trotz Wartens schlummern kann,
Am Ende kriegt den besten Mann.
Gern gäb ich Euch den guten Rat:
Wartet so lang, wie es Dornröschen tat!
Doch wage ich nicht, diesen Rat zu geben,
Ihr lieben Fräuleins: ich kenne Euch eben.
Charles Perrault
1628 geboren, wird er zuerst Advokat; später kommt er an den Hof und wird der treueste Gehilfe Colberts. 1683 zieht er sich in das Privatleben zurück und widmet sich ganz seinen literarischen Werken. Den Zeitgenossen gilt Perrault in erster Linie als der Verfasser der »Parallèles des Anciens et Modernes«, die Nachwelt kennt ihn nur als den Dichter des ersten abendländischen Märchenbuches. Seine Sammlung »Les Contes de ma Mère l’Oie« kam 1697 in Buchform heraus; sie war der Auftakt zu einer unübersehbaren Märchenliteratur.