Hopefield ist ein kleiner Ort, an dem westlichen Ufer des Stromes, beiläufig sechshundert Meilen oberhalb Neworleans, und fünfhundert unterhalb der Mündung des Ohio in den Missisippi gelegen, mit fünfzehn Häusern, von denen zwei zugleich Schenken und Krämerläden sind, die ein paar Dutzend Messer und Gabeln, einige bunte Halstücher, Töpfe, Pulver und Blei, und derlei Artikel zum Verkaufe darboten. Unsere Reisegesellschaft bestand aus zehn Damen, eben so vielen jungen Männern und mehreren alten Herren. Nichts ist während einer Flußreise erwünschter, als eine Landpartie, und da wir in dem Oertchen gerade nichts weiter zu suchen hatten, so fand der Vorschlag einiger unserer Reisegefährten, eine Excursion in das Innere des Waldes zu unternehmen, allgemeinen Beifall.
Der Sohn eines der Schenkwirthe hatte sich zu unserm Führer angeboten. Wir nahmen jeder eine Jagdflinte, eine Bouteille Wein oder Cognac, um die Ausdünstungen abzuhalten, und unser Pilot[65] wurde mit einem gewaltigen Schinken und einem Vorrathe Crakers[66] beladen, die uns der Capitain als gemeinschaftliches Eigenthum aus dem Schiffsvorrathe mitgegeben. So ausgerüstet, traten wir unsern Ausflug an, begleitet von den guten Wünschen der Damen, die einige hundert Schritte mit uns in den Wald hinein gingen.
[65]: Pilot, Lotse.
[66]: Crakers, kleiner runder Zwieback, der von Boston ist vorzüglich gut.
Ich habe oft die Bemerkung gemacht, daß ein tieferes Eindringen in unsere gewaltigen Urwälder auch den muntersten Schwätzer zum Schweigen bringt. Bei dieser Gelegenheit fand ich meine Bemerkung wieder bestätigt. War es der tiefe, ergreifende Ernst, der sich über das Halbdunkel dieser üppigen Wildniß hingelagert hatte, die feierliche Ruhe, die bloß durch unsere Fußtritte oder durch fallende Blätter unterbrochen wurde, oder hatte die ungeheure Wucht der Bäume, die mit ihren colossalen Riesenstämmen himmelwärts anstrebten, auf die Phantasie meiner Gesellschafter gewirkt, die meisten derselben — Nordländer, die nie über Albany oder die Saratoga-Quellen hinausgekommen — waren auf einmal ernst und beinahe düster geworden. Das Laub der Cottonbäume, dieses Riesen der südwestlichen Waldungen, hatte bereits die fahle Spätherbstteinte angenommen; nur einzelne Sonnenstrahlen hellten den gelblich grünen Farbenschmelz zuweilen auf, und wo dieß der Fall war, gab die Lichtung und der Farben Strahlen dem Dunkel eine sonderbar magische Helle, die unsere Gefährten in schweigendes Dahinstarren versetzte. Die Wurzeln und Gesträuche, die von den Bäumen zwanzig Fuß lang herabhingen, zeugten zugleich von der Macht des Stromes, der häufig seine Fluthen zwanzig bis dreißig Meilen über die Ufer schüttet, einem endlosen See dann gleichend. Hie und da funkelte noch eine Magnolia mit ihren schneeweißen Blüthen, oder eine Catalpa mit dem ficus indicus und seinen langen Blättern und Gurkenfrüchten, an denen glänzende Redbirds oder Peroquets hingen. Während ein paar Commis von Boston in jedem Strauche ein wildes Thier sahen, und zehnmal schon ihre Flinten auf einen gewaltigen Bären oder Panther angelegt halten, zum nicht geringen Spaße unseres Führers, der ihre ziemlich albernen Fragen mit einer wahrhaft vornehmen Hinterwäldlermiene unbeantwortet ließ, waren wir nach einem stündigen Marsche an einem langen und ziemlich breiten Sumpfe angelangt, der, durch die Ueberschwemmungen des Stromes gebildet, sich von Norden nach Süden beiläufig fünf Meilen erstreckte, und einen hellgrünen, breiten Streifen klaren Wassers in seiner Mitte erblicken ließ. Das westliche Ufer war mit einem Anfluge von Palmetto überwachsen, dem gewöhnlichen Verstecke von Hirschen, Bären und selbst Panthern. Dieses nun durchzustöbern, war unsere Hauptaufgabe. Wir theilten uns sofort in zwei Partien; die erste mit dem Führer, dem wir die Neu-Engländer überließen, sollte den nördlichen Bogen des Sumpfes umgehen, während wir den entgegengesetzten Weg in südlicher Richtung zu verfolgen gedachten. Beide sollten in der Mitte hinter dem Sumpfe auf einem Pfade zusammentreffen, der durch ein dichtes Gehege von wilden Pflaumen und Honigakazien führte. Die Weisungen waren ziemlich unbestimmt und in Hinterwäldlers-Manier; vieles Fragen jedoch würde unsern Führer wahrscheinlich nur noch mehr verwirrt haben, und so trennten wir uns, unsern gesunden Sinnen und Taschen-Compassen vertrauend, die mehrere von uns bei sich hatten. Wie gesagt, die südliche Richtung war uns anheim gefallen. Am äußersten Ende des Sumpfes sollten wir uns gegen Westen wenden, und dann die nördliche Richtung längs dem Palmetto verfolgen.
Bisher hatten wir, einige Züge wilder Tauben oder Eichhörnchen ausgenommen, nichts zu Gesichte bekommen, als Schlangen, die wir noch an den letzten Strahlen der Sonne sich wärmend fanden; Königsschlangen, mit ihren Regenbogenringen glänzend; Mocassinschlangen, die bei unserer Annäherung sich träge in einen Haufen Laubes einwühlten, oder eine Stierschlange, die sich langsam mit gebrüllähnlichem Zischen aufrichtete, waren hie und da noch zu sehen; — ein sicheres Anzeichen, daß der Winter noch ziemlich ferne war.
Nach einer zweiten Stunde waren wir am südlichen Ende des Sees angelangt; wir wendeten uns nördlich, den See zu unserer Rechten, das Palmettofeld zu unserer Linken. Der Grund, den wir betraten, war, wie es bei Canebrakeboden[67] der Fall ist, fester Wiesengrund; das Gras reichte bis zum Gürtel, aber unmittelbar daran gränzte der tiefere Sumpfboden, so daß uns keine Wahl übrig blieb, als durch das Rohrfeld zu brechen, oder im sumpfigen Boden fortzuwaten. Die Ufer des Sees waren mit hohen Cedern bewachsen, die vier bis fünf Fuß tief im Wasser standen, und ihre gewaltigen Kronen im stillen Spiegel blicken ließen. Eine Weile standen wir, die malerische Scene betrachtend. Der breite Streifen Wassers dehnte sich gleich einem ungeheuern Atlaßbande hin; die leiseste Bewegung der Blätter erglänzte im Spiegel. Zuweilen erhob sich ein unmerkbares Lüftchen, das säuselnd durch die Bäume und das Palmettofeld hinfuhr und sich in kaum merklichen Wellenschlägen des Sees verlor. Das Wasser selbst war vom frischesten Grün wie angehaucht, und die Millionen Stämmchen des Palmetto spiegelten sich prachtvoll, gleich Myriaden von Schwertern und Lanzen, in den klaren Fluthen. In den kleinen Buchten sonnten sich Schwäne, Pelikane und wilde Gänse, ihr Gefieder zum Winterfluge putzend, die uns bis auf zwanzig Schritte herankommen ließen und dann mit rauschendem Getöse ihr Heil in der Flucht suchten.
[67]: Canebrakeboden, Rohrfeldboden.
Wir hatten unsere Richtung unverdrossen eine lange Weile gegen Norden zu verfolgt, als plötzlich ein langsam, aber regelmäßig auf einander folgendes Gekrache in dem Palmetto unsere Aufmerksamkeit rege machte. Es näherte sich etwas bedächtlichen Schrittes, und wir wandten uns mit Vorsicht und horchten. Es mochte ein Hirsch, ein Panther, oder ein Bär sein — wahrscheinlich das Letztere. Wir besahen unsere Gewehre, zogen die Hähne, und drangen einige Schritte tiefer ein, hörten ein hohles Brummen, und unmittelbar darauf einen Sprung und ein Krachen und ein Getöse, das sich schnell in der uns entgegengesetzten Richtung verlor. Einer unserer Gefährten, der noch nie auf einer Bärenjagd gewesen, drang so schnell, als er vermochte, durch das Palmettofeld, und war bald unsern Augen entschwunden. Leider hatten wir keine Hunde, und nach einer halben Stunde fruchtlosen Stöberns, während dem wir noch ein zweites Mal etwas aufgejagt hatten, überzeugten sich meine Reisegefährten, daß sie wohl mit leeren Händen würden zurückkehren müssen. Nach unsern Uhren zu schließen, war es Zeit, uns dem Vereinigungspunkte zuzuwenden, der jenseits des Palmettofeldes lag, das beiläufig eine halbe Meile breit sein mochte, und, wie uns der zurückgekehrte Bärenverfolger versicherte, am westlichen Rande mit einem heillosen Dickichte von wilden Pflaumen-, Apfel- und Akazienbäumen begränzt war, das weder Weg noch Steg hatte. Bald überzeugten wir uns von der Richtigkeit seiner Angabe. Der etwas höhere Canebrakeboden senkte sich nämlich in eine sumpfige Niederung, die längs der ganzen Ausdehnung des Sees von Norden nach Süden hinlief. Wer je in einer solchen Wildniß gewesen ist, wird leicht unsere Verlegenheit bei dem Umstande begreifen, daß bereits vier Stunden von den uns gegebenen acht verflossen waren. Es schien nichts übrig, als denselben Weg zurückzugehen. Ehe wir uns jedoch hiezu verstanden, versuchten wir den Pfad aufzufinden. Wir trennten uns demnach in verschiedenen Richtungen; beiläufig eine halbe Stunde mochten wir uns durch Dornen und Gezweige hindurchgewunden haben, als ein lautes Hurrah uns ankündigte, daß der Pfad gefunden sei. In kurzer Zeit waren wir alle um unsern Gefährten, der die Entdeckung gemacht, herumversammelt; statt des Pfades jedoch fand es sich, daß es eine — Kuh war. Wir nahmen auch diesen Fund mit gehörigem Danke, nur war zuerst die Frage zu entscheiden, ob es eine Streifkuh, oder eine regelmäßig jeden Abend zu Hause sich einstellende, ordnungsliebende Kuh sei. Ein tüchtiger Ohioer löste die Frage und brachte uns die Gewißheit, daß sie noch diesen Morgen gemolken worden war. Auch die wichtigere Frage, sie zum Heimgehen zu bewegen, löste er zu unserer Zufriedenheit, indem er sich mit seinem Gewehr nahe an das Thier hinstellte und die Ladung dicht an oder in den Schweif abschoß. Das Thier machte einen gewaltigen Satz, und sprang dann durch das Dickicht, als ob es von einer Meute toller Hunde verfolgt wäre; wir nach. Des Thieres Bekanntschaft mit der undurchdringlichen Wildniß hatte uns bald auf einen Weg geleitet, auf dem wir ziemlich schnell folgen konnten. So gelangten wir endlich an den Pfad zu dem angedeuteten Rendez-vous. Unsere Schritte wurden nun langsamer, und wir folgten gemächlich der Spur des Thieres. Wir hatten beiläufig eine Meile zurückgelegt, als wir eine starke Helle in der Ferne bemerkten, die eine ziemlich große Lichtung vermuthen ließ. Bald darauf sahen wir Zäune und Wälschkornfelder, und endlich im Hintergrunde ein Wohnhaus, aus Stämmen aufgeführt, dessen rauchende Kamine uns der Anwesenheit eines Hinterwäldlers versicherten. Das Haus lag friedlich auf einer sanften Anhöhe. Es war mit Clapboards (Dachdauben) gedeckt, und hatte im Rücken eine Scheuer mit den nöthigen Wirthschaftsgebäuden, wie man bei Hinterwäldler-Ansiedelungen von einigem Wohlstande gewöhnlich trifft. Am Hause rankten Pfirsichbäume hinan, vor demselben standen Gruppen von Papaws, und das Ganze gewährte einen ausgesucht ländlichen Anblick. Als wir die Umzäunung überstiegen, kamen ein paar Bullenbeißer mit aufgesperrtem Rachen auf uns herangestürzt. Wir wehrten die immer wüthender werdenden Thiere noch immer von uns ab, als ein Mann aus der Scheune trat und wieder dahin zurückkehrte. Nach wenigen Sekunden kam er ein zweites Mal in Begleitung zweier Neger, die dieselbe Kuh bei den Hörnern nach sich zogen, die wir so schleunig zum Rückzuge genöthigt hatten. Wir grüßten den Mann mit einem: Guten Morgen! Er gab keine Antwort, und maß uns mit einem kalten, finstern Blicke. Er war groß, nervig und breitschulterig; sein Gesicht ausdrucksvoll, aber ungemein düster, beinahe zurückstoßend. Es war etwas Unruhiges, Rastloses in dem Wesen des Mannes; man gewahrte es beim ersten Anblicke.
Ein schöner Morgen, sprach ich, näher an den Mann zutretend.