Die gespannte, so oft getäuschte Hoffnung hatte den armen Vater aufs Krankenlager geworfen. Er lag mehrere Tage im Kampfe zwischen Leben und Tod. Das Publikum war müde, erschöpft; der Schmerz erschlafft. Die Strafzeit des Gefangenen war mittlerweile verlaufen. Es war während dieser Zeit Alles aufgeboten worden, den Bösewicht zu einer Mittheilung zu bewegen; nichts als stumpfsinniges Hohnlachen war die Antwort gewesen. Man konnte ihn nicht länger festhalten, und in Bezug auf den Kindesraub wurde er auf das Noli prosequi freigelassen. Dem Vater war gerathen worden, sich, wo möglich, noch einmal mit ihm ins Vernehmen zu setzen. — Beide Eltern warfen sich dem Ungeheuer zu Füßen, der verstockt sein Auge wegwandte, und höhnisch dem Vater zuflüsterte: Du hast mich elend machen wollen, sei du es nun. Der unglückliche Mann sprang auf und bedeutete dem Entlassenen, daß er ihm folgen müsse. Sie setzten über den Missisippi. Hinter Concordia angekommen, beschwor der Vater nochmals den Irländer, ihm um Gotteswillen den Verwahrungsort seines Sohnes zu sagen, ihm drohend, wenn er es nicht thun würde, sollte er nicht lebend aus seinen Händen kommen. Der Irländer fragte, wie lange er ihm Zeit geben wolle. Sechs und dreißig Stunden war die Antwort. Eine Weile ging der Elende neben den Eltern in tiefen Gedanken versunken, dann, plötzlich auf den Vater zustürzend, riß er diesem eine Pistole aus dem Gürtel und drückte sie ihm auf die Stirne ab. Die Waffe versagte; da sprang er auf ein Bayou zu, dem sie sich genähert hatten, und kaum war er im Wasser, als dieses über ihn zusammenschlug und er versank. Nach einer Stunde wurde seine Leiche gefunden. Von dem Söhnchen des unglücklichen Vaters wurde nie wieder etwas gehört.[70]

[70]: Ueber die so eben angeführte Thatsache, die sich zu Ende des Jahres 1825 zugetragen, findet man in allen Zeitungen des Missisippi-Staates ausführliche Berichte. Der Name des unglücklichen Vaters ist beibehalten.

Zu spät gekommen
oder
Scenen am Missisippi.

Endlich einmal tauchen sie auf, die heimathlichen Ufer, mit ihren gewaltigen Kränzen von Liveoaks[71], so herrlich umschlungen von beinahe mannsdicken Reben, in deren Schatten wir uns so oft ergingen. Cäsar wurde immer unruhiger, und überließ sich Freudenausbrüchen, welche die Hälfte unserer Schiffsgesellschaft vom Verdecke wegscheuchten. Das edle Thier hatte sich ungemein gut während der ersten acht Tage unserer Fahrt betragen; es war so müde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florenz verließen. Nun hatte es sich wieder erholt, und seine Munterkeit fing an uns lästig zu werden. Bereits seit einer Stunde hatte ich ihn in seinem Verließe zu bewachen und ihm zu schmeicheln, sonst würde der Tollkopf sicher durchgebrochen sein, zum nicht geringen Schrecken zweier Damen, die, bis zum Kinn in ihren Shawls steckend, gewaltiges Aergerniß zu nehmen schienen. Mit Richards war nun nichts anzufangen, das sah ich deutlich. Seit dem frühesten Morgen war kein Wort aus ihm herauszubringen gewesen; auf das linke Ufer hinstarrend, schwelgte er bereits im Vorgefühle der Wonne, die seine Ankunft verursachen werde. Ein Besuch bei seinen Eltern hatte ihn nun über vier Monate von Hause und seinem reizenden Weibe entfernt gehalten. Er war noch nicht volle sechs Monate vermählt, als er abreiste. — Glücklicher Mensch! Welch ein süßes Gefühl ist die Heimath, dieser Ruheort für den Müden, dies Paradies seiner irdischen Freuden, wenn ein gleichgesinntes Wesen unserer Ankunft entgegenharrt, wenn ein zartfühlender Busen höher schlägt und lauter klopft, so wie unsere Fußtritte nahen! — Leider habe ich diese Freuden nie gefühlt. Meine Heimath haben Fremdlinge inne; bloß die kalten Herzen von Miethlingen und Sklaven warten meiner. Das Gefühl meiner Verlassenheit ergriff mich nie so bitter, so wehmuthsvoll, als in diesem Augenblicke; es war, als ob schneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Cäsar brach neuerdings in ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbst der hat eine Heimath; er hat sie nicht vergessen, die Eingangslaube von Chinabäumen, mit ihren leichten und glänzenden Blättern und den Tausenden ihrer Blüthen und Beeren, wie sie in der Morgensonne erglänzen, als ob sie von dem Athem eines Zauberers angehaucht wären. Und seine Grüße, sie werden von einer ganzen Koppel Hunde beantwortet. Es ist Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerst gucken ein paar rabenschwarze Wollköpfe hinter der Orangenlaube hervor und verschwinden eben so schnell; dann kömmt eine Heerde klaffender Hunde, die etwas zu wittern scheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mädchen herbei, die sich ohne weitere Umstände auf ihre Rücken pflanzen, und dafür tüchtig heruntergeworfen werden. Diesen folgen ihre erwachsenen Brüder und Schwestern, und endlich die ganze Sippschaft Japhets. Doch nun fliegt eines der lieblichsten Wesen durch die Thür und die Terrasse herab, dem Laubengange zu, augenscheinlich vom Dampfschiffe etwas erwartend. Sie scheint noch immer in Zweifel; man sieht es, mit welch reizender Ungeduld sie dem Boote entgegensieht, das zu langsam für das süße Weib sich nun dem Ufer zuwendet. Wie sie eilig hin und wieder trippelt, als wollte sie die Eile des Schiffes durch ihre Bewegung beschleunigen, und ihm Schnellkraft geben. — Es ist Clara, das reizende Weib meines Freundes. Beneidenswerther Junge! Eine Thräne zittert in seinem Auge, als er diese reizende Hälfte seines Ichs und ihre reizendere Ungeduld ersieht. Dreimal war sie aus der Laube hervorgekommen; nun erscheint sie ein viertes Mal, dem Ufer zu- und wieder zurückeilend, und gleichsam schmollend über die unausstehliche Langsamkeit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brücke ist geworfen, und Richards rennt — fliegt auf's Ufer. Sie kann nicht widerstehen; sie eilt aus der Laube; ein Augenblick länger — und sie liegt in seinen Armen; zieht ihn jedoch — des Weibes Zartgefühl ist stets rege — verschämt ins Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glücklichen, und flog dann über meine Reisegefährten, die still und beinahe ehrfurchtsvoll dem holden Bilde der Vereinigung zugesehen hatten. Selbst die rohen Schiffsleute schienen gerührt; kein grober Scherz, kein hämisches Lächeln entfuhr ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermählten hat etwas so rührend Zartes in sich, daß selbst gröbere Seelen sich ergriffen fühlen. Ich Verlassener stand wie ein armer Sünder da, schüttelte dann dem Capitain und meinen Reisegefährten die Hände, ordnete Cäsar und die Gig ans Ufer und folgte. Die treuen Hunde sprangen bellend und tobend um mich herum, gleichsam als erwarteten sie von mir, was ihnen ihr Herr im Drange seiner Liebe versagte, einen freundlichen Gruß. Und mit ihnen ein Dutzend Wollköpfe jeden Alters, vom zweijährigen Wechselbalge bis zum erwachsenen Mädchen; wie sie sich herandrängen, die kleinen Schelme, umherpurzeln vor Freude, und jauchzend aufspringen, um dann bittend ihre Hände emporzuhalten. Ich weiß, was sie wollen: ein Escalin[72] ist das ersehnte Ziel ihrer Wünsche. Sie soll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die sie einige Tage glücklich machen wird.

[71]: Liveoaks, Immergrün, Eichen; das beste, dauerhafteste und zäheste Schiffsbauholz, von der Marine der V. St. ausschließend benutzt.

[72]: Escalin, Schilling, 12½ Cents, so in Louisiana genannt.

Ja, glücklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fühlt, die ihr das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt! Und zweimal glücklich, wenn das Schicksal euch erlaubt, in harmloser Unwissenheit dem Tage entgegen zu harren, der auch euch in die Zahl freier Wesen versetzen wird. Ja, er wird kommen, dieser Tag, der uns gestatten wird, das zu versöhnen, was unserer Väter Machthaber an euch verbrochen haben.

Sonderbar, der Anblick der fröhlichen Wesen, die um mich herumgaukeln, hat mich ernst gestimmt. Es ist Zeit, meine Freunde zu sehen; doch die ersten Augenblicke des Wiedersehens sind so kostbar, so süß; ich muß noch warten. Wie Vieles mögen sie sich zu sagen haben, das dem Ohre des Freundes selbst verborgen bleiben muß! Ich steige die Treppe hinan, und verweile auf der Terrasse. Noch eine Weile. Ich nähere mich der Thüre. Beinahe scheint es mir, als ob ich überflüssig sei. Wieder halte ich. Endlich fällt meine Hand auf den Drücker, die Thüre geht auf. Ich sehe sie beide Arm in Arm verschlungen, ohne gesehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich zurückziehen. Doch nein — solch ein Anblick ist nicht oft wieder zu sehen. Wie sie sich umschlungen halten! Es ist ein herrliches Paar. Er eine wahre Apollogestalt, mit einer Adlernase, feurig schwarzen Augen, in denen man sich nicht satt sehen kann, denn mit jedem Blicke sieht man tiefer in eine freie Seele, die ein wenig stolz und selbstbewußt, aber männlich und fest ist. Als er so da stand, sein Weib in seine Arme geschlossen, seine Lippen an die ihrigen gepreßt. — Sie das Modell einer Hebe, mit den sanften, weichen und doch so begehrenden, mädchenhaften Zügen, wie sie so stand, oder vielmehr hing in seinen Armen, zu ihm aufblickend mit dem reizend vertrauenden Gesichte, ihr ganzes Wesen zitternd vor Freude und süßem Verlangen. Ich wollte, ich hätte sie nicht unterbrochen. Sie sahen mich jedoch nicht; sie hatten zuviel an sich zu sehen. Sein Auge schien nun etwas zu suchen; er blickte im Zimmer umher, und sie, mit Erröthen seine Hand fassend, führte ihn durch die Flügelthüren, durch die Polly so eben tanzte, einen kleinen Engel im Arme.

Der dreimal Glückliche! Er fiel über das arme Mädchen gleich einem Rasenden her, und bei einem Haare wäre ihr die süße Bürde entwischt. Er fing sie jedoch auf, hob sie in seine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer, ein Tanz, den der trockenste Quäker lieblich gefunden haben müßte, vorausgesetzt, es schlage ein Herz an der linken Seite und kein Dollarbeutel. Wieder umschloß er sein Weib, und sofort überhäufte das liebliche Paar den jungen Bürger mit so ungestümen und zahlreichen Beweisen ihrer älterlichen Zärtlichkeit, daß er zuletzt in die lautesten Protestationen mittelst Zappelns und Weinens ausbrach.

Wenn je eine Scene mich mein Hagestolzthun bedauern ließ, und die Grundlage zu veränderten Gesinnungen wurde, so waren es diese funfzehn Minuten; denn volle funfzehn Minuten dauerte es, ehe mein werthes Selbst in Betrachtung gezogen wurde. Ich schüttelte noch die Hand Claras, als Mappa, der Leibkutscher beider Herrschaften, in die Stube trat. »Die Pferde sind angespannt,« meldete der schwarze Squire.