Ich hatte oft des armen Vaters gedacht, und in Verbindung mit meinen Freunden mir alle erdenkliche Mühe gegeben, dieser Abscheulichkeit auf die Spur zu kommen; alle unsere Bemühungen jedoch waren vergebens. Dieser Kindesraub zirkulirte in den Zeitungen, wurde das Theegespräch jeder Familie; Belohnungen waren angeboten, Untersuchungen gemacht, aber auch nicht die mindeste Spur war entdeckt worden.
Sechs Wochen waren verflossen, als Geschäfte mich nach Natchez riefen, wo ich an einem heitern Januar-Nachmittage ankam. Ich hatte so eben das Dampfschiff verlassen, und ging in Begleitung einiger Bekannten von der untern Stadt den Lehmhügel hinan, der zur obern führt, als ein verworrenes Getümmel an unsre Ohren schlug. Auf der Höhe angekommen, sahen wir einen sich immer vermehrenden Volkshaufen vor dem Hause des Friedensrichters B—r. Wir eilten, zu sehen, was es gebe. Die Menge bestand aus den bessern Klassen von Natchez, Weibern, Männern, Kindern, aber vorzüglich den ersteren. Zugleich war in den Gesichtszügen eine Aengstlichkeit zu lesen, eine Theilnahme, die auffallend mit dem Tumult contrastirte, der sonst bei solchen Versammlungen zu hören ist. Ich bemerkte Mütter, die ihre Kinder mit einer instinktartigen Heftigkeit in die Arme preßten, und convulsivisch ihre Hälse umfingen, gleichsam als befürchteten sie, sie würden ihnen entrissen. Auf meine Fragen erfuhr ich, daß der Kindesräuber endlich entdeckt, oder vielmehr, daß ein Mann verhaftet worden, der des an Mister Clarke von Hopefield County begangenen Kindesraubes sich stark verdächtig gemacht. Ich war von Herzen über eine Nachricht erfreut, welche endlich Aufschluß über die so fürchterliche Verletzung der heiligsten Naturrechte zu geben versprach. Ich drückte mich vorwärts, aber die Frauen hatten eine so starke Stellung genommen, daß alle meine Bemühungen fruchtlos blieben. Es war ein allerdings für Frauen wichtiger Criminalfall; aber jedem von uns mußte die gräßliche Sicherheits- und Eigenthumsverletzung von unendlicher Wichtigkeit sein. Wir standen so nahe an zwei Stunden; die Menge mehrte sich, Niemand wich. Alle Fenster waren mit Köpfen vollgepfropft. Endlich öffnete sich die Thüre, und der Gefangene, in der Mitte von zwei Constables, hinter ihnen der Sherif, kam aus dem Hause, um in das Gefängniß abgeführt zu werden.
Das ist er, murmelten die Frauen mit hohler, heiserer Stimme und bleichen Gesichtern, auf den Mann deutend, als er durch die lebende Gasse hindurchgeführt wurde, und zugleich hielten sie ihre Kinder fester mit fieberhaftem Krampfe. Und wahrlich, wenn das äußere Gepräge den innern Menschen verräth, so mußte dieses der Kindesräuber sein. Es war das abstoßendste Gesicht, das mir je vorgekommen; eine hündisch verstockte, stumpfsinnige, heimtückische Physiognomie, mit einem teuflisch-finstern hohnlachenden Ausdrucke. Man hielt unwillkürlich den Athem an, indem man in dieses Gesicht blickte. Seine grauen Augen waren auf die Erde geheftet; nur zuweilen schoß er einen Blick, in dem die Hölle sich spiegelte, auf die Anwesenden, wie sie ihre Kinder fest in den Armen hielten. Beim ersten Anblicke sah man, daß er ein Irländer war. Er war etwas über Mittelgröße, seine Gesichtsfarbe schmutzig grau, seine Wangen hohl, seine Lippen ungewöhnlich groß; der ganze Mensch ekelhaft, wild aussehend. Seine Kleidung bestand aus einem abgetragenen blauen Fracke, eben solchen Beinkleidern, einem hohen runden schäbichten Hute und sehr zerrissenen Schuhen. Der Eindruck, den sein Erscheinen hervorbrachte, schien sich in den erblassenden Gesichtern der Menge zu malen. Alle sahen ihm mit einem langen, verzweifelnd hoffnungslosen Blicke nach, als er dem Gefängnisse zuging. »Wenn dieser Mann das Kind gestohlen hat,« murmelten mehrere, »dann ist es verloren.« Ich eilte nun, den Friedensrichter zu sehen, der mir folgende Aufschlüsse gab.
Beiläufig vier Wochen nach unserer Excursion in der Grafschaft Hampstead hatte Mister Clarke ein Schreiben erhalten, das mit dem Namen Thomas Tutti unterfertigt, und das Postzeichen von Natchez am Couverte hatte. Der Vater wurde darin benachrichtigt, daß sein Kind am Leben sei, daß Schreiber des Briefes von seinem Aufenthalte wisse, und daß, wenn er, Mister Clarke, eine Fünfzig-Dollars-Banknote in seiner Antwort einschließen wolle, der Verwahrungsort des Kindes ihm angezeigt werden solle. Der Schreiber verlangte ferner, daß Mistreß Clarke allein, ohne Begleitung, an dem zu bezeichnenden Orte erscheine, daß sie zweihundert Dollars mehr mit sich bringe, und daß nach Bezahlung dieser Summe ihr Söhnchen ihr ausgeliefert werden solle.
Der bejammernswerthe Vater hatte kaum diesen Hoffnungsstrahl erhalten, als er auf den Rath seiner Freunde und Nachbarn ein Schreiben an den Posthalter zu Natchez absandte, in welchem dieser von dem Vorgange unterrichtet und zugleich aufgefordert wurde, die Person anhalten zu lassen, die um die Antwort anfragen würde. Vier Tage nach Erhalt dieser Aufforderung kam auch wirklich der oben beschriebene Irländer an das Postbüreau-Fenster, und erkundigte sich, ob kein Brief unter der Adresse »Thomas Tutti« angekommen wäre. Während der Posthalter den Mann unter dem Vorwande aufhielt, daß er unter den Briefen nachsehen wolle, sandte er um den Constable, der, bereits von dem Falle unterrichtet, sogleich herbeieilte und den Anfrager in Verwahrung nahm. Es ergab sich bei der Examination, daß er sich einige Zeit in und um Natchez aufgehalten und bemüht hatte, eine Schule zu errichten. Da er jedoch keine Auskunft von seinem frühern Thun und Treiben geben konnte, sein Betragen auch sonst höchst auffallend und verdächtig erschienen, so war ihm sein Vorhaben nicht gelungen, und die Wenigen, die ihm ihre Kinder anvertraut, hatten sie bald wieder zurückgenommen. Damals nannte er sich Thomas Tutti. Nichts desto weniger läugnete er, daß dieses sein eigentlicher Name sei, oder daß er den Brief abgesandt, der allerdings von einer geübten, wenn auch nicht schulmeisterlichen Hand geschrieben zu sein schien. Aus dem Verhöre erhellte es ferner, daß er vollkommen mit den Pfaden und Wegen zwischen Natchez und Hopefield, und der von letzterem Orte zu der Wohnung des Vaters führenden Straße, so wie den Bayous, Sümpfen und Flüssen und ihrer Tiefe und Schiffbarkeit bekannt sei. Es war hinlängliche Evidenz vorhanden, und er wurde auf das Factum, daß er um die Antwort auf das Geld erpressende Schreiben angefragt, den Gerichten überantwortet, was zu gleicher Zeit dem Vater des geraubten Kindes kund gethan wurde.
Nach fünf Tagen kam der unglückliche Vater mit dem Negerknaben. Die ganze Stadt bezeugte dem tiefgebeugten Vater die innigste Theilnahme. Man schritt zu einem zweiten Verhör; alle Anwälde waren zugegen und hatten ihre Dienste unentgeldlich angeboten. Man nahm die früheren Aussagen des Irländers zur Grundlage der gegen ihn sprechenden Evidenz, und bemühte sich, etwas Näheres über den Aufenthalt des Knaben aus ihm herauszubringen; aber allen Fragen setzte er ein hartnäckiges Stillschweigen entgegen. Der Negerknabe erkannte ihn nicht. Zuletzt gab er zu verstehen, daß bloß die Hoffnung, Geld vom Vater herauszulocken, ihn zum Schreiben des Briefes vermocht habe. Kaum war jedoch diese Aussage zu Protokoll genommen, als er sich mit einem teuflischen Hohnlachen zum Vater wandte und ihm zuflüsterte: Ich will euch doch noch elender machen, als ihr mich zu machen im Stande seid. Zugleich bedeutete er ihm, daß er an einem gewissen Orte die Kleider seines Sohnes finden würde.
Der Vater reiste mit einem der Constables an den bezeichneten Ort, fand richtig die Kleider, und kehrte nach Natchez zurück. Der Beschuldigte wurde neuerdings vor die Schranken geführt, und versicherte nach vielen Widersprüchen, daß das Kind noch am Leben, wenn man ihn aber länger im Gefängnisse behalten würde, dem Hungertode ausgesetzt sei. — Nichts in der Welt konnte ihn bewegen, auch nur eine Sylbe für weitere Aufklärungen von sich zu geben.
Die Quarter-Sessions waren mittlerweile herangekommen. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich versammelt. Man hatte Alles aufgeboten; Verheißungen, Versprechungen von Freiheit, und selbst die ausgesetzte Belohnung wurde ihm zugesichert — der Mann schwieg. Es waren starksprechende Vermuthungen, aber immer noch kein Beweis für seine Theilnahme am Raube vorhanden. Die aufgeklärtesten Anwälde waren der Meinung, daß der verzweifelte Mensch, von Noth getrieben, Gelderpressung durch sein Schreiben beabsichtigte. Für dieses Verbrechen und als Vagant wurde ihm eine mehrmonatliche Gefängnißstrafe zuerkannt.
Dieser Ausspruch war weit entfernt, den Richtern selbst oder den Anwälden zu genügen. So milde sind jedoch die Gesetze, die die freien Bürger dieses Landes sich selbst gegeben, so human der Geist der Auslegung, daß man auch dem verzweifelten ausländischen Bösewichte nicht ihrer Begünstigung berauben konnte oder wollte, so sehr sich das Innerste eines Jeden gegen eine solche Begünstigung empörte. Es war wirklich etwas so Höllisches in dem finstern Hohnlachen dieses Mannes, die Lust, die er an den Qualen des Vaters und der Menge zu empfinden schien, so wahrhaft teuflisch, daß man sich eines kalten Schauders bei seinem Anblicke nicht erwehren konnte. Die kaltesten Anwälde versicherten, ihre Brust sei beengt, und sie fänden weder Worte noch Gedanken. Es war mit einem Worte ein allgemeines Gefühl des Schrecks und Schauders. Die Bewohner von Natchez, besonders der Oberstadt, sind eine sehr achtbare Klasse von Menschen, mit einem hohen Grade von politischer und intellectueller Bildung, allein bei dieser Gelegenheit riß ihre Geduld, und ihr warmes Gefühl verleitete sie zu einer Handlung, die nur das Scheußliche dieses Verbrechens entschuldigen konnte. Ohne vorläufige Uebereinkunft versammelten sie sich in der Nacht vom 31. Jänner, mit dem festen Vorsatze, für dieses Mal die Milde der Gesetze hintan zu setzen und einen wirksamern Versuch mit dem Gefangenen zu machen. Einige der angesehensten Einwohner nahmen ihn aus seiner Zelle, während mehrere starke Neger mit Rindssehnen versehen wurden. Diese nun wurden auf ihn in Anwendung gebracht. Mit jedem Hiebe schien die Kraft des Schlagenden zuzunehmen. Eine lange Zeit beobachtete der Gefangene ein hartnäckiges Stillschweigen; der Schmerz jedoch wurde zu groß, und er versprach ein volles Bekenntniß.
In einem Hause beiläufig fünfzig Meilen oberhalb Natchez am Missisippi, so lauteten seine Worte, lebt eine Familie, deren Oberhaupt im Stande ist, den Verwahrungsort des Knaben anzugeben. — Der Sherif war natürlicher Weise während dieser Execution abwesend gewesen und hatte sie ignorirt, ohne sie zu mißbilligen. Kaum hatte er jedoch die Wirkung dieses illegalen Einschreitens erfahren, als er noch in der Nacht mit dem Vater nach dem bezeichneten Orte aufbrach. Er kam daselbst am folgenden Mittage an, fand eine sehr achtungswerthe Familie von Hinterwäldlern, die wohl von dem begangenen Raube, aber weiter auch nichts wußten. Die bloße Zumuthung der Theilnahme an der Gräuelthat schien die ehrlichen Hinterwäldler aufs tiefste zu verletzen. Der Gefangene hatte, wie es schon so oft geschehen, wieder sein Spiel mit ihnen getrieben.