Das Weib, sprach er, kann's euch sagen.
Sie war von der Tafel aufgestanden und dem Bette zugeschwankt, auf welches sie sich schluchzend und heulend setzte. Es war wirklich eine erschütternde Scene. Der Doktor sprang auf und führte sie wieder zur Tafel; wir blickten auf sie, ängstlich Aufschluß über das ungeheure Verbrechen erwartend.
Gestern waren es vier Wochen, begann sie; Mister Clarke war in dem Busche, ich war im Wälschkornfelde den Leuten nachzusehen, die Kolben einsammelten. Ich blieb ziemlich lange bei den Leuten; die Sonne wies bereits auf eilf; der Morgen war aber so schön, wie er je auf das Missisippithal geschienen, und ihr wißt, die Leute arbeiten nicht gern, wenn sie es anders können, und so blieb ich denn. Dachte dann, mußt wohl nach Hause gehen und das Mittagsmahl für die Leute kochen, und so ging ich denn. Ich weiß nicht; aber als ich so durchs Feld dem Hause zuging, war es mir, als ob mir's plötzlich zuriefe: Laufe was du kannst! und ich lief was ich konnte. Etwas kam über mich, etwas, gleich einer Angst, einer Furcht. Ich rannte so schnell ich konnte. Als ich zum Hause kam, sah ich Cesi[68], unsern schwarzen Buben, auf der Haussteige sitzen und allein spielen. Ich hatte aber noch immer keinen Gedanken an das, was kommen sollte. Ich ging ins Haus und in die Küche, ohne etwas Arges zu gedenken. Als ich mich so umsah um Kessel und Pfannen, fiel mir mein Dougl[69] ein. Ich ließ die Pfanne stehen und lief zur Thüre; da kam mir Cesi entgegen. »Missi!« sagte er, »Dougl ist weg.« »Dougl ist weg?« sagte ich, »wohin ist er denn, Cesi?« »Weiß nicht,« sagte Cesi; »er ist mit einem Manne weg, der auf einem Pferde gekommen.« »Mit einem Manne, der auf einem Pferde gekommen?« sagte ich. »Um Gotteswillen, wohin kann er denn gegangen sein? Was ist denn das?« »Weiß nicht,« sagte Cesi. »Und mit wem ist er denn gegangen, Cesi?« sagte ich. »Ging er freiwillig?« »Nein, er ging nicht freiwillig,« sagte Cesi; »aber der Mann sprang von seinem Pferde, hob Dougl zuerst darauf, setzte sich dann hinter ihn und ritt weg.« »Ritt weg?« sagte ich, »und du kennst den Mann nicht?« »Nein, Missi!« sagte Cesi. »Erinnere dich, Cesi!« schrie ich, »um Gotteswillen, erinnere dich, kennst du den Mann nicht?« »Nein,« sagte Cesi, »ich kenne ihn nicht.« »Hast du nicht aufgemerkt, wie er aussah, Cesi?« sagte ich; »war er schwarz oder weiß?« »Ich weiß nicht,« sagte Cesi. »Hast du ihm nicht ins Gesicht gesehen, Cesi?« fragte ich. »Er hatte ein rothes Flanellhemd vor'm Gesicht,« weinte Cesi. »Weißt du denn nicht, wie der Mann aussah, lieber Cesi?« »Er hatte einen Rock und ein Pferd,« sagte Cesi. »Weißt du nicht den Namen des Mannes, Cesi? — war es Nachbar Symmes, oder Banks, oder Medling, oder Barns?« — »Nein,« weinte Cesi.
[68]: Cesi, Diminutiv von Cäsar, ein gewöhnlicher Name von Sklaven und Pferden.
[69]: Dougl, Diminutiv von Douglas.
Gerechter Gott! schrie ich, was ist das? Was ist aus meinem armen Kinde geworden! Ich lief vorwärts, ich lief zurück; ich lief in den Busch, ich lief auf die Felder; ich schaute, ich rief. Je länger ich rief, desto größer wurde meine Angst. Zuletzt rannte ich zu den Leuten und holte die Mutter des Cesi. Ihr, dachte ich, wird er es vielleicht sagen, was aus meinem Kinde geworden. Sie lief herein mit mir; sie fragte den Buben, wie der Mann aussah. Sie versprach ihm Pfefferkuchen, neue Hosen, eine neue Jacke, Alles in der Welt — der Bube weinte, konnte aber nichts mehr sagen. Dann kam Mister Clarke. So weit das Weib.
Als ich hereinkam, fuhr der Mann fort, war der Schrecken des Weibes so groß, daß mir auf der Stelle einleuchtete, daß es ein Unglück gegeben. Aber an so etwas hätte ich in meinem Leben nicht gedacht. Als sie mir das Ganze erzählt, sagte ich ihr, um sie zu trösten, daß irgend einer unserer Freunde oder Nachbarn den Buben mit sich genommen; aber ich selbst glaubte es nicht; denn welcher meiner Nachbarn würde sich eine so dumme Freiheit mit meinem einzigen Kinde wohl erlaubt haben? Ich würde ihm wahrlich nicht gedankt haben für ein solch einfältiges Wesen. Ich nahm Cesi noch einmal vor, und fragte ihn, wie der Mann aussah; ob er einen blauen oder schwarzen Rock angehabt? er sagte einen blauen; wie sein Pferd ausgesehen? braun, sagte der Bube; welchen Weg er genommen? diesen Weg, sagte der Bube, und deutete auf den großen Sumpf. — Ich sandte sogleich alle meine Neger, Männer, Weiber und Mädchen, rings herum zu meinen Nachbarn, um meinen Buben aufzusuchen, und ihnen zu sagen, was vorgefallen. Ich selbst nahm den Weg längs dem Pfade, auf welchem ich wirklich Pferdehufspuren fand. Ich folgte der Spur bis zur Bayou; dort verlor ich sie. Der Mann war mit seinem Gaule und meinem Kinde in ein Boot gegangen, hat vielleicht über den Missisippi gesetzt, ist vielleicht längs dem jenseitigen Ufer hinabgegangen — wo er gelandet, weiß Gott. Er mag vielleicht zehn, zwanzig, vielleicht funfzig, hundert Meilen unterhalb ans Land gegangen sein. Meine Angst wurde schrecklich; ich ritt auf Hopefield zu. Nichts war da von meinem Kinde gesehen oder gehört worden; alle Männer aber setzten sich auf ihre Gäule, um mir mein Söhnchen suchen zu helfen. Alle meine Nachbarn kamen, und wir suchten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Nichts, nichts hatten wir gefunden. Niemand hatte meinen Buben gesehen, Niemand den Mann, der ihn weggeführt. Wir stöberten den Wald dreißig Meilen im Umkreise meines Hauses durch, setzten über den Missisippi, gingen hinauf bis nach Memphis und hinab bis nach Helena und dem Yazoofluß — nichts war zu sehen oder zu hören. Wir kamen zurück, wie wir ausgezogen waren: keine Spur, kein Zeichen. Als ich nach Hause kam, fand ich die Leute aus dem ganzen County vor meinem Hause. Neuerdings zogen wir aus, neuerdings durchsuchten wir den Wald. Ich hatte nicht Rast, noch Ruhe. Jeden hohlen Baum untersuchten wir, jedes Gebüsch; — Hirsche, Bären und Panther fanden wir in Menge, doch nicht meinen Buben. Am sechsten Tage meines verzweifelnden Lebens kehrte ich zurück. Mein Haus war mir zum Schrecken geworden; Alles verdroß mich, Alles ekelte mich an. Ich war zerfleischt, meine Knochen geschunden, aber mein Inneres litt tausendmal mehr als mein Leib. Ich war krank an Leib und Seele und lag im Bette, als am zweiten Tage nach meiner Heimkehr einer meiner Nachbarn zu mir kam, und mir meldete, daß er so eben in Hopefield von einem Manne von Muller County gehört, daß ein Fremder auf der Straße von New-Madrid gesehen worden, der der Beschreibung entspreche, die wir von dem Räuber meines Sohnes hatten. Der Mann sollte einen blauen Rock und einen braunen Gaul haben, und auf dem Sattelknopfe einen Knaben. Ich vergaß meine Krankheit, meine wunden Glieder; ich erhandelte mir sogleich einen frischen Gaul, ich hatte die meinigen zu Schanden geritten. Ich setzte dem Manne an demselben Tage nach, ritt Tag und Nacht, ritt dreihundert Meilen bis New-Madrid, und als ich in New-Madrid ankam, so sah ich mit Schmerzen den Mann und Gaul und das Kind. Es war nicht mein Bube. Es war ein Mann von New-Madrid, der von einem Besuche in Muller County mit seinem Sohne zurückgekehrt war. Wie ich heim kam, weiß ich nicht. Nicht weit von Hopefield fanden mich die Leute und brachten mich nach Hause. Ich war vierzehn Tage krank, und wußte nicht, was um mich her vorging. Meine Nachbarn hatten unterdessen die Anzeige von der gräuelvollen That in die Zeitungen setzen lassen, in alle Zeitungen von Arkansas, Tennessee, Missisippi, Missouri und Louisiana; ich war mit meinen Freunden Tausende von Meilen geritten — Alles vergebens! — — Nein! schrie er mit einem herzzerreißenden Stöhnen, wäre mein Kind mir vom Fieber entrissen, hätte ihn ein Bär oder Panther zerrissen: es würde mich schmerzen, bitter schmerzen; es war mein letztes Kind. Aber, barmherziger Gott, gestohlen! Mein Sohn, mein armes Kind gestohlen! — Der Mann schrie laut, sprang auf, rannte in der Stube herum mit gerungenen Händen und wie ein Kind weinend. Selbst das Weib war nicht so schrecklich vom Schmerze ergriffen.
Wenn ich an die Arbeit gehe, fuhr er schluchzend fort, so steht mein Dougl vor mir, und meine Hände hängen herab, so steif, so schwer, als wären sie von Blei. Ich schaue mich um und schaue mich um, aber kein Dougl ist zu sehen. Wenn ich zu Bette gehe, so stelle ich sein Bett vor's unsrige hin und rufe ihn — kein Dougl ist zu sehen. Dougl steht vor mir, ich mag schlafen oder wachen. Wollte Gott, ich wäre schon todt! Ich habe geflucht und gelästert, geschworen und gebetet, ich habe geweint und geheult, — es ist aber Alles vergebens. —
Ich habe manchen Leidenden gesehen, aber nie sah ich einen, dem das schmerzlichste Weh sich so tief ins Herz gegraben, wie diesem Hinterwäldler. Sein Leiden war wirklich gränzenlos. Wir bemühten uns, ihn zu trösten, ihm Hoffnungen einzuflößen; des Mannes Blick war starr; ich zweifle, daß er ein einziges unserer Worte vernommen. Uns selbst hatte Mitleiden mit seinem Zustande mit einer Gewalt ergriffen, die die Worte auf der Zunge erstickte. Wir brachen bald hernach auf, schüttelten die Hände des unglücklichen Ehepaares, und versprachen, alles Mögliche beizutragen, um dieser räthselhaften gräuelvollen That auf die Spur zu kommen, und ihnen wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen.