Ja, es ist ein großartiger Anblick dieser Missisippi zu allen Zeiten, aber besonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefüllt ist. Man behauptet, er sei hier am tiefsten, und ich bin selbst der Meinung; denn weiter unten sind die Bayous, die einen bedeutenden Theil seiner Gewässer abführen. Der Strom ist beiläufig zehn Fuß gestiegen, und die Strömung äußerst schnell. Ich sehe ihn gerne voll, den majestätischen Vater der Flüsse, oder, wie ihn die Indianer nennen, den endlosen Strom[76], und empfinde stets ein gewisses Mißbehagen, wenn ich ihn im niedern Wasserstande mit seinen fünfzig bis sechzig Fuß hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze wird jedoch drückend, und die Moschettos scheinen unser verdicktes Blut zu wittern; bereits die dritte hat mich gestochen. Wir haben eine dritte Pflanzung passirt. Ein herrlicher Anblick, dieses Haus mit seinen zwanzig Hütten, in einem Walde von China-, Tulpen-, Orangen-, Feigen- und Citronenbäumen begraben; besonders die ersten sind so lieblich anzuschauen mit ihren weißen Blüthen und gelblichen Beeren, die die ganze Baumkrone bedecken, und sich im Verlaufe weniger Wochen röthen, wo sie dann Millionen glänzender Rubinen gleichen, den Robbins zum Labsal, zum Verderben. Tausende dieser treuherzigen Thiere schwärmen dann und nisten an neblichten Herbstmorgen in dem Gezweige, und ertränken im Safte der Beeren ihre winzigen Sinne, und purzeln umher, und treiben närrisches Wesen, die lieblichsten Trunkenbolde, die man nur sehen kann. Als wir so am breiten Uferrande hinrollten, den Missisippi zur Linken, die weißen Zäune mit den unabsehbaren Cottonpflanzungen zur Rechten, im Rücken die colossalen Cypressen- und Cedernwälder, wurde mir beinahe schwindlich vom langen Dahinstarren, und Landhäuser, Felder und Wälder schienen dem mexikanischen Busen zuzufliehen. Die Stimme Richards weckte mich aus meinen Träumen; wir waren vor der Pflanzung der Mistreß Houston.

[76]: Diesen Namen verdient er gewissermaßen, da er, den Missouri mit eingeschlossen, über 4000 Meilen lang ist.

So werden wir denn dieses Wunder weiblicher Vollkommenheit sehen, der so viele Huldigungen dargebracht werden. Eine Reihe von wenigstens zwanzig glänzender London-Gigs, mit einer gleichen Anzahl von Reitpferden, halten im Hofe unter den Bäumen. Wir stiegen sofort ab, übersahen unsere Anzüge, setzten zurecht, was die kurze Fahrt unrecht gesetzt, und stiegen die Stufen hinan. Die Halle war voll von Bedienten, der Saal voller Gäste, die natürlich gekommen waren, der nordischen Schönheit Lebewohl zu sagen. Doch weder sie noch Mistreß Houston ist zugegen. Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren über die drollige Wichtigkeit, mit der die Frau meines Freundes nach der Thüre deutet, und dann mit einem herablassenden, beifälligen Lächeln hindurchschlüpft. Zugleich beginnt eine unendliche Ungeduld sich in mir zu regen. Nichts ist unausstehlicher, als auf den Fittichen der Sehnsucht herbeizueilen, jeden Augenblick verlangend zu zählen, und dann auf Geduld verwiesen zu werden, oder, was noch ärger ist, auf ein Dutzend alte Gesichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate entbehrt haben, und denen wir nun recht freudestrahlend in die Augen sehen und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen müssen, wie sehr es uns freue, sie zu sehen, und wie das Wetter so schön sei. Doch es läßt sich nicht vermeiden, und so beginnen wir denn ganz gemächlich unsere Tour in der Runde, zuerst bei den Damen, wie es sich von selbst versteht, und dann bei den Herren, in echter Yankeemanier. Ich hatte so das zehnte Individuum abgefertigt, als Richards auf einmal meine Hand erfaßte und mich einem ältlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des drawing room stand. Unglücklicher Weise war die Ceremonie des Aufführens so schnell vor sich gegangen, daß ich den Namen der werthen Personnage ganz überhört hatte. Er war sehr erfreut, lautete seine Formula, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, von dem seine Freunde so viel Rühmliches erwähnt.

Ich verbeugte mich pflichtschuldigst; meine Verbeugung mußte aber sehr steif ausgefallen sein. Ich sah mich nach Richards um; er war verschwunden. Ich blickte den Gentleman an, er mich, und so verwirrt war ich, daß ich kein Wort finden konnte. Ich weiß nicht, was es war, das mir jedes Wort an die Zunge kleben machte; so verwünscht steif und starr und stattlich und abgemessen stand er vor mir; ein spanischer Grande war ein französischer Tanzmeister im Vergleiche. Und diese ernsten, trockenen, scharfen Gesichtszüge, diese spitze Nase, mit den blauen, tiefliegenden, starr fixirenden Augen, — sie scheinen ins Innerste zu bohren. Es lag etwas Gutmüthiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Yankee der alten Schule, ganz wie er leibt und lebt. — Ich muß recht erbärmlich vor ihm gestanden sein, da ich, statt Antwort zu geben, sein ganzes Gestelle abmaß, als wollte ich ihn aufnehmen, — auf seine gepuderten Haare, den Haarzopf, die seidenen kurzen Unterbeinkleider herabsah, die Schuhe mit den goldenen Schnallen musterte, und mir doch kein Sterbenswörtchen einfiel. Ich wollte bereits um Vergebung bitten, seinen Namen überhört zu haben, als Ralph Doughby seine Hand auf meine Schulter legte. Beinahe hätte ich es ihm Dank gewußt, so wenig ich übrigens den gar zu derben Schwenkflügel leiden mochte. Ehe ich mich umsah, hatte der Mann seine Verbeugung gemacht, und mich, den Tropf, so mußte er nothwendig denken, stehen gelassen. So geht es acht und zwanzigjährigen Hagestolzen, die auf die Mädchenschau ausgehen. Ich hatte ein wenig Mühe, den Hasenfuß, ich meine Doughby, aus seinem zwölf Zoll hohen Halskragen und dem Carterschen Fracke und Pantalons herauszufinden, mit denen er sich während seiner Newyork-Tour ausgerüstet. Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewöhnlich fangen sie mit achtzehn bei uns an, und enden mit vier und zwanzig. Wer hätte aber das an unserm Doughby vermuthen sollen, als er noch vor zwei Jahren steif und bedächtlich mit der Peitsche hinter seinen armen Negern einhertrabte? selbst einen Aufseher zu halten, war er zu knauserig. Und nun ist er einer unserer Fashionables in echter Ober-Missisippi-Manier, der seine zehn Gläser Sling oder halb so viele Bouteillen Chambertin aussticht, sein Ecarté mit Grazie bis Mitternacht spielt, und mit derselben Grazie einen Wollkopf zu Boden schlägt. Es scheint, er hat sich recht methodisch zum Lebemann vorbereitet, und physische und moralische Kräfte gesammelt, und nun gilt er für einen unsers Gleichen; denn er hatte die Klugheit, zusammenzuhalten, bis seine Batzen vollzählig waren. Ich möchte nur wissen, ob er auch gekommen ist, Emilie Lebewohl zu sagen. Sollte sie an seiner Bekanntschaft während ihres Hierseins Geschmack gefunden haben? Das wäre gerade keine besondere Empfehlung für ihren Sagacitätssinn. Es muß etwas dergleichen sein; der gute Ralph ist wie zu Hause.

Der Gedanke fing an mich allmälig zu drücken, während ich meinem Nachbar, der jedoch glücklicher Weise hundertfünfzig Meilen von mir wohnt, über seine vortheilhafte Metamorphose mein Kompliment machte. Und der Ignoramus nimmt es für baare Münze, und wirft sich auf, und geruht beinahe protegirend zu werden. Gott sei Dank, er geht; doch was nachkömmt, ist nicht besser. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte Gouverneurs- und Präsidentenwahl die Rechnung verdorben hat. Die guten Leute sind steif der Meinung, daß unsers Louisianas Ehre dahin ist, wenn nicht einer aus ihnen das Ruder führt. Auf die armen Creolen sind sie schlimm zu sprechen. Ich war eben daran, meine nagelneuen politischen Entdeckungen den Herren zum Besten zu geben, als plötzlich die Flügelthüren sich öffneten, und ein Zug von Damen hereinschwirrte. Zuerst eine unbekannte Gestalt am Arme Claras, dann Mistreß Houston und Compagnie. Doch diese Unbekannte, sie ist zweifelsohne Emilie; was will aber dieser Doughby bei ihr? Er poltert auf sie zu, als ob sie bereits die Seinige wäre. Und sie? Wahrlich, ich weiß nicht, wie mir wird. Ist es Ueberraschung, oder Eifersucht auf Doughby; aber es wird mir grün und gelb vor den Augen. Sie verbeugt sich zur Gesellschaft und spricht mit dem steifen Gentleman; jetzt wendet sie sich zu mir. Mein Gott! Mistreß Houston steht diese halbe Minute vor mir und erkundigt sich nach meinem Befinden; ich starre auf Emilien, und, was schlimmer ist, brumme der Dame in ihrem eigenen Hause zu: »Ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen.« Wohl, wenn die nicht den Staar hat, dann wird es saubere Geschichten geben; denn auf die Zungenspitze dieser personificirten chronique scandaleuse zu gerathen, und die Tour unserer zwölfhundert Zeitungen zu machen, ist eins und dasselbe. Und noch dazu schiebe ich sie höflichst auf die Seite, um mir nicht die Aussicht auf Emilien zu verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuschwebt. Ja wohl schwebt sie; ihr Schritt ist so leicht, beinahe tanzend, und doch so fest und bestimmt. Keine Ziererei, nicht der mindeste Zwang in ihren Bewegungen, die zarteste Lebendigkeit und doch die bescheidenste Grazie. Ihr Wuchs ist etwas über die Mittelgröße, die Gestalt ein Modell der Symmetrie, so schlank und doch so abgerundet, so elastisch und so ätherisch. Und diese prachtvollen, tiefblauen Augen, die einen mit solch wunderbarlichem Vertrauen anblicken, gleichsam als wollten sie sagen: ich weiß, du bist mir gut. Diese Augen, die so zuversichtlich und doch wieder so prüfend auf Einem ruhen, gerade lang genug, um ihn zu überzeugen, daß er eines längern Blickes würdig erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflößen; der wahrhaft mädchenhafte, reine Ausdruck dieser Augen, der von dem bezauberndsten Glanz so unmerklich in sinnenden Ernst verschmilzt — ich werde sie nie vergessen. Und dieser Teint so rein, die Rosen auf Liliengrunde. Es ist das frischeste, lieblichste, verständigste Gesicht, das mir je vorgekommen ist. Ja, sie ist wirklich ein reizendes Mädchen; nie sah ich ein so offenes und wieder so intellektuelles Wesen. Das Gesicht ist eines Lebensstudiums werth. — Sie spricht mit Richards und seiner Frau, ihre Hände in die ihrigen verschlungen. Wir haben lange und verlangend auf Sie, Harry, gewartet, lispelte sie, während ihre Augen in sinnendem Ernste auf ihn gerichtet waren.

Ich hoffe, ich bin nicht zu spät gekommen, erwiederte Richards.

Sie gab keine Antwort; aber diese funkelnden Augen schienen feucht zu werden, sie schienen zu sagen: ja wohl zu spät.

Wenn ich zu spät gekommen, dann bist du Schuld daran, sprach Richards, sich zu mir wendend.

Ich war einem Träumenden gleich da gestanden. Ich hörte nicht, ich sah nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium.

George ist wieder einmal in seinen Träumen, sprach Richards, meine Hand mit seiner Linken ergreifend und mich näher zu dem Kreise ziehend. Ich blickte auf; sie stand vor mir im unaussprechlichen Reize.