Hast du die schweren Klagen wohl gehört, die so eben gegen dich erhoben wurden? fragte er. Die zweihundert Meilen, die ich zweimal zu fahren hatte, dich von deinen Wanderungen aufzulesen und wieder heimzuführen, dürften leicht Herzenswehen verursachen.

Herzenswehen? fragte ich, und wer fühlt diese?

Das Auge Emiliens ruhte auf mir. Herr Howard, sprach sie, hat wirklich Ursache, stolz auf die Liebe und Achtung seiner Freunde zu sein.

Die ersten Worte, die sie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche Töne! Was sind Garcias Töne gegen diese? Und dieser Mund, wie himmlisch er sich öffnet! Und diese Reihen von Perlenzähnen! Ich konnte mich nicht satt genug an ihr sehen. Ich hätte Vieles gegeben — und ich gebe nicht gern — diese Zähne noch einmal zu sehen; doch der Knall zweier Gewehre ließ sich nun hören und das Geheul der Neger. Das Dampfschiff! rief Mistreß Houston mit ihrer klaffenden Stimme. Das Dampfschiff! wiederholte ich in Verzweiflung. Die alte Dame warf einen höhnisch triumphirenden Blick auf mich. — Emilie! sprach ich, und die Worte erstarben mir auf der Zunge, Emilie! und zu gleicher Zeit preßte ich wüthend ihre Hand. Sie blickte mich gleichsam verwundert an; sie mußte in meinem Gesichte gelesen haben, was in meinem Innern vorging. Und nun die verwünschte Helen Mc Gregor, wie eine Anaconda zischend; sie ist bereits zu hören wie das Brüllen der Neger. Und die gellende Mistreß Houston — wahrscheinlich, um mir die Qualen des Abschiednehmens so viel wie möglich zu verkürzen! — Doch, was hat dieses zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Shawl auf, schiebt den alten gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Cottonballen thun würde, und wirft das Seidentuch Emilien über die Schulter; er reißt beinahe die Spitzen von ihrem Halse. Das ist's also! da geht es hinaus! Wohl, ich weiß nun, woran ich bin, und ich bin herzlich froh. Was ist mir Emilie Warren? Ein schöner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch dieses zu überstehen; es ist nicht meine erste und, ich hoffe, auch nicht meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von acht und zwanzig Jahren wird sich um solche Kleinigkeiten nicht den Hals abreißen. Elende Tröstungen! Während mir diese Maximen grober Liebesphilosophie durch den Sinn schwirrten, hätte ich Ralph Doughby, der ihr nun seinen Arm anbot, ganz gemüthlich erwürgen können. Ja, er führt sie wirklich auf das Dampfboot, und mir fällt Mistreß Houston zu. Anstatt ihr den Arm anzubieten, faßte sie den meinigen, und so ziehen wir denn fort. Was ich sagte, weiß ich bis auf diesen Tag noch nicht; es muß jedoch etwas Heilloses gewesen sein; sie schrie beinahe laut auf. Ihre gellende Stimme brachte mich endlich zum Bewußtsein zurück, und ihr süßlich giftiger Blick kühlte allmälig meine Leidenschaft. Wenig Schritte mehr und wir waren am Landungsplatze. Kisten, Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponirt; es blieb nichts übrig, als die Eigenthümer gleichfalls zu spediren. Zuvor muß jedoch noch Lebewohl gesagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilien, und sie in den Armen der Frau meines Freundes. Es schien, als trenne sie sich ungern von der Jugendfreundin; der lange, lange Kuß, die thränenvollen Augen zeugten deutlich davon. Doch nun kömmt Mistreß Houston, stattlich, steif und frostig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frühling umarmt. Und dann die übrigen Damen und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt Richards und ich. Sie nähert sich uns einen Schritt; ihr Auge sucht mich, unsre Hände begegnen sich; ich presse die ihrige — vielleicht das letztemal. Jedoch nicht das leiseste Zeichen der Erwiederung, und doch ruht dieses prachtvolle Auge auf mir; eine Thräne spiegelt sich darin, eine zweite — sie wendet sich, und nun ein zitternder, beinahe unmerklicher Druck dieser lieblichsten aller Hände. Ich murmelte, meiner selbst unbewußt: Himmel, so muß ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nachdem ich Sie gesehen! Sie blickt mich an, und wendet sich dann mit einem Blicke, der milde und schwermüthig zu sagen scheint: ja, wir müssen scheiden. — Doch wer kommt hier. Ein ganzer Troß von Wollköpfen, jung und alt, Kinder, Jungen, Mädchen, Greise und alte Mütterchen, alle ihr Lebewohl heulend und grinsend, alle nach einem letzten Blicke von diesem lieblichen Wesen haschend. Sie muß diesen Armen herzlich gut gewesen sein; niemand fühlt tiefer als sie. Selbst ihre Leiden, ihr hartes Loos, macht sie um so empfänglicher, die milde Hand zu küssen, die sich ihnen wohlthätig aufthut, die es der Mühe werth hält, einen Tropfen Balsam in ihre stets offenen Wunden zu gießen. Es ist wirklich ein schöner Anblick dieß, das herrliche Geschöpf umringt von den schwarzen Gestalten; die unerwartete Huldigung scheint in ihr eine wehmüthig-freudige Empfindung zu erregen. Doch Mistreß Houston winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinge scheuchen zurück. Ihr Blick fällt furchtsam auf ihre Herrin, und dieser Blick scheint alle erstarren zu machen, gleich Banquo's Geiste. Noch ein Lebewohl und sie scheiden, und betreten die Breter, die sie für immer mir entziehen soll. Ich starre ihr wie verloren nach, übersehe ganz, daß sie an Doughby's Arme über die Brücke auf das Verdeck schritt und mit ihm in der Salonthüre verschwand, — und nun schwingt sich das Boot herum, der Dampf brauset, zischt stärker und stärker, endlich der letzte Stoß und die gewaltige Maschine bewegt sich; langsam zuerst, und dann schneller und schneller schwirren die Räder. Wird sie nicht aus dem verwünschten Salon herauskommen? uns keinen letzten Blick gönnen? Immer weiter entfernt sich das abscheulich schnelle Boot; nie schien mir eines so eilig. Ah, nun öffnet sich die Thüre; es ist eine weibliche Gestalt; sie nähert sich dem Geländer; ihr Sacktuch in der Hand; sie schwingt es. Der alte Gentleman zunächst ihr lüftet seinen Hut und macht eine abgemessene Bewegung, und nun fällt mir der bocksteife Gentleman wieder ein. Ich erinnere mich, daß er noch an der Brücke sich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrückt, und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boston käme, sein Haus als das meinige zu betrachten. »Wer ist doch,« fragte ich Richards, »der Mann, der neben Miß Emilien steht, und uns so steif sein Adieu zunickt?« Fürwahr, erwiederte mein Freund, du bist einer der sonderbarsten Menschen; da steht er, gafft, vergißt Alles neben und um sich, und bemerkt selbst nicht, wenn man von ihm Abschied nimmt. Mister Warrens muß sonderbare Dinge von dir denken.

Dieß Mister Warrens? fragte ich, mich auf die Stirne schlagend.

Wer sonst als er? Ich bitte dich, vermeide alles Auffallende; unsre Tante hat dich im Auge.

Das Wort rief mich wieder zurück. Sie stand mir gegenüber, ein boshafter, schadenfroher Zug spielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richards Zeit, mir die Worte zuzuflüstern: Sei ein Mann! so stand sie auch schon vor mir, um mich mit aller möglichen Zutraulichkeit zum Mittagsessen einzuladen. Ich wollte ein bestimmtes Nein aussprechen; allein Richards und seine Frau traten wieder dazwischen, und sagten zu. Die alte Dame fixirte mich einen Augenblick, und wandte sich dann zu der übrigen Gesellschaft.

Sei nur diesmal ein Mann, und gieb dich dem Spotte der Tante und ihrer tausend Nebenzungen nicht bloß, bat Richards. — Was kümmert mich die Tante und ihre tausend Nebenzungen, wollte ich erwiedern; aber Richards mußte in meiner Seele gelesen haben, und sprach ernst und trocken: Das schroffe, leidenschaftliche, träumerische Wesen taugt fürwahr nur, dich zum ungenießbaren Sonderling zu stempeln. Bedenke, daß du unter deinen Nachbarn bist, denen du nie eine Blöße geben darfst.

Du hast wahrlich recht, erwiederte ich. — Es war wirklich hohe Zeit, zurückzukommen. Bereits flüsterten meine Nachbarn und schöne Nachbarinnen, bereits spitzten sich ihre Näschen und krümmten sich ihre schönen Lippen; eine Stunde länger so fortgefahren, und am ganzen Missisippi wäre der zu spät gekommene Liebhaber ein Theegespräch geworden. Nein, das muß nicht sein; erwache zum Gefühle deiner ganzen Kraft, sprach ich, und vergesse diese Lappalien. Vielleicht wäre mir dieses doch nicht so leicht geworden; doch als ich so selbst mit mir kämpfte, warf mir Mistreß Houston einen ihrer gewöhnlichen coup-d'oeils zu, und der entschied. Mich vor dieser Frau bloß zu geben, wäre Tollheit, Stumpfsinn gewesen; nein, diese Zunge soll ihre anatomisirende Gewandtheit nicht an mir üben; es ginge mir wahrlich nicht besser, als dem armen Eichhörnchen, das von der Mocassinschlange verschlungen wird, zuerst der Kopf und dann der Leib, den sie mit ekeligem Schleime überzieht, um ihre Beute desto leichter hinabzuwürgen. Sicherlich würde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen oder einem Wochenblatte figurirt haben, herausgeputzt in einen Wehe- und Entsagungshelden, zahlbar mit fünf Dollars baaren Geldes oder vier Bänden derlei Potpourri's von Unsinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen.

Es kam nun darauf an, ein paar Stunden gehörig zu benutzen, und die üblen Eindrücke wieder zu verwischen. Schon der feste Entschluß, die Lösung dieses Problems aufzustellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir trefflich zu statten kam. Allmälig kam die gute Laune gleichfalls angezogen, und zuletzt in einem Maße, wie ich sie selten hatte. Wie das herging, weiß ich noch heutigen Tages nicht; war der höhnende Blick von Mistreß Houston daran Ursache, oder war es Uebermaß der Verzweiflung, ein Geschöpf für immer verloren zu haben, das, mein Herz sagte es mir beim ersten Anblicke, mich namenlos glücklich gemacht haben würde, — genug, ich war plötzlich in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes- und Geistesfunken fingen mit einem Male aus meinem Munde zu sprühen an; jedes Wort athmete den fröhlichen, heitern Lebensmann. Mistreß Houston sah mich anfangs zweifelnd, dann verwundernd an; zuletzt schien sie ihren Ohren und Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Clara kicherte und lachte, bis sie es nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorfälle unserer Tour, vom ledernen Mister Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des achten Jänner gebratenen Barbecu-Ochsen, von dem auch uns eine Rippe zu Theil wurde, und dem pfiffigen Yankee, der seine selig verschiedene Ehehälfte einsalzte und in den Kamin zum Räuchern aufhing, willens, sie so, wohl geräuchert und gedörrt, als eine egyptische Mumie, an die Londner egyptische Halle in Piccadilly zu veräußern, indem er aus seiner Zeitung vernommen, daß Mumien ein gangbarer Artikel wären, und mit schwerem Gelde aufgewogen würden. All der Unsinn, den wir gehört, alle die tausend Albernheiten, die wir gesehen, wurden nun preisgegeben, mit einer Geläufigkeit preisgegeben, die die Gesellschaft in vollem Lachen erhielt. Natürlich trug der Umstand, daß der Erzähler kein gewöhnlicher Lustigmacher, sondern ein Mann war, der mehr zu seinem eigenen und seiner nächsten Freunde Vergnügen, als den Beifall der Uebrigen zu erringen, erzählte, das Seinige zum Genusse bei. Ich fühlte mich ganz froh und heiter, es schien mich zu drängen, von dem Ueberflusse meines Frohsinnes auch meinen Freunden etwas zukommen zu lassen. Selbst der Takt, mit dem ich abbrach, sollte meine Gabe in ihren Augen noch erhöhen. Mistreß Houston hatte für ein frisches Dutzend Champagner gesorgt; wir hatten ihn trefflich gefunden, und ich liebe diesen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn für uns erzeugt; allein ich hasse gemeines Zechen, und zu meiner großen Ergötzlichkeit haßten nun alle meine vierzig Nachbarn eben so das sonst so liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichst versprochen hatten, so bald als möglich wieder zu kommen. Und wirklich, so froh und heiter schieden wir, daß ich beinahe glaube, Mistreß Houston habe lieblicher denn je ausgesehen.