Dieser Mündungsteil des großen Amazonenstroms wurde zuerst von den Seefahrern entdeckt und „Süßwassermeer“ getauft. Die Wasserbehälter werden meistens hier aufgefüllt, da das Wasser frisch und, wenn filtriert, zum Genuß geeignet ist. Einige Stunden, nachdem die Nacht sich auf die weite, schweigende Wasserfläche und die fernen Wälder herabgesenkt hatte, kamen wir an der Mündung des Tocantinsflusses vorüber und fuhren in den eigentlichen Amazonenstrom ein.

Was sich während der nächsten vierzehn Stunden ereignete, ist vom Schleier des Geheimnisses bedeckt. War es die verhältnismäßige Behaglichkeit der kleinen Kabine, deren ich mich allein, dank der Güte der Beamten und anderer Freunde in Pará, erfreute, oder war es die kühle Brise vom offenen, hier sehr breiten Strom her nach den qualvollen Nächten auf der Jaguarinsel — das vermag ich nicht genau festzustellen. Aber jedenfalls schlief ich so gut, daß ich das kleine, aus Fisch und Früchten bestehende Frühstück auf dem Hinterdeck versäumte und mich mit schwarzem Kaffee und Biskuits bis zum Lunch begnügen mußte.

Wir befanden uns nun in den berühmten Engen des Amazonenstroms. Die Tausende von bewaldeten Inseln legen sich so zusammen, daß der reißende Strom häufig auf weniger als 180 Meter eingeschnürt wird — ein Gegensatz zu den 50 Kilometer gegenüber Pará! Die gelbe Flut schießt zwischen den grünen Inseln in mannigfachen Richtungen dahin; ein Schauspiel großartiger tropischer Schönheit. Die zierliche Assaipalme mischt ihre federartigen Wedel in das Blättergrün zahlloser anderer Baumarten, Lianen hängen in Schleifen und Girlanden von den luftigen Ästen der Urwaldriesen, gewaltige Wurzeln ragen wie Strebepfeiler aus dem Gewirr des Unterholzes, und auf den Lichtungen und den schmalen Igarapés wandelt sich der strahlende Sonnenschein der Tropen zum Dämmern grünlichen Zwielichts.

Hier und da erheben sich die mit Palmstroh bedeckten Behausungen der Caboclos, der halbblütigen Kautschuksammler, auf dünnen Pfählen über die überfluteten Ufer. Die primitiven Hütten stehen gleichsam im Schatten der gewaltigen äquatorialen Urwälder. Die Armut dieser Flußleute ist oft schrecklich. Die nackten Kinder, die in den roh ausgehöhlten Kanus spielen, dem einzigen Verkehrsmittel, tragen alle Zeichen der Unterernährung an sich. Sich auf dem Lande zu ergehen, ist ihnen des dichten Dschungels wegen verwehrt. Das Hauptnahrungsmittel besteht aus Mandiokamehl, das Magenerweiterungen und Blutarmut verursacht. Neunzig von hundert dieser Kinder sollen an Hakenwürmern, Malaria und Bleichsucht leiden. Flußfische und Waldfrüchte bilden die sonstige Nahrung dieser merkwürdigen Mischrasse aus Indianern und Portugiesen, die an den Ufern der fast überall zugänglichen Flüsse des Amazonenbeckens wohnt. An den Uferrändern der Engen des Amazonenstroms finden sich außerdem viele Indianer, halbzivilisierte Nachkommen der einst mächtigen Tupination. Von den Caboclos unterscheiden sie sich durch ihren kleinen Wuchs, die braune Hautfarbe und eine vierschrötige, muskulöse Gestalt. Sie sprechen die „Lingoa Geral“, die als Verständigungsmittel zwischen den Portugiesen, den Caboclos und den Indianern dient, einen verdorbenen Tupidialekt, leben in Familien und haben seltsam verwickelte Verwandtschaftsverhältnisse. Geschwisterkinder sind unbekannt, und alle Enkel eines Großvaters werden als Brüder und Schwestern betrachtet!

Die Weiber gehen bei den Caboclos und Indianern halbnackt oder in leuchtend roten Röcken; die Männer tragen selten mehr als schmutzige Unterhosen und einen Strohhut. Ihre mit Palmstroh gedeckten, auf Pfählen über der gelben Flut erbauten Hütten, mit den Kronen der Riesenbäume drüber statt des Himmels, machen einen trübseligen Eindruck. Sie bestehen aus einem Raum, der beinahe keine Einrichtungsgegenstände, nicht einmal Kochgerätschaften enthält. Außer einer Schilfhängematte und einigen irdenen Töpfen ist dort nichts zu sehen. Fast den ganzen Tag bringen sie auf der von Pfählen getragenen Plattform zu, die das einzige Wohngemach umgibt.

Zuweilen kommen sie zu einem Tanz zusammen, der meist abends stattfindet beim flackernden Schein eines angezündeten Holzhaufens. Die älteren Leute singen eine langsame, traurige Melodie, mit vielen Wiederholungen, zu der sie mit Gefäßen voll trockener Erbsen, die geschüttelt werden, eine Art Begleitung spielen. Dazu schleifen die jungen Caboclos mit den Füßen und verdrehen den Körper, was weder graziös noch künstlerisch aussieht. Sieht man solche Tänze im Dickicht der großen Wälder oder am mondbeschienenen Strand mit dem dunkeln, schweigenden Fluß vorn und der schwarzen Wand des Dschungels als Hintergrund, von dem sich die rote Glut des Holzfeuers abhebt, so machen die langsamen, schattenhaften Bewegungen der Gestalten und das rhythmische Gerassel der Erbsenbehälter einen unheimlichen und im höchsten Grad barbarischen Eindruck.

Während der letzten Tage des Juni begehen die Caboclos alljährlich das Fest von St. Juan (Johannes des Täufers). Dabei gibt es Tänze und seltsame Zeremonien, die ihren Höhepunkt in einer Art von Karneval am 24. Juni erreichen. Fast jede der nah und fern über die Ufer der 30000 Kilometer schiffbarer Flüsse verstreuten Familien zündet ein Feuer im Freien an und nimmt um Mitternacht ein wohlriechendes Bad. In den vielen kleinen Niederlassungen längs der verschlungenen Flüsse kommt man maskiert zusammen. Die Leute verkleiden sich als Stiere mit Kopfschmuck und Hörnern oder als wilde Indianer mit Tukanfedern, Bogen und Pfeilen. Wilde Musik und Tänze füllen die Stunden aus zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht, dann kommt das wohlriechende Bad.

Fast vor jeder Caboclohütte stehen auf der Plattform über dem Fluß oder Sumpf irdene Töpfe, in denen gewisse Pflanzen wachsen. Sie dienen dazu, um das Bad an jenem großen Festtag der Mischlingsbevölkerung zu parfümieren, die das dünne Band einer Halbzivilisation an den Ufern der vielen schiffbaren und befahrenen Flüsse des Amazonengebiets bildet. Es sind harmlose und freundliche Leute, wenn sich auch das impulsive Temperament der Indianer zuweilen in einer Messerstecherei Luft macht.

Obwohl die Hütten dieses Flußvolks, des Steigens der Flüsse wegen, fast stets auf Pfählen errichtet sind, kommt es nicht selten vor, daß die Leute bei außergewöhnlichem Hochwasser ganze Tage auf den Dächern zubringen müssen. Die an den Stromengen Hausenden sind hauptsächlich Cearaetze oder Eingeborene aus dem Staat Ceara, die zwangsweise aus diesem wüstenartigen Gebiet während einer Trockenperiode deportiert und in den feuchten äquatorialen Wäldern des untern Amazonenstroms angesiedelt wurden. Ihre Haut- und Haarfarbe ist verhältnismäßig hell, während die, die am Oberlauf des Amazonenstroms und an den entlegeneren Flüssen hausen, dunkler sind und mehr den zivilisierten Indianern gleichen. Aber es ist unmöglich, allgemein zutreffende Angaben zu machen, weil auch Neger, d. h. freigelassene Sklaven, und ihre Abkömmlinge sehr zahlreich sind und die Mischung der verschiedenen Rassen allerlei Merkwürdigkeiten in Farbe und Typus hervorgebracht hat.

Nachdem die 200 Kilometer langen Stromengen durchfahren sind, gewahrt man auf den mit dichten Wäldern bestandenen Uferbänken nur wenig Zeichen des Lebens. Im Düster der Riesenbäume wird trockenes Land nur selten sichtbar, und das erklärt bis zu einem gewissen Grad das Fehlen der Fauna. Zuweilen wird die Stille der tropischen Nacht von dem fernen Geheul eines Jaguars unterbrochen oder dem Lärmen einer aus dem Schlaf geschreckten, schreienden Affenkolonie. Ehe in den frühen Morgenstunden der dünne, weiße Nebel von Fluß und Dschungel verschwunden ist, kann man häufig von der Mitte des Flusses aus das Kreischen der Papageien und das Geschnatter der Affen hören.