Dicht am Ufer sieht man oft Papageien, Araras, weiße Reiher, Kormorane und Enten zwischen ihren Nahrungs- und Brutplätzen hin- und herfliegen. Zuweilen scheucht das Geräusch des Dampfers einen Königsfischer oder Reiher auf oder man bekommt einige Schopfhühner zu Gesicht, lebende Verbindungsglieder zwischen Pterodaktilus und Vogel. Riesenfische, mit den Kinnladen einer Bulldogge und vorstehenden Augen, tauchen aus der Tiefe der gelben Flut, um den Abfall der Schiffsküche aufzuschnappen, und hoch über den gewaltigen Wäldern ziehen in schwerfälligem Flug die schwarzen, geierartigen Urubú (Rabengeier) dahin oder kreist langsam der amazonische Adler. Flußdelphine erscheinen gelegentlich an der Oberfläche des Flusses, und zur Zeit des Niederwassers sind in der Mittagshitze sich sonnende Alligatoren kein seltener Anblick.

In den Quellgebieten der abgelegenen Amazonenflüsse sind die Alligatoren so zahlreich, daß sie eine beständige Gefahr bilden. Dort kommt auch der Piranha genannte Kannibalenfisch vor, von dem ich später noch mehr berichten werde.

Auf der Fahrt nach dem Tapajóz-Plateau war ich noch nicht lange genug im Amazonengebiet, um die bittere Wahrheit der Behauptung zu verstehen: „Hinter jedem Blatt ein Insekt und in jeder Blume wenigstens eine Ameise.“ Zwar hatte ich den fast ununterbrochenen Lockruf der Käfer vernommen, das Zirpen einer Art Grille, das unaufhörliche Summen und Surren der zahllosen Insekten, aber noch keine Wespennester so groß wie Kokosnüsse gesehen, Armeen von Sauba-Ameisen, Büsche bedeckt mit „Micuims“, lästigen Zecken, die sich zu Hunderten unter die Haut eingraben, wenn man durch das Dickicht des Urwalds wandert. Auch war ich noch wenig vertraut mit der nächtlichen Tätigkeit der Sandflöhe, Sandfliegen und der ungeheuern Spinnen, von denen manche ein rotes Kreuz als Zeichen der Gefährlichkeit auf ihrem widerlichen Rücken tragen. Einige wenige Schlangen hatte ich in verschiedenen Gegenden Südamerikas zu Gesicht bekommen, aber die waren nichts im Vergleich zu den Stücken, die ich später in den Sümpfen des Madeiragebiets antraf. Als daher der kleine Flußdampfer sich entschloß, einige Stunden in Santarem anzuhalten, der hübschen, kleinen Niederlassung an der Mündung des Tapajózflusses, machte ich mich auf, die Stadt und die sie umgebenden Dschungeln zu besuchen, um meine vernachlässigte Erziehung zu vervollständigen.

Die Vereinigung des dunkelgrünen Tapajózflusses mit der gelben Flut des Amazonenstroms, gegenüber Santarem, bietet einen merkwürdigen Anblick. Die Gewässer vermischen sich nicht, sondern bilden Farbenflecken und Miniaturwirbel weithin über die ungeheure Fläche des wie gescheckten Stromes. Das Land an beiden Mündungsufern des mächtigen Nebenflusses besteht aus imponierenden waldbedeckten Klippen und Hügeln. Zwischen dem Vegetationsgeflecht wird stellenweise der rote Sandstein sichtbar. In den tiefer gelegenen Dschungeln gibt es Palmen der verschiedensten Art, weiter oben aber, auf dem trockenen Grund, erheben sich die Riesen des Urwalds, und das Unterholz nimmt ab.

Hätte ich sonst keine Erfahrungen auf meiner Wanderung um Santarem herum gemacht, so würden mir mehrere qualvolle Stunden erspart geblieben sein. Wenn man aber einmal von den „Micuims“ gebissen wurde, ist das beste Heilmittel „Cacash“, ein billiger, einheimischer, starker Sprit, in dem man sich glücklicherweise auch ein Bad leisten könnte. Er lindert die Stiche der Moskitos und die durch Hunderte von kleinen Parasitenarten verursachten Entzündungen. Neulinge im Reisen in den Wäldern des Amazonas pflegen über die Quälgeister noch kräftiger zu fluchen, als über alle sonstigen Beschwerlichkeiten. Zum Glück ist der kühle Fluß frei davon.

Als die Sonne wie gewöhnlich in einem Strahlenglanz von gelben, roten und purpurfarbenen Wolken unterging und den stillen Strom, die Palmen, Klippen und weißen Landhäuser in ein Meer von Gold und Karmesin tauchte, nahm das Violett des Tapajózflusses die Farbe rötlichen Schaumes an. Aber während die erste Asche der eben angezündeten Zigarre zu Boden fiel, war das Feuer im Westen schon erloschen, und die Lichter Santarems wurden von den dunklen Mauern des tropischen Waldes aufgeschluckt.

Hinter Santarem bildet der Tapajóz eine etwa 15 Kilometer breite, trichterförmige Bucht, die nach Süden, in das Herz des Kontinents, hineinführt. Während der nächsten 80 Kilometer verengert er sich aber wieder allmählich bis auf weniger als drei Kilometer bei der kleinen Niederlassung Aveiros. Bald nach Sonnenaufgang hielt der Dampfer an einer „Barraca“ oder einem Magazin, etwa 100 Kilometer stromauf, um seine Vorräte an Heizmaterial zu ergänzen. Die kleinen Holzklötze waren auf einer wackeligen Plattform aufgeschichtet, die sich dicht am Ufer über das dunkelgrüne Wasser erhob. Abgesehen von den Kanus wird die ganze Flußschiffahrt im Amazonengebiet mit Holzfeuerung aus den umliegenden Wäldern betrieben. Die Bäume werden von den Caboclos, den Sammlern von Kautschuk und brasilianischen Nüssen, gefällt, zerkleinert und den Dampfern an den Barracas verkauft. Auch die zur Ausfuhr bestimmten Produkte des Waldes werden hier aufgestapelt. Diese niedern Schuppen auf ihren Holzpfählen bilden ein charakteristisches Bild an allen stark befahrenen Flüssen des Amazonengebiets. Sie scheiden die bekannten Routen von den unbekannten. Wo es keine Barracas gibt, können nur Kanus zu Erforschungszwecken mit Erfolg benutzt werden.

Vor wenigen Jahren erschienen einige unerfahrene Reisende an der Schwelle eines entlegenen Gebiets des brasilianischen Guyana in einer sorgfältig ausgerüsteten Motorbarkasse, die sie auf dem Deck eines Frachtdampfers mitgeschleppt hatten. Unnötig zu sagen, daß sie über dreihundert Kilometer von der Basis ihrer Benzinversorgung nicht hinausgelangten, und das in einem Gebiet, wo eine Kanureise von 1500 Kilometer für nichts Besonderes gehalten wird!

Vom Verdeck des Dampfers aus scheint das Wasser des Tapajózflusses von flaschengrüner Farbe, aber während Brennholz an der Barraca eingenommen wurde, benützte ich die Gelegenheit, dieses merkwürdige Flußwasser in einem Glas und unter dem Mikroskop zu untersuchen. Es sah nun kristallklar aus mit nur wenigen pflanzlichen Bestandteilen an der Oberfläche; ganz im Gegensatz zu dem schlammartigen, gelbbraunen Wasser des Amazonenstroms. In seinem Unterlauf zieht der Tapajóz breit und stattlich dahin zwischen Uferbänken, die bis zu beträchtlicher Höhe ansteigen und rote Felsen zwischen den Riesen des Urwalds hervortreten lassen. Die Schiffahrt geht aber doch nur von der Mündung bei Santarem ungefähr 240 Kilometer weit bis zu einem Häuflein aus Luftziegeln errichteter Hütten, das sich stolz Itaituba nennt. Über diesen Punkt hinaus ist das Flußbett von einer Reihe gefährlicher Stromschnellen unterbrochen, und das angrenzende Gelände ist nur halb erforscht, obwohl Franco, Wickham und Rondon zu verschiedenen Zeiten des letzten Jahrhunderts viele hundert Kilometer weiter vorgestoßen sind.

Das Fehlen jeglichen andern Beförderungsmittels nötigte mich in Itaituba zum Ankauf eines geräumigen Kanus oder Batalõe. Als der kleine Dampfer im „Hafen“ angelegt hatte, beeilte ich mich, die bräunlichen Beamten aufzusuchen, an die ich Empfehlungsbriefe in Pará erhalten hatte. Eine nähere Bekanntschaft mit den paar verfallenen Vorratshäusern und Ziegelhütten des Ortes verstärkte noch meinen Entschluß, ein Nachtquartier dort wenn möglich zu vermeiden.