Aber wehe den Plänen der Menschen in dieser geheimnisvollen Region der Urwälder und Gewitter! Kaum hatte sich die Sonne hinter die Baumwipfel gesenkt, als der ganze Himmel im Feuer zu stehen schien. Drei Stunden lang hielt das Gewitter an, ohne daß das leiseste Geräusch des Donners oder vom Aufklatschen von Regentropfen zu hören gewesen wäre. Es blitzte nur unaufhörlich, daß die Augen fast geblendet wurden. Lautlose Flächen- und Zackenblitze — auch Fluß und Wald schienen den Atem anzuhalten.

Glücklicherweise hatten wir Vorräte und Ausrüstung noch nicht ausgeladen und brachten die Nacht an Bord des Dampfers zu. Itaituba hat dem in privaten oder Amtsgeschäften Hierherkommenden keine Bequemlichkeit zu bieten, die über ein Dach und eine Hängematte hinausginge. Seine Einwohnerzahl beträgt etwa 500 Köpfe, und bemerkenswert ist es nur als Aufenthalt von Mr. Wickham, der hier die Samen sammelte, aus denen später die malaiischen Gummipflanzungen hervorgingen. Gegen Mitternacht hörte das Blitzen auf, und der Regen setzte ein. Eine zischende und tobende Sintflut drang durch die überhitzten und gesprungenen Deckplanken, weckte während der zwanzig Minuten ihrer Dauer uns alle an Bord und ersäufte zwei Hühner, die an einem Stützbalken der Schiffstreppe angebunden waren.

Der nächste Morgen war von strahlender Schönheit, aber drückend heiß. Ganz gegen meine Erwartung gelang es mir, sofort ein Batalõe für die nicht übertriebene Summe von 15 Pfund zu erwerben. Der bisherige Besitzer dieses sonderbaren, unangestrichenen Fahrzeugs erzählte mir, daß Regengüsse wie der der gestrigen Nacht in dieser Jahreszeit selten wären, außer zwischen 3 und 4 Uhr jeden Nachmittag! Im Gebiete des untern Amazonenstroms verabredet man sich je „vor“ oder „nach“ dem täglichen Guß. An manchen Plätzen setzt er um Mittag, an andern etwa eine Stunde später ein. Selten hält er länger als einige Minuten an, außer während der stärksten Regenzeit im Januar, Februar und März.

Monate später erfuhr ich am eigenen Leib, was Reisen auf unbekannten Flüssen und durch sumpfige Urwälder während der Regenzeit in Wirklichkeit heißt. Ich hoffe keine Wiederholung zu erleben. Für mein erstes längeres Eindringen in die Wildnis des Amazonas hätte ich mir aber keine günstigere Zeit wünschen können. Es war die zweite Maiwoche und Trockenzeit, mit dem wesentlichen Unterschied, daß es zwar fast jeden Tag, aber doch nicht den ganzen Tag hindurch regnete.

4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus.

Von Itaituba flußaufwärts ist der Tapajóz fast unerforscht. Die Dampfschiffahrt findet hier ihr Ende, und die kartographisch nicht aufgenommenen Gewässer bereiten nun ernstlich auf das weite, unbekannte Innere vor. Nachdem wir unser Gepäck, die Lebensmittelvorräte und die Lagerausrüstung vom Flußdampfer in das Batalõe umgeladen hatten, verließen wir am 14. Mai die kleine, aber saubere Niederlassung, die von der Mündung des Tapajóz 240 Kilometer flußaufwärts abliegt. Noch kamen wir an einem Ort namens Itapeu vorüber, dann hatten wir, wenige Stunden nach der Abfahrt von Itaituba, alle Anzeichen der Zivilisation hinter uns gelassen.

An beiden Ufern zogen sich stellenweise dichte Wälder aus mächtigen Bäumen hin, im Hintergrund aber, besonders gegen Südwest zu, erhoben sich steile Felsen aus rotem Sandstein und dschungelbewachsene Hügel. Sie bildeten den Abfall des wenig erforschten Tapajózplateaus, das sich über eine weite Fläche hin ausdehnt: westlich bis zum Tal des Madeiraflusses, während es gegen Süden in das Plateau von Grosso übergeht, im Innern des Kontinents. Es wird niemals überschwemmt. Spätere Forschungen zeigten, daß das niedere Plateau, dessen Durchschnittserhebung über den Meeresspiegel etwa 250 Meter beträgt, aus einem unermeßlichen Wald riesenhafter Bäume besteht, überall durchflochten von der Cipó oder Mordrebe. Das Unterholz steht aber gegen alle Erwartung viel weniger dicht als in den niedern Flußtälern.

Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“.


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