Moiré auf dem Amazonas.
An manchen Stellen sehen die Wasser dieses geheimnisvollen Flusses wie gelbes Moiréband aus.
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GRÖSSERES BILD
Kilometer nach Kilometer glitt das Kanu friedlich auf dem stillen, breiten Fluß dahin oder wurde durch Stromschnellen gezogen und mit Stangen fortgestoßen. Solche Stromschnellen befinden sich in der Nähe von Bella Vista und São Luis, von wo an eine Dampferverbindung vollkommen unmöglich wäre, da unmittelbar hinter dieser kleinen, unbedeutenden Niederlassung der Fluß durch Felsen und Stromschnellen gänzlich gesperrt ist. Das stundenlange Herumsitzen in verkrampfter Stellung, wie sie in einem schwerbeladenen Kanu allein möglich ist, wäre unerträglich geworden, hätten nicht zuweilen zackige Felsen, die schroff aus dem Wasser aufstiegen, Abwechslung in die eintönige Fahrt gebracht. Um die Felsen herum bildeten sich Wirbel von beträchtlicher Stärke. Für etwas aber war ich von ganzem Herzen dankbar, nämlich die Abwesenheit der Insektenschwärme, die auf manchen Flüssen des Amazonengebiets die Tage zu einer einzigen Qual und die Nächte kaum weniger peinigend machen. Dieser Vorteil wurde freilich durch die unbeschreiblich ekelhaften Gewohnheiten meiner beiden Begleiter aufgewogen. Es war zum erstenmal, daß ich allein durch die Wildnis mit Angehörigen einer Mischrasse reiste, deren Vokabular, abgesehen von einem halb brasilianischen, halb indianischen Lokalpatois, aus nicht mehr als 50 wunderlichen englischen Worten bestand, die sie im Dienst der Dampfschiffahrtsgesellschaft auf dem Amazonenstrom aufgeschnappt hatten.
Wir umgingen die Apuéfälle, die eigentlich aus einer Reihe von Stromschnellen bestehen, wo der Fluß sich durch Felsenengen in einer anscheinend wilden und verlassenen Gegend hindurchzwängen muß. Sieben Tage später, am 23. Mai, bekamen wir einige Indianer auf einer kleinen sandigen Strandstelle des Westufers zu Gesicht. Da wir gern einen Führer angeworben hätten, der die Eigentümlichkeiten und Gefahren der folgenden Flußstrecke kannte, wandten wir den Bug des Kanus gegen das Ufer. Fast augenblicklich verschwanden die bronzefarbigen Gestalten im Buschdickicht und erschienen auch nicht wieder, obwohl wir einen glänzenden Fußring und einige Perlenschnüre als Geschenke auf den Strand legten und das Kanu in den Fluß zurückstießen. Zwei Stunden warteten wir, dann legten wir von neuem an, da es uns unklug schien, die Geschenke bei unserm beschränkten Vorrat zu opfern, ohne dafür einen Führer zu bekommen. Kaum hatten wir sie wieder im Kanu geborgen, als ein Pfeil über unsere Köpfe schwirrte, worauf wir keine Zeit verloren, in die Mitte des Flusses zurückzurudern.
Ungefährer Berechnung nach hatten wir nun etwa 220 Kilometer von den ersten Stromschnellen an zurückgelegt, die die Dampfschiffahrt auf dem Oberlauf dieses prächtigen Flusses wirklich unmöglich machen. Der durchschnittliche Fortschritt betrug also stündlich nur ungefähr 3 Kilometer. Die Gründe für die Langsamkeit unseres Weiterkommens lagen einmal darin, daß wir viel Zeit hatten damit zubringen müssen, das schwer beladene Kanu durch die schäumende Flut zu ziehen, oft bis zur Brust im Wasser stehend, oder es um Hindernisse herum über Land zu tragen; zum zweiten in den voraufgegangenen Regengüssen flußaufwärts, so daß wir eine ungewöhnlich starke Strömung beständig gegen uns hatten.
Die Uferbänke waren an mehreren Stellen unterwaschen. Während der Hochwasserzeit, gegen Ende Juni, entstehen hier Überschwemmungsseen von 50 Kilometer Länge und 10 Kilometer Breite, weil das Hochwasser des Amazonenstroms die Gewässer der Nebenflüsse zurückstaut. Bei unserm spätern Rückzug den Tapajóz hinab war die Fahrt auf diesen Riesenseen wegen der herumschwimmenden Baumstämme und anderer Hindernisse weder sicher noch leicht.
Der übliche Regenguß, der seit Antritt der Fahrt uns alltäglich heimgesucht hatte, blieb am 25. Mai aus. Gegen 3 Uhr nachmittags erschien weit oben auf der breiten schimmernden Wasserfläche ein winziger schwarzer Punkt. Zuerst dachten wir, es wäre ein ungewöhnlich großer Baumstamm, bald aber konnten wir Ruder in der Sonne glänzen sehen, und unsere Spannung wurde immer stärker. Schnell kam das Batalõe auf der reißenden Strömung näher, und in weniger als fünfzehn Minuten war es bei uns. Nachdem wir die Boote in die Mitte des Flusses gelenkt hatten, legten wir uns Bord an Bord. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich mich einem andern weißen Reisenden in dieser weltentlegenen Gegend gegenübersah.
Dr. Cabral, ein eifriger Sammler und Forscher im Amazonengebiet, hatte einige Wochen auf dem Oberlauf des Tapajóz zugebracht und einen Punkt etwa 250 Kilometer weiter flußaufwärts erreicht, jenseits der großen Stromschnellen, die den Fluß in zwei Abschnitte teilen. Sein Kanu war schwer beladen mit dem, was er in dieser wundervollen Gegend gesammelt hatte. Nun kehrte er mit den Früchten seines Fleißes zur Zivilisation zurück. Dieser unerschrockene Reisende, der damals schon länger als 10 Jahre im Amazonengebiet zugebracht hatte, starb, wie ich erst kürzlich erfuhr, am Fieber in einer winzigen Niederlassung an der Grenze von Peru. Teile seiner Sammlungen befinden sich in Pará, Rio und São Paulo. Ich verdanke ihm nicht wenig Auskünfte über die Sitten der Mundurucusindianer.
Es war mein erstes Zusammentreffen mit diesem außerordentlichen Mann. Später hatte ich das Glück, in Manáos mehrere Tage in seiner fesselnden Gesellschaft während eines unfreiwilligen Ruheaufenthalts zu verleben. Ausgestattet mit einer wunderbar widerstandsfähigen Konstitution in einem hageren aber zähen Körper und mit weit über das Wissen eines gewöhnlichen Arztes hinausreichenden wissenschaftlichen Kenntnissen hatte er, entweder allein oder mit Eingeborenen, Tausende von Meilen der ungeheuren Wildnis auf Dschungelpfaden längs der schweigenden Flüsse durchwandert, stets gänzlich seiner Aufgabe hingegeben, neue Stücke der Fauna und Flora des Amazonengebiets seiner Riesensammlung einzuverleiben. Da er als Arzt die Schmerzen und Leiden der Indianer lindern konnte, stand er in freundschaftlichen Beziehungen mit vielen wilden Stämmen der entlegenen Fluß- und Waldgebiete; trotzdem wäre auch er beinahe öfter das Opfer ihres angeborenen Mißtrauens gegen den Weißen geworden. Einmal wurde er von einem Stamm von Konibosindianern an den Ufern des Ucayaliflusses vergiftet, ein anderes Mal in den Maloccas eines Nambiquarastammes am Juruenafluß gefangengehalten und mit martervollem Tod bedroht, wenn der Häuptling nicht genesen würde, den er heilen sollte.