Dr. Cabral ließ sich nicht überreden, die Nacht über auf dem Ufer zu lagern, in dessen Nähe wir zusammengetroffen waren. Wäre es später am Tag gewesen, nach vollbrachter Arbeit, so würde ich vielleicht mehr Erfolg gehabt haben. Er gab mir gewisse Auskünfte über das Quellgebiet des Tapajóz, die ich in der beigedruckten Kartenskizze verwendet habe. Unsre eigenen Reiseabsichten gingen lange nicht so weit. Nachdem wir die beiden Kanus ans Ufer gebracht und an einem überhängenden Baum angebunden hatten, unterhielten wir uns eine Stunde in gebrochenem Englisch und schlechtem Portugiesisch. Dann sahen wir das Batalõe des großen Reisenden wieder im Dunst des Tropenflusses verschwinden. Monate später traf ich einen Angehörigen des berühmten Indianeramts von Brasilien unter sehr ähnlichen Umständen gerade zur rechten Zeit — aber das ist eine andere Geschichte.
Ein Reisetag nach dem andern verstrich auf dem Tapajóz, ohne daß unsre Mühen durch entsprechende Fortschritte belohnt worden wären. Meine Befürchtungen wuchsen, da unsere Vorräte an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln beständig abnahmen, die auf den Flüssen des Amazonengebiets nur schwer zu ergänzen sind. Ich wußte, daß meine Begleiter sich oft wochenlang von Früchten und Reptilien zu nähren pflegten. In ihrem Plane lag es, weiterzufahren und nebst neuen Kautschukwäldern eine Durchfahrt durch den kleinen Martinhofluß in den Madeira aufzufinden, ohne Rücksicht auf die Ernährungsweise und eine mögliche Erkrankung an der Geißel dieser Gebiete, der Beri-Beri-Seuche, die durch Unterernährung entsteht. Mir, als Neuling in diesen Gebieten, widerstand nichts so sehr als die Vorstellung, mich von Reptilien nähren zu müssen. Bisher hatte ich niemals Schildkröten, Affen, Eidechsen und Käfer gegessen. Einige Monate später hatte ich von all diesen widerwärtigen Speisen, Käfer ausgenommen, gekostet, aber nie gelang es mir, mehr als ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Ausgenommen hiervon ist Schildkrötenfleisch, das im Amazonengebiet als Leckerbissen gilt.
Etwa 300 Kilometer von den Apuéfällen gelangten wir am 28. Mai zu einem Indianerdorf an einer Biegung eines Igarapé. Durch Verteilung von Geschenken gelang es uns, das Mißtrauen zu beschwichtigen, das, wie es scheint, allen Reisenden von den Amazonenindianern entgegengebracht wird. Diese Flußbewohner erwiesen sich als zum Stamm der Mundurucus gehörig. Sie waren bis auf eine kleine Schürze gänzlich unbekleidet und hatten die Farbe dunkler Bronze. Ihre Maloccas bestanden aus Blättern und Zweigen und sahen wie riesige Bienenkörbe aus. Alle Arbeit scheint von den Weibern verrichtet zu werden, während die Männer entweder auf die Jagd gehen oder, Speer, Bogen und Pfeile schnitzelnd, faul herumliegen. Aus großen Schalen pflegen sie eine sonderbare Mischung zu trinken, die hauptsächlich aus Mandioka bereitet wird. Im übrigen ist mit ihnen ganz gut auszukommen.
Wer einer kunstreichen Tatauierung ermangelt, scheint nicht heiraten zu dürfen. Erreichen die Knaben ein gewisses Alter, das ich auf vierzehn Jahre schätze, so wird diese Verschönerung zwangsweise an ihnen vorgenommen. Während unserer dritten Nacht unter den Eingeborenen, als der Mond geisterhaft über den schwarzen Baumwänden stand und auf dem breiten Fluß wie Silber schimmerte, ertönte plötzlich der Lärm einer Art von Tamtam. Später fand ich, daß er durch Stockschläge auf den hohlen Stamm eines Baumes hervorgebracht wird, der Manguaré heißt. Ich sprang aus dem kleinen Zelt, das auf der Uferbank errichtet war. Auf dem Boden kauerte eine Gruppe von Indianern, während zwei von ihnen einen entsetzt aussehenden Jungen in ihrer Mitte festhielten. Der Medizinmann, der auch das Amt des Oberpriesters zu versehen schien, murmelte mit monotoner Stimme Worte vor sich hin und rührte gleichzeitig mit beiden Händen in einem irdenen Krug herum. Dazu schlugen die Weiber die Hände zusammen, stampften mit den Füßen und sangen. Der nackte Junge wurde auf den Boden gelegt, der Medizinmann näherte sich ihm und begann, seinen Körper mit einem leuchtenden Rot zu tatauieren. Die Farbe wird aus den Samen des Achiote (Bixa Orellana) gewonnen. In den Strahlen des Mondes sah sie wie Blut aus.
Obwohl die Körperverdrehungen des Jungen verrieten, daß er Qualen ausstand, gab er doch keinen Laut von sich, wenn der Büschel aus Palmnadeln, mit dem die Operation ausgeführt wurde, in sein Fleisch eindrang. Länger als eine Stunde ging das so fort, dann verkündete ein lautes Geschrei der Weiber, daß dieser Teil der Zeremonie zu Ende war. Der Junge stand auf und erhielt einen Bogen, Pfeile und einen Speer. Hierauf wurde ein junges Mädchen in den Kreis gebracht, das sich heftig sträuben mußte, was von seiten des neugebackenen Kriegers mit grotesken Kraftäußerungen erwidert wurde. Neben mehreren Strichen und Klecksen trug er nun einen kleinen blutroten Alligator auf seiner Brust. Er ergriff das Mädchen bei den Haaren und zog sie gegen eine neuerrichtete Hütte. In der Nähe des niedern Eingangs ließ er sie los, fing sie aber sogleich wieder, als sie davonrannte. Diesmal führte er sie in den Kreis der kauernden Wilden, nachdem ihr Widerstand offenbar gebrochen und Untertänigkeit erzwungen war.
Wie lange diese Feierlichkeit noch gedauert haben würde, ist schwer zu sagen, weil in diesem Augenblick schwere, schwarze Wolken über den Mond zogen und Wald und Fluß in Finsternis hüllten. Fast gleichzeitig ertönte das Klatschen der Regentropfen auf den Blättern. Ich eilte auf mein Zelt zu, das ich nur undeutlich unterscheiden konnte, obwohl es keine sieben Meter entfernt war. Das Prasseln des Regens wurde bald zu einem lauten Toben. Blendende Blitze erhellten das dunkle Dschungeldickicht, und der Donner rollte über die Wasserfläche. In einer halben Stunde war das Gewitter vorüber, und ein weißer, wallender Nebel stieg aus der üppigen Vegetation auf. Bei solchen Gelegenheiten bedarf der reisende Weiße in den Urwäldern des Amazonas einer starken Dosis Chinin und eines wasserdichten Schlafsacks.
Die Mundurucus bilden einen der volksreichsten und ausgebreitetsten Indianerstämme im Gebiet des Amazonenstroms. Im Jahre 1788 vernichteten sie ihre Erbfeinde, die Muras, in einer großen Schlacht in den Wäldern des Tapajóz-Madeira-Plateaus. Einige Stämme leben seit über hundert Jahren im Frieden mit den Weißen, andere, die in den Urwäldern hausen, sind heute noch unbekannt. Erkrankt einer von den Indianern hoffnungslos, so wird er von weiteren Leiden durch seine Verwandten erlöst. Auch Eltern werden von ihren Kindern oft auf diese wirksame Weise ins Jenseits befördert, wenn sie, infolge von Alter und Kränklichkeit, an den Freuden dieses Lebens nicht mehr teilzunehmen vermögen. Viele der Stämme sind noch recht kriegerisch. Sie bilden Unterfamilien und haben eigene Namen, wie z. B. die Guaribos oder Affenindianer. Ihre Sprache ist der Tupidialekt, und ihre Methoden der Jugenderziehung haben ihnen den Namen der Spartaner des Amazonenstroms eingebracht. Von anderen Stämmen in der Nähe werden sie Paiguize, Kopfjäger, genannt. Das bezieht sich aber heutzutage nur noch auf die Abteilungen, die in den weitentlegenen, unerforschten Wäldern hausen.
Am folgenden Morgen setzten wir unsere Reise nach den Fällen des oberen Tapajóz fort. Ehe ich das Indianerdorf verließ, gelang es mir, einen Alligatoren zu schießen, der sofort von den Mundurucus abgezogen und zerteilt wurde. Sie verwenden das Fleisch zu verschiedenen Zwecken. Ein Teil wird als Leckerbissen verzehrt; das Fett dient als Massagemittel gegen alle möglichen Krankheiten, und die Zähne werden von den Weibern aufgereiht und als Halsketten getragen.
Die Mauern des Waldes schlossen sich um den Fluß zusammen, und mehrere Tage lang war uns kaum ein Blick auf die Gegend darüber hinaus vergönnt. Eines Nachts lagerten wir auf dem Ostufer an einem Punkt, wo der Hauptfluß sich verengt und ein kleines Flüßchen sich mit ihm vereinigt. Ich hätte gerne unsere genaue Lage in dieser weiten und anscheinend verlassenen Gegend festgestellt und suchte unter meinen Notizen nach irgendeiner Erwähnung dieses Punktes durch andere Reisende. Aber ich fand nichts, so weit meine Aufzeichnungen reichten, weder bei Wickham oder Herbert Smith, der 1878 den Tapajózfluß hinaufgefahren war, noch auf den englischen Landkarten. Es handelt sich also wohl um einen der vielen unbenannten kleinen Flüsse dieses wilden Landes.
Dies mag einen Begriff von den Schwierigkeiten geben, einen Fluß in dem Labyrinth der Wasserwege des Amazonas ohne ein charakteristisches Kennzeichen auf dem Land festzustellen. Ebenso schwer ist es, eine auch nur einigermaßen zuverlässige Routenkarte anzulegen, die den Reisenden aus den Arbeiten ihrer Vorgänger Vorteil zu ziehen gestatten würde. Darin liegt vielleicht die größte Schwierigkeit bei Forschungsreisen im entlegenen Amazonengebiet. Eigentlich ist so gut wie nichts vorhanden, was auf systematischen Aufnahmen beruhte, weil es denen, die in diese Gebiete vordrangen, an den nötigen wissenschaftlichen Instrumenten fehlte, die sie auch gar nicht hätten mitführen können, selbst wenn sie sie besessen hätten. Der Mangel an eingeborenen Trägern und die daraus sich ergebende Notwendigkeit, das Gepäck auf ein Mindestmaß zu beschränken, macht vieles, was geleistet worden ist, für geographische Zwecke nutzlos. Was im Amazonengebiet ausgerichtet wurde, ist fast völlig das Ergebnis individueller und meistens vereinzelter Leistungen, unter Bedingungen, gegen die die Forschung in Afrika nur ein Kinderspiel war.