Um ähnliche Erwägungen handelt es sich beim Wiedererkennen der verschiedenen Indianerstämme. Wahrscheinlich wohnen an 400 Eingeborenenstämme auf den zweieinhalb Millionen Geviertkilometer unbekannten Landes, das die Quellgebiete der Flüsse des Amazonas umgibt. Alle diese Stämme leben in kleinen Familiengruppen, die bei den nichtigsten Meinungsverschiedenheiten sich trennen, die sich durch Heiraten vermischen, durch die schlechte Behandlung der Kautschuksammler, besonders jenseits der Grenzen Brasiliens, versprengt und durch mörderische Kriege gegeneinander dezimiert werden. Viele sind Nomaden, und die geringe Bevölkerungsdichte des Gebiets ermöglicht es diesen Familiengruppen, nach Belieben umherzuziehen und zu jagen, ohne durch benachbarte Stämme darin beschränkt zu werden. Dazu kommt noch die Verwirrung durch die Masse der Stamm- und Nebenstammnamen, der portugiesischen, phonetischen und Geschlechtsbezeichnungen, so daß jeder Versuch einer Klassifikation völlig hoffnungslos ist. Alles, was getan werden kann, beschränkt sich auf gewissenhafte und folgerichtige Beobachtung durch die Forscher, die in einen oder mehrere Teile dieses unvorstellbar ausgedehnten Gebiets eindringen, in dieses Land der dichten, düstern Wälder, verschlungenen Flüsse und Stromschnellen und der weiten, offenen „Campos“, der Heimat geheimnisvoller Indianerstämme, von denen viele das Vorhandensein von Weißen nicht einmal ahnen. Davon wird später noch die Rede sein. Im vorliegenden Werke erhalten die einzelnen Stämme die Namen, unter denen sie in ihren jeweiligen Wohngebieten bekannt sind.

Als wir endlich am Abend des 28. Mai die Gewässer des Tapajóz verließen, um unter 8° 6′ südlicher Breite in den kleinen Martinhofluß einzubiegen, kamen wir schneller vorwärts, da hier die Strömung schwächer ist. Aber nun erhob sich eine neue Schwierigkeit. Alle paar Kilometer war das enge und seichte Flußbett von den Stämmen und Ästen umgefallener Bäume gesperrt. Eines dieser Hindernisse kostete uns 6 Stunden harte Arbeit, um den Weg für das Kanu freizumachen. Entladen und über Land tragen konnten wir es nicht, da die Ufer sumpfig und mit dichtem Unterholz bestanden waren. Nach zwei Tagen war es uns klar, daß eine Durchfahrt in die Hauptverkehrsstraße des Madeiraflusses, 500 Kilometer nach Westsüdwest, unmöglich zu bewerkstelligen war, nicht nur im Hinblick auf die bedenklich rasch abnehmenden Lebensmittelvorräte, trotzdem wir sie täglich aus Fluß und Wald ergänzten, sondern auch wegen einer niedern Hügelkette, die offensichtlich dem Weiterlauf des Flusses vorgelagert war. Die Strömung nahm wieder zu, und der Fluß wurde so schmal, daß die Baumkronen an manchen Stellen ihn überwölbten. Das Fortstoßen mit Stangen bot die einzige Möglichkeit, um weiterzukommen.

Am 31. Mai hatten wir unser Lager auf einer kleinen Lichtung aufgeschlagen, die den Sonnenstrahlen kaum Zugang gewährte. An diesem Tag entschlossen wir uns zur Umkehr, wenn auch sehr widerwillig, da wir ein Vordringen in den Madeira für ausgeschlossen hielten. Der Martinho kommt offenbar aus jenen niedern Hügeln, die seinen Lauf in einer Entfernung von etwa 30 Kilometer schneiden und sich durch das Fernrohr als eine unregelmäßige Kette von ungefähr 300 Meter Höhe darstellen. Wir hatten gehofft, daß er in den Gy-Paraná (oder Machado), einen Nebenfluß des Madeira, führen würde, der in diesen Fluß bei der Niederlassung von Humaitá mündet. Die Entdeckung, daß dem nicht so war, erfüllte uns mit großer Sorge. Denn die Lebensmittel gingen auf die Neige, und noch hatten wir 500 Kilometer zurückzulegen, in einem wilden Land, den Tapajóz hinab, bis Itaituba.

Unsere Lage besserte sich jedoch auf unvorhergesehene Weise. Die harte Arbeit beim Fortstoßen des Kanus sowie das Wegräumen von Baumstämmen und anderen Hindernissen hatte uns alle drei erschöpft. Da es von wesentlicher Bedeutung war, die Rückfahrt, glücklicherweise mit der Strömung, so bald als möglich anzutreten, war eine ausreichende Nachtruhe äußerst wünschenswert. Aber während der Dunkelheit mußte trotzdem beim Kanu und Lager Wache gehalten werden, und da meine mittelmäßigen Fähigkeiten in der Behandlung des Fahrzeugs bei der Talfahrt doch von wenig Nutzen waren, erbot ich mich, die Wache zu übernehmen. Ich konnte ja dann am nächsten Tag im Kanu während der Fahrt ausruhen.

An diesem Abend ging die Sonne in einem besonders prächtigen Strahlenglanz unter, dessen Farbenspiel jedoch nur im Widerschein der Flußmitte sichtbar wurde. Eine halbe Stunde später war es finster, und über den Urwald in unserm Rücken legte sich eine lastende Stille. Während der Tagesstunden ist die Natur der Wildnis weniger fühlbar. Das Schnattern der Affen, das Kreischen der kleinen Papageien, das Pfeifen der sehr häufigen Abart eines kleinen roten Vogels, das Heulen des Jaguars, die mörderischen Schwanzschläge eines gereizten Alligators und das Summen der Insekten bilden ebenso viele Ablenkungen. Selbst ein Schimmer des gestirnten Himmels oder ein Strahl des Mondes dient dazu, das nächtliche Düster des tropischen Waldes zu mildern. In den früheren Lagern am Tapajóz war uns denn auch immer, dank der Breite des Flusses, die eine oder andere dieser freundlichen Erscheinungen beschieden gewesen.

Hier stiegen die Stämme der Bäume wie mächtige Säulen empor bis zu einer Höhe von 20 Meter. Gegen den Boden zu, wo sie in grotesk gebildete Strebepfeiler auswuchteten, mochten sie wohl einen Durchmesser von über drei Meter haben. Unter einer riesenhaften Itauba (Acrodiclidium itauba) hatten wir das Lager aufgeschlagen. Sie besitzt ein sehr hartes, schwer faulendes Holz, das den Tausenden von Insekten Widerstand leistet, die sonst einen schlecht gewählten Lagerplatz zu überfallen pflegen. Von dem dämmrigen Gewölbe senkten sich die Wedel der Miritypalmen herab. Lianen schlangen sich wie Drahtseile um die Stämme und hingen in Schleifen und Knoten von den Ästen, unter ihnen die Cipórebe oder Mordliane, die die Bäume in ihre erstickende Umklammerung zieht. Jenseits der winzigen Lichtung lag ein grauer, vermoderter, von Ameisen ausgehöhlter Baumstamm, ein Zeuge ihrer zerstörenden Kräfte, über dem zersplitterten Unterholz. Die Luft war schwül und drückend, von einer feuchten Kühle nach der großen Hitze des Tages. Als das Düster zunahm, glich die Umgebung dem nächtlichen Kirchenschiff einer Kathedrale, mit zahllosen Pfeilern, die aus der dunklen Tiefe emporwuchsen und sich oben in der Dunkelheit verloren.

Die völlige Finsternis wurde nur durch einen schmalen Strich des Mondlichts in der Mitte des schnell strömenden Flusses unterbrochen. Nur einmal während der langen Nacht drang ein Laut durch die unirdische Stille dieser tropischen Waldwildnis. Sein Klang war so unheimlich, daß mich ein Schauder erfaßte. Ein scharfer und durchdringender Schrei, wie von einem Menschen, kam von einer Lichtung in der Nähe. Untersuchen war unmöglich. Auch nur einige Schritte in den verfilzten Urwald hinein zu machen, hätte sichern Tod bedeutet. So blieb die Herkunft des Schreis ein Geheimnis. Wahrscheinlich war ein Bewohner des Dschungels in die Umschlingung einer Anakonda oder zwischen die Kinnladen eines aufgestörten Alligators geraten.

Es mag seltsam erscheinen, daß ich keinen Versuch machte, das Rätsel des Schreis aus den Tiefen des Waldes zu lösen. Aber es war unmöglich, während der Nacht im dichten Dschungeldickicht auf die Suche zu gehen, und außerdem wußte ich auch, daß verschiedene Affenarten, besonders die Simia mycetes oder Brüllaffen, unheimliche, fast menschliche, auf weite Entfernungen vernehmliche Laute hervorbringen. Auf späteren Reisen gewöhnte ich mich mehr oder weniger an plötzliche und unirdische Laute während der nächtlichen Stille, da auch eine gewisse Vogelart ein halbmenschliches Geschrei ausstößt.

Als sich die ersten helleren Streifen des neuen Tages zeigten, machten wir uns an ein dürftiges Mahl und trafen eiligst unsere Vorbereitungen zur Abfahrt. Während wir noch damit beschäftigt waren, ließ sich von flußaufwärts der rhythmische Schlag von Rudern hören, begleitet von gutturalen Rufen. Meine Flinte war in einer leeren Biskuitbüchse verstaut, um sie bei etwaigem Kentern des Boots mitten im Wasser zu sichern. Ehe es mir noch gelungen war, sie herauszunehmen, schoß ein Kanu, voll von nackten Wilden, um die nächste Flußbiegung.

5. Im Land der Apiacásindianer.