Nachdem die Freundschaft hergestellt war, folgte das Austauschen vertraulicher Mitteilungen. Die Indianer gehörten zu einem Dorf, das einige Kilometer vom Flußufer entfernt und noch nie von Sklavenzügen der Kautschukpflanzer berührt worden war. Ehe die brasilianische Regierung das Indianer-Schutzamt einsetzte, von dem noch zu sprechen sein wird, waren solche Raubzüge an der Tagesordnung.

Die Apiacás bewohnen ein Waldgebiet von etwa 350 Geviertkilometer an beiden Ufern des Tapajóz und auch am Unterlauf des Rio Manoel. Sie sprechen die Tupisprache und haben viel Gemeinsames mit Stämmen, die ich später in den Tälern des Madeira und Aripuanan antraf. Ihr Charakter ist nicht ganz zuverlässig, und sie setzen allen Eingriffen der Weißen Widerstand entgegen, haben aber der Regierung lange nicht so viel Verlegenheiten bereitet wie die Parintintinsindianer am Gy-Paraná und Maicy. Keiner dieser Indianer trägt Lippenschmuck, in die Lippen eingesetzte Verzierungen aus Muschelschalen oder Bein. Die Weiber waren bis auf einen dünnen Grasschurz völlig unbekleidet. Sie trugen Fußringe, vermutlich als Zeichen, daß sie entweder verheiratet oder heiratsfähig waren. Eine Witwe, die zu alt ist, um noch einen Mann zu bekommen, schneidet beide Fußringe ab, um anzudeuten, daß sie sich mit ihrem Los abgefunden hat. Legt sie nur einen Fußring ab, so heißt das, daß sie bereit ist, wieder zu heiraten. Trägt aber eine verheiratete Frau gar keinen Fußring, so bedeutet es Untreue oder daß sie gegen die Wünsche ihres Stammes geheiratet hat. Ich glaube wenigstens, das so verstanden zu haben, soweit eben Zeichen, Zeichnungen und nachahmende Gebärden eine vollständige Verständigungsmöglichkeit ersetzen können.

Die Apiacás tragen ihr glänzend schwarzes Haar vorn auf der Stirn in Fransen geschnitten und über den Rücken lang herabhängend, wie viele andere Stämme des Amazonengebiets. Männer, Weiber und Kinder haben die gleiche Haartracht. Die Amulette, die beide Arme zieren, sind aus Bein oder Fasern und dienen als Schutzmittel gegen die Gefahren der Wildnis. Die Kinder gingen völlig nackt und sahen recht gesund und handfest aus. Der Junge, den ich auf ungefähr zwölf Jahre schätzte, trug den dünnen Körperriemen und die Fasernhose, die beim Schlüpfen durch das Dschungeldickicht Verletzungen verhüten sollen. Der Vater dieser Bronzefamilie war mit Rock und Hosen aus grobem, einheimischen Stoff bekleidet und mit einer alten Schrotflinte bewaffnet, die er aber nicht zur Jagd gebrauchte. Er zog einen schöngeschnitzten Speer vor, der schließlich im Tausch gegen ein gutes schwedisches Taschenmesser in meine Sammlung überging. Weiße hatte er bereits auf den Ufern gesehen und schien ihnen viel mehr zu mißtrauen als seine Weiber, die in ihrer Unwissenheit glücklich waren.

Erst am zweiten Tag ihres Aufenthalts im Lager bemerkte ich, wie eins der Weiber ein Trinkgefäß aus dem Kanu holte, um es mit Wasser aus dem Fluß zu füllen. Nach einigen Minuten gelang es mir, das Gefäß genauer zu betrachten, und ich muß gestehen, daß mich ein leiser Schauder des Ekels beschlich. Es war ein menschlicher Schädel, dessen Augen-, Nasen- und Ohröffnungen mit schmutzigem roten Lehm verstopft waren.

Die Unterhaltung ging nicht sehr rasch vonstatten, da sie durch Zeichen geführt werden mußte. Als ich versuchte, etwas über die Herkunft dieser greulichen Reliquie herauszubekommen, war das Ergebnis ein wenig überraschend. Augenscheinlich handelte es sich um eine hochgehaltene Kriegstrophäe, deren Besitz eine Quelle des Stolzes bildete. Auf meine Fragen begann das Weib, mir mimisch einen Kampf vorzuführen. Schließlich ergriff sie ein nacktes Kind, das uns zusah, und tat, als ob sie seinen Kopf mit einem scharfen Messer aus Fischknochen abschnitte. Das Geschrei des Kindes brachte den Vater herbei. Er erschien mit einem mörderlich aussehenden Speer, der mit Büscheln aus Vogelfedern verziert war. Aber offenbar sind die Apiacás nicht ohne Sinn für Humor, denn er grinste, als ihm die Ursache des Geschreis klargemacht wurde.

Nachts sollte auf einer Reihe von Sandbänken flußaufwärts auf die Schildkrötenjagd gegangen werden. Es war eine merkwürdige Unternehmung, an der auch die Weiber teilnahmen. Fackeln aus harzreichem Holz wurden angezündet und die Kanus an die seichten Schlammstellen hingebracht. Die Flammen warfen ein düsteres Licht auf die Mauern des Waldes und die schweigende, rasch dahinströmende, schwarze Flut. Es war nicht die Zeit des Eierlegens, daher befanden sich die Schildkröten an den Untiefen der Sandbänke, wo sie vor den gefräßigen Alligatoren und den beutegierigen Jaguaren in Sicherheit waren. So geschickt handhabte der Indianer seinen langen, dünnen Speer, daß er in weniger als einer halben Stunde drei Stück der kleineren Art aufgespießt hatte, die Tracajaas genannt wird. Später sah ich in andern Gewässern des Amazonas, wie man diese Geschöpfe harpunierte, mit dem Lasso oder in Fallen fing und ihrer Eier beraubte.

In dieser Nacht schien der Urwald nicht so verlassen wie sonst. Ich saß neben dem Feuer, obwohl die Nacht warm war, und versuchte von einem sehr schläfrigen Apiacásindianer Auskünfte zu erhalten über die Sitten und den Glauben dieses „wilden“ Stammes. Alles, was ich erfuhr, war, daß die Köpfe der im Kampf getöteten Feinde als Kriegstrophäen abgeschnitten würden. Doch war dieser Brauch kürzlich vom Administrator in Bocca S. Manoel verboten worden. Die Apiacás glauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen in Vögeln oder Tieren wiedergeboren werden, und zwar in jenen Arten, die sie selbst während ihres Lebens am charakteristischsten zur Darstellung bringen. Den Mond halten sie für einen bösen Geist, dessen Diener in den dunklen Gewässern der Flüsse hausen. Sie ziehen den waghalsigen Indianer in die Tiefe, der allein in seinem kalten, weißen Licht badet. Merkwürdigerweise spielen die Alligatoren keine Rolle in dieser überirdischen Tragödie. Daß Baden in Gesellschaft sicherer ist, erklärt sich durch das Herumplätschern im Wasser. Ich versuchte das dem Indianer auseinanderzusetzen, aber seine Antwort war verblüffend. Diese niedrigstehenden Menschenwesen glauben, daß der Alligator den Mond ebenso fürchtet und vorzieht, seine Mahlzeiten bei Tageslicht zu verzehren! Die Apiacás sind nicht tatauiert, ungleich den Mundurucus, und scheinen nur sehr wenig seltsame Zeremonien zu haben. Darin unterscheiden sie sich von den Uaupés des brasilianischen Guyana, die den blutigen Juriparidienst ausüben.

Es machte mir viel Verdruß, daß ich das Dorf der Apiacás im dichten Wald nicht besuchen konnte, aber der Mangel an Lebensmitteln ließ die Rückkehr zur Zivilisation gebieterisch erscheinen. In diesem Zusammenhang dürfte die Erfahrung interessieren, daß der Weiße nicht sehr lange von den Naturprodukten des Waldes zu leben vermag, ohne der Beri-Beri-Krankheit zu verfallen. Sogar die Eingeborenen leiden schrecklich unter dieser und andern verheerenden Seuchen. Die Schwindsucht fordert alljährlich zahlreiche Opfer. Die an diesem und andern Leiden Erkrankten werden bei den Halbzivilisierten in eigenen Dörfern untergebracht, wo sie eine Zeitlang von alten Weibern gepflegt werden. Die Unheilbaren begräbt man auf ihren eigenen Wunsch lebendig.

Ich fertigte eine rohe Kartenskizze des Flußlaufs an und erfuhr, daß zwischen dem kleinen Martinho und den Zuflüssen des großen Madeiraflusses keine Verbindung besteht. Nach den Angaben des Indianers dehnten sich die niedrigen Hügel vor uns „drei Sonnen“, drei Tagereisen weit aus. In den Wäldern jenseits der Hügel sollte ein Stamm sehr kleiner Menschen von blasser Farbe leben. Eine Angehörige dieses Stammes traf ich später an einem Nebenflusse des Aripuanan. Es war ein Mädchen andern Stammes, das offenbar in Gefangenschaft geraten war. Sie war ganz wild und maß nur vier Fuß. Dem Anschein nach gehörte sie zu einem Nebenzweig der großen Nambiquarasfamilie von Matto Grosso, obwohl ich mir darüber nicht sicher bin. In einem spätern Kapitel werde ich darauf noch zurückkommen.

Am nächsten Tag beluden wir das Kanu mit Fisch, Schildkrötenfleisch, Früchten, einer Art wilder Pfeilwurz und unsern sehr spärlichen Resten an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln. Dann rüsteten wir uns zur Abfahrt. Ich tauschte einige Handelswaren gegen ein paar rohe Sammelgegenstände, und nachdem wir noch einige Geschenke verteilt hatten, paddelten wir den Fluß hinab und entgingen knapp einem ernstlichen Unfall beim Wegräumen des Hindernisses, das den Einbaum des Indianers zum Anhalten gezwungen hatte.