Auf der Rückfahrt legten wir an einem Regierungsposten nahe Bocca S. Manoel an. In Pará war mir von dem Vorhandensein dieser Station nichts gesagt worden. Auch meine beiden Caboclos wußten nichts von ihr, noch war sie auf irgendeiner meiner Karten eingezeichnet. Der Administrator befand sich irgendwo flußabwärts, aber sein Assistent hatte die Güte, uns nicht nur mit einem kleinen, für ein bis zwei Tage ausreichenden Vorrat an Nahrungsmitteln zu versehen, sondern mir auch den ersten Einblick in die Aufgaben des Indianeramtes der Vereinigten Staaten von Brasilien zu verschaffen.

Ein großer Teil der Arbeit an den Zuflüssen des Amazonenstroms wird von den Beamten des Indianeramtes bei Nacht an den weiten Grenzen des Unbekannten ausgeführt. Die ungeheure Fläche der kartographisch nicht aufgenommenen Waldgebiete ist in rohe Abschnitte geteilt, und jedem wird ein Offizier zugewiesen, mehrere bewaffnete Wächter und ein oder zwei Dolmetscher. Während des Tages ist der tropische Dschungel erfüllt von den Lauten des wimmelnden Tier- und Insektenlebens. Nachts aber, wenn nichts zu hören ist, als zuweilen das Gebrüll eines Jaguars, nehmen diese Leute ihren Posten ein auf einer hoch oben in den Baumwipfeln erbauten Plattform. Dann senden sie mittels eines Lautsprechers Botschaften von Freundschaft und Frieden weit über die dunkeln, schweigenden Wälder.

Die Eingeborenen in ihren Maloccas werden durch die seltsamen Töne geweckt und lauschen zitternd den Erzählungen von der Ankunft ihrer blaßgesichtigen Brüder, die allen Geschenke bringen werden. Das Merkwürdigste ist für sie, daß die Stimme aus den Wipfeln der Bäume kommt und in ihrer eigenen Sprache redet.

Auf andern Außenstationen im Innern Brasiliens, unter den wilden Javahés, die geschickt mit dem Blasrohr und vergifteten Pfeilen umzugehen wissen, wurde Musik mit Erfolg zum Zweck einer „friedlichen Durchdringung“ angewendet. Wenn das tausendfältige Lärmen der Affen, Papageien, Jaguare, Pumas und Insekten verklungen ist und der tropische Riesenmond seine Strahlen über den düstern Urwald sendet, schwimmen die Töne einer Violine durch den Säulenwald. Die Wilden in ihren versteckten Dörfern in den Tiefen der dunkeln Wälder werden von dem Gesang eines neuen, wundervollen Vogels geweckt. Ihre Neugier erwacht, und sie folgen den Klängen. Ohne Scheu umstehen sie im hellen Mondlicht den Baum, der den Spieler verbirgt. Dann schweigt der Gesang und an seine Stelle tritt eine Stimme, die in ihrer Sprache zu ihnen redet und von all den schönen Dingen erzählt, die Abgesandte der Weißen ihnen bringen werden. Die erschrockenen Wilden gleiten wie Schlangen in den Schutz des dunkeln Waldes zurück, aber die Friedensbotschaft ist ergangen und gehört worden.

Ein anderer Kunstgriff, „Anlockungsposten“ genannt, dient dazu, das Werk der Versöhnung zu vollenden. Gassen werden durch das Dickicht geschlagen, die von dem Lager in den Urwald hinausführen. Alle Kilometer etwa entlang diesen bezeichneten Pfaden werden Geschenke an die Bäume gehängt zusammen mit kurzen Botschaften in indianischen Schriftzeichen, die die friedliche Gesinnung der Weißen klarmachen und von noch begehrenswerteren Geschenken näher dem Lager erzählen. Oft vergehen Monate, ehe einer der furchtsamen, aber sehr wilden Eingeborenen im Bereich der Station erscheint. In den Stunden der Finsternis werden die Geschenke so und so oft von den Bäumen genommen, aber nichts geschieht dagegen. Nur wird in den Botschaften, die jedem neuen Geschenk beigelegt sind, betont, daß Heimlichkeit bei der Annäherung an die Bäume und das Lager unnötig ist und daß die Weißen die Gegend verlassen werden, wenn die Indianer nicht kommen, um ihnen für die bereits empfangenen Gaben zu danken.

Der Erfolg derartiger Methoden war beträchtlich. Schließlich nähern sich die Indianer der Station, und dann ist fast stets Freundschaft das Ergebnis. Doch wurden auch in mehr als einem Fall Versuche gemacht, die Lager des Indianeramtes zu überfallen, und tapfere Offiziere mit ihren Wächtern und Dolmetschern haben dabei ihr Leben eingebüßt. Wenn erst ein gewisser Grad freundschaftlichen Verkehrs erreicht ist, werden die Indianer entweder umsonst mit Gerätschaften für die Bebauung der kleinen Flecken Erde versehen, die zur Urbarmachung innerhalb der Wälder geeignet sind, oder gegen eine jährliche Entschädigung bei irgendeiner leichten Regierungsarbeit beschäftigt. So wurden z. B. die Paressís, eine höchst kriegerische Nation im Innern Brasiliens, dazu verwandt, die Überland-Telegraphenlinie zu bewachen, die den Staat von Matto Grosso mit dem Madeirafluß verbindet. Ehe mit ihnen durch jene Mittel Frieden geschlossen worden war, hätte die Telegraphenlinie unmöglich erbaut und über Hunderte von Kilometern dichten tropischen Urwalds hin unterhalten werden können. Sie wäre ebenso schnell als errichtet wieder zerstört worden, und selbst die Einrichtung einer Kette militärischer Posten in diesen Fiebergegenden hätte nicht vermocht, sie zu retten.

Wenn das Gebiet eines bestimmten Stammes der Zivilisation zugänglich gemacht worden ist, verlegt man die Posten weiter hinaus in das Riesenmeer der Wälder, das fast das ganze tropische Südamerika an seiner breitesten Stelle auf 5000 Kilometer hin bedeckt. Aus den auf solche Weise friedlich eroberten Gebieten werden große Flächen als „Indianer-Reservationen“ abgeteilt, und es wird Sorge getragen, daß die auf ihnen lebenden befreundeten Stämme von gewissenlosen Händlern nicht ausgebeutet werden.

Die Leistungen der tapferen Schar mußten hier ausführlich erwähnt werden, weil mehrere meiner Reisen in unerforschte Teile des Gebiets und viel von dem, was ich zu erzählen habe, ohne ihre Hilfe und ihren Beistand nicht zustande gekommen wären.

Gegen den 16. Juni begannen die verhältnismäßig kleinen Rationen ihre Wirkung auf mich ausüben. Dazu kamen noch der harte Kampf mit Stromschnellen, Wasserwirbeln und schwimmenden Hindernissen und die Strahlen der glühenden tropischen Sonne. Das getrocknete Schildkrötenfleisch war aufgezehrt, und von „zivilisierten“ Nahrungsmitteln, die wir in Bocca S. Manoel erhalten hatten, waren uns nichts als einige Biskuits und etwas französische Schokolade verblieben. Merkwürdigerweise stieß gerade an diesem Tag dem Kanu ein anscheinend ernstlicher Unfall zu, während wir noch über 80 Kilometer von dem ersten Vorposten der Zivilisation entfernt waren. Als wir uns bemühten, einem daherschwimmenden Baum auszuweichen, wurde der Bug von irgendeinem versunkenen Gegenstand eingedrückt, und das Kanu begann sich so schnell mit Wasser zu füllen, daß wir nur durch kräftiges Paddeln vor dem Untersinken noch eine sandige Landzunge zu erreichen vermochten.

Der tatsächliche Schaden war nicht groß und bald wieder mit Rinde aus dem Wald behoben, aber alles, der Rest der Biskuits und der Schokolade mit eingeschlossen, war tropfnaß und äußerst unschmackhaft geworden. Zu diesen kleinen Unannehmlichkeiten kam die weit schwerer wiegende Verzögerung. Als wir wieder weiterfahren konnten, waren zwei Nächte und ein Tag ungenützt verflossen.