Wenn man sich lange Zeit hindurch gut genährt hat, bedeutet das zeitweise Fehlen ausreichender Nahrung nur eine Unannehmlichkeit. Aber nach sechs Wochen eines verhältnismäßig kärglichen Speisezettels und harter körperlicher Arbeit in tropischer Hitze folgt ein schneller Kräfteverfall dem Mangel an Nahrung. Die Qualen des Hungers, so arg sie auch sind, gehen bald vorüber. Was bleibt, ist das krankhafte Gefühl einer dauernden Abspannung. Glücklicherweise waren meine beiden Begleiter in ihren Nahrungsansprüchen nicht sehr heikel. Nach einem höchst widerlich aussehenden braungrünen Fisch verzehrten sie noch eine große Eidechse in halbrohem Zustand.
Kanureisen auf Flüssen des Amazonas sind so monoton, daß es zuzeiten schwer ist, einen Tag vom andern zu unterscheiden. Die Rückfahrt den Tapajóz hinab glich aufs Haar vielen ähnlichen Fahrten während der folgenden Monate. Die vorbeiziehende Landschaft ist immer wild und prägt dem Reisenden ein, daß noch mehrere Jahrhunderte vergehen müssen, ehe auch nur ein dünner Hauch der Zivilisation die Tausende Geviertkilometer dieser Wildnis durchdringen wird.
6. Auf dem sichtbaren Äquator.
Der Rückzug den Tapajóz hinab brachte unsere kleine Expedition an den Rand des Untergangs. Mangel an richtiger Nahrung in der Dampfhitze begann ernstlich fühlbar zu werden, noch ehe die letzten 130 Kilometer zurückgelegt waren. Manche Stunden wurden mit dem Versuch verloren, Eingeborenenmehl in mehreren Palmstrohhütten an verschiedenen Stellen des breiten Flusses zu bekommen, denn später stellte sich heraus, daß sie alle verlassen waren. Meine beiden Caboclos wurden allmählich widerspenstig. Jeder versuchte, sich vom Paddeln zu drücken und verwünschte die Eltern des andern. Mich selbst machte eine Darmstörung, wie sie unter Weißen auf den Kautschukflüssen gewöhnlich ist, weit weniger widerstandsfähig als sonst gegen die Wirkungen der Hitze, der Anstrengungen und der Unterernährung.
Für einen weißen Forscher ist es abseits der Hauptrouten im Amazonengebiet fast unmöglich, sich aus dem Fluß, den Wäldern oder von den Eingeborenen eine richtige Nahrung zu verschaffen, außer vielleicht gelegentlich einen schlechten Fisch und Früchten, die aber auch nicht ohne Zeitverlust und Anstrengung zu erlangen sind und damit den Vorteil wieder wettmachen. Unvorhergesehene Verzögerungen bei der Abreise oder beim Rückzug führen mit Sicherheit zum Untergang, wenn nicht schon von vornherein für ausreichende Vorräte Vorsorge getroffen ist. Auf solche Art sind in diesem geheimnisvollen Land von unvorstellbarer Ausdehnung schon mehr Leute zugrunde gegangen als durch die Feindseligkeit und Hinterlist der Eingeborenen.
Glücklicherweise trat ein Umstand ein, der schon vielen Reisenden auf diesen Flüssen das Leben gerettet hat und auch meiner kleinen Expedition ermöglichte, Itaituba vor dem Eintritt völliger Erschöpfung zu erreichen. Wir fuhren mit der Strömung, die auf allen Flüssen des Amazonengebiets gegen den Hauptstrom zu gerichtet ist. Ihre Schnelligkeit hängt gänzlich ab von der relativen Wasserhöhe des Amazonenstroms im Verhältnis zu der des betreffenden Nebenflusses. Wenn der große Strom selbst Hochwasser führt, staut er seine Zuflüsse so lange zurück, bis es wieder fällt.
Zu solchen Zeiten werden Tausende von Geviertkilometer Wald überschwemmt, und die tiefliegenden Flächen in den Flußtälern bilden noch wochenlang ungeheure und unzugängliche Sümpfe, nachdem die eigentliche Überflutung sich wieder verlaufen hat. Es gehört eine beträchtliche Erfahrung dazu, alle hydrographischen, topographischen und klimatischen Umstände in Rechnung zu ziehen, um Fehlschläge zu vermeiden. In unserm Fall ersparte uns eine falsche Berechnung der Strömung mehrere Hungertage. Später einmal aber schwang das Pendel nach der andern Richtung, und ich und zwei Begleiter wurden von der Außenwelt durch mehr als 300 Kilometer Sumpf abgeschnitten, den die sich verlaufende Flut zurückließ.
In Santarem, wo mehrere Europäer sich aufhalten, genügte eine Ruhewoche und ein reichhaltigerer Speisezettel, um mich und die beiden Caboclos wieder so weit herzustellen, daß wir ohne Tränenvergießen voneinander Abschied zu nehmen vermochten. Meine Begleiter auf der Tapajóz-Expedition, die mir eine gewaltige Enttäuschung bereitet hatten, kehrten in ihre Heimstätten bei Pará zurück, und ich selbst bestieg einen wirklich prächtigen, nach Manáos bestimmten Dampfer, der kleinen isolierten und typisch amazonischen Stadt, 1675 Kilometer flußaufwärts am Amazonenstrom.
Die Reise den breiten, sonnenhellen Strom hinauf bis zu seiner Vereinigung mit dem Rio Negro, unterhalb jener kleinen, wundervollen Stadt, ist voll Reiz und Interesse. Prächtige Schmetterlinge flattern über das Deck und farbig gefiederte Vögel fliegen, aufgeschreckt von der Bewegung und dem Geräusch des Schiffes, über den Fluß oder die waldbedeckten Ufer entlang. Aus dem Dunkel tauchen ungeheure, schöngefärbte Motten, angezogen von den Lichtern auf Deck. Schwimmende, glänzend grüne Inseln und entwurzelte Bäume bieten den geierartigen Urubú und andern seltsamen Vögeln bequeme Ruheplätze.
Hoch über den Mauern des schweigenden, grünen Waldes zieht der Adler des Amazonas langsam seine Kreise im tiefen Blau des Himmels. Manchmal wird die glänzende Fläche des größten aller Ströme durch das Spiel eines Delphins unterbrochen. Riesige Fische steigen aus der Tiefe empor, um nach den über Bord geworfenen Überresten zu schnappen, und weit in der Ferne fällt hin und wieder der Blick auf unbekannte flachgipfelige Ketten, ungeheure Flächen der wie Rauch erscheinenden tropischen Wälder und offenen Campos. Es ist die Schwelle zum Unbekannten, die auf der Landkarte eingezeichnete Straße durch ein kartographisch nicht aufgenommenes Gebiet so groß wie ganz Europa. Hinter jeder Windung des Stromes, jedem Igarapé, jeder entfernten Waldfläche liegt das Geheimnisvolle. Nur die Ufer sind erforscht, und auch sie nicht eigentlich. Rohe Palmhütten mit halbnackten Bewohnern, die meilenweit voneinander getrennt hausen, sind die einzigen Zeichen der Zivilisation längs dieser Tropenstraße in dem großen toten Herz des Kontinents.