Nachts steigt das Geheimnis aus dem unermeßlichen Schweigen, den Blitzen, die keinen Donner hervorbringen, dem eigentümlichen Gezirp der Insekten, den Flammen riesiger Waldbrände, denen in unserer Phantasie Jaguare, Tapire, Hirsche, Affen, Vögel, Schlangen und Hunderte anderer Bestien in toller Flucht zu entrinnen suchen. Das Geheimnis lauert in dem unheimlichen Schrei der Brüllaffen, dem Geheul des Jaguars, die weithin durch die Stile der tropischen Nacht vernehmlich sind. Ist die Natur friedlicher gestimmt, so wandelt der große, weiße tropische Mond den dunklen Strom in einen Pfad goldenen Lichts, von dem sich die schlanken Palmen wie Geister abheben. Hier sind die Tropen unsrer Vorstellungen: der sternenerhellte Fluß, der wie aus Silbersand bestehende Strand, die übers Wasser gleitenden ausgehöhlten Kanus und der leise warme Wind, beladen mit allen Wohlgerüchen der großen Wälder ringsumher.

In neuester Zeit ist der Amazonenstrom auch den Touristen zugänglich geworden. Die größte amazonische Organisation hat ihn dem Weltverkehr erschlossen und ihre Dampfer der Führung der erfahrensten Piloten anvertraut. Seine Geheimnisse und seine Pracht liegen offen vor jenen, die abseits der gewöhnlichen Routen im Luxus zu reisen wünschen. Da mein Buch den Berichten über Forschungsreisen zu den entlegenen Stämmen der Wilden gewidmet ist, bleibt mir nur wenig Raum für allgemeinere Schilderungen von Landschaften und Erlebnissen, so ungewöhnlich oder interessant sie auch sonst sein mögen. Die Flußstraßen, die an dem großen Unbekannten vorüberziehen, müssen im allgemeinen außer Betracht bleiben. Sollte sich aber einer meiner Leser entschließen, diese einzig dastehende Reise auszuführen, die jetzt in aller Sicherheit und Bequemlichkeit auf einem Kursdampfer von Liverpool bis Manáos, 1600 Kilometer weit stromaufwärts, unternommen werden kann, so wird er die Erfahrung machen, daß man einen Schuß vom Deck an fast jedem Punkt der Fahrt abfeuern und sicher sein kann, daß selbst auf dem Hauptstrom der Schall in einer Wildnis verhallt, die noch nie vom Fuß eines Weißen betreten wurde.

Die kleine Niederlassung Obidos, an einem Hügel des Nordufers gelegen, ist nur deshalb erwähnenswert, weil der Strom hier verhältnismäßig eng wird und beide Ufer ohne dazwischenliegende Inseln sichtbar sind. Dann verbreitert er sich von neuem und strömt zwischen den wirklich wundervollen Wänden des großen amazonischen Urwalds dahin, der an Höhe und Dichte des Unterholzes die Wälder am Kongo oder andern tropischen Flüssen weit übertrifft.

Am Südufer des Amazonenstroms, zwischen Obidos und Itacoatiara, liegt die kleine Siedlung Parintins, in der Nähe der großen Flußinsel Tupinambaranas, auf der sich eine verlassene Stadt befinden soll. Von der kleinen, typisch amazonischen Niederlassung zieht ein Fluß ins Land, namens Camuma. Eine zehntägige Fahrt flußaufwärts bringt den Reisenden zur Eingeborenenniederlassung Maues, der Heimat jenes merkwürdigen Arzneitranks, der weit und breit im Amazonengebiet unter dem Namen „Guaraná“ bekannt ist.

Er wird von den Mauesindianern aus einer kleinen Kletterpflanze bereitet, die zur Familie der Sapindaceae (Paullinia sorbilis) gehört und nicht nur wild in den Wäldern wächst, sondern auch angebaut wird. Die Samen werden im November gesammelt, in der Sonne getrocknet, leicht geröstet, zu Pulver zermahlen und unter Zusatz von Wasser zu einer Paste verrührt. Manchmal wird diese in eine wurstähnliche Form gebracht und so, über dem Feuer erhärtet, in Matto Grosso, Bolivia und an den Flüssen des Amazonengebiets verkauft. Die Indianer und Caboclos bereiten daraus ein Getränk, indem sie die harten Würste auf der getrockneten, feilenartigen Zunge des Pirarucúfisches zerreiben und dann dem Pulver Wasser zusetzen. Auch zu merkwürdigen Zierstücken verarbeitet man die Paste in der Form von Alligatoren, Jaguaren, Vögeln und Schlangen, die als Sammelgegenstände in Pará und Manáos verkauft werden.

Guaraná ist eines der verhältnismäßig wenigen amazonischen Arzneimittel, das in der britischen Pharmakopöe aufgeführt wird. Es gibt nicht nur ein sehr anregendes Getränk, sondern ist auch von anerkannter Wirkung in Fällen von Dysenterie. Im Amazonengebiet bereitet man daraus durch Zusatz von Kohlensäure ein recht wohlschmeckendes „Mineral“-Wasser, das an Beliebtheit mit dem althergebrachten „Assai“ wetteifert. In Maues, wo der Extrakt von halbzivilisierten Indianern hergestellt wird, befindet sich eine Pflanzung von Guaranábüschen, die einem Italiener gehört. Kleinere Mengen wurden bereits in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgeführt.

In dieser kleinen Niederlassung befindet sich auch eine Station des Indianeramtes der Vereinigten Staaten von Brasilien. Jetzt ist sie der Mittelpunkt der Zivilisierung der früher wilden Mauesindianer.

Kehren wir zum Amazonenstrom zurück. Tage vergehen, dann erscheinen auf einer kleinen Lichtung des Nordufers die wenigen rosa und weiß gestrichenen Barracas und Landhäuser von Itacoatiara oder Serpa. Dies ist der Stapelplatz für den großen Madeirafluß, der von seiner Mündung sich nach Süden wendet, einige 130 Kilometer oberhalb Itacoatiara. Auf seinem über 1600 Kilometer langen Lauf aus den unerforschten Wäldern von Matto Grosso nimmt er zahlreiche Nebenflüsse auf.

Krieger mit Bogen.