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GRÖSSERES BILD
Indianerhäuptling mit Bogen und Pfeilen.
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Wir verlassen nun den Amazonenstrom, um etwa 15 Kilometer vor Manáos in den Rio Negro einzufahren. Das Zusammenfließen der beiden Gewässer bietet ein eigenartiges Schauspiel. Der Rio Negro führt schwarzes Wasser, wie sein Name besagt, das sich mitten in der gelben Flut des Amazonenstroms in großen schwarzen Flecken und kleinen Wirbeln hält. So deutlich scheiden sich die Wasser ab, daß der Bug des Dampfers ins dunkle Wasser taucht, während der Stern noch vom gelben umspült wird. Hier befinden sich auch zwei nicht mehr benützte Leuchttürme, die von den Eingeborenen die „Steine des Poraqué“ genannt werden.
„Poraqué“ heißt der elektrische Aal, den die Eingeborenen aller amazonischen Flüsse außerordentlich fürchten wegen der schrecklichen, zuweilen tödlichen Schläge, die er dem nackten Körper versetzt. Auf irgendeine Weise wurde das geheimnisvolle Licht, das früher die beiden einsamen Türme verbreiteten, mit der Wirkung jener gefürchteten Flußbewohner in Verbindung gebracht.
Von den im Sonnenschein strahlenden, meergleichen Fluten des Rio Negro aus gewährt Manáos einen hübschen Anblick. Weißschimmernde Häuser, Türme und Dächer aus mattroten kanellierten Ziegeln erscheinen im smaragdgrünen Rahmen des tropischen Dschungels, der stellenweise durch rotbraune Erdklippen oder das blauschwarze Wasser der kleinen Wasserläufe oder Igarapés unterbrochen wird. Beim ersten Blick wird man an ähnliche Bilder im Osten, in Afrika, oder selbst an den Küsten des blauen Mittelländischen Meeres erinnert. Kaum sind wir aber gelandet, so verschwinden diese plötzlich aufgetretenen Eindrücke wieder und wir merken, daß diese einzige amazonische Stadt, die über 1600 Kilometer in jeder Richtung von der Zivilisation abliegt, ihre völlig eigene Atmosphäre besitzt.
Am auffallendsten ist die moderne Aufmachung in ihrer Abgeschiedenheit. Im Hafen erheben sich Elevatoren und Drahtseilbahnanlagen auf ungeheueren, längs der Uferbank schwimmenden Kais, um die Unterschiede in der Wasserhöhe — fast 20 Meter! — zu überwinden. Eine schöne Straßenbahn dient nicht nur dem Verkehr in der Stadt, sondern läuft durch den Dschungel bis zu einem Restaurant in Flores. Ein Kraftwerk für elektrisches Licht liefert auch Strom zum Betrieb der Ventilationsapparate und zum Kochen. Manáos besitzt eine Trinkwasserversorgung, verschiedene Zeitungen, die das Neueste aus der ganzen Welt bringen, ein schönes Theater mit hauptsächlich lokalen Talenten und die fünftgrößte Münzensammlung des Erdballs, aber keine Eisenbahnverbindung. Von jedem Punkt der Stadt aus kann man den wilden Dschungel in zwanzig Minuten Gehzeit erreichen, und auf dem gegenüberliegenden Ufer sind die Alligatoren fast die einzigen Bewohner der Igarapés. Eine Eingeborene, die am Strand des S. Raymundo benannten Stadtteils wusch, sah ihr badendes Kind plötzlich zwischen den Kinnladen eines mächtigen Alligators. Sie sprang ins Wasser und drückte ihre Finger in die Augen der Bestie, die darauf den kleinen braunen Körper wieder losließ. Gleich hinter Flores wurden einsame Fußgänger auf der einzigen Landstraße in weitem Umkreis von Jaguaren angegriffen, in Schußweite von der Straßenbahnlinie. Vom Turm der Kathedrale sieht man weit über dem großen Fluß die wilden, unerforschten, schwarzgrünen Wälder, deren ungebrochene Linien sich im violetten Dunst des Horizonts verlieren.
Die gastfreundliche englische Kolonie besitzt ihren Klub, dessen Beschränkungen mehr in natürlichen Umständen liegen, als einer Absicht entsprechen. Unter diesen Verhältnissen und bei dem schlechten Zustand meiner Gesundheit war es nur natürlich, daß der beabsichtigte Aufenthalt von ein oder zwei Tagen auf die doppelte Zeit ausgedehnt wurde. Bei meinen drei Besuchen von Manáos bestand die größte Schwierigkeit immer darin, wegzukommen, ohne meine vielen Freunde dort zu verletzen. Aber das ist kein Grund, den Leser mit Schilderungen des gesellschaftlichen Lebens in diesem kleinen Vorposten der Zivilisation zu langweilen.
Eine seltsame Naturerscheinung zeigt sich in dieser und andern Gegenden des Amazonengebiets alljährlich um den 24. Juni, der merkwürdigerweise mit dem Festtag Johannes’ des Täufers zusammenfällt. Die Wassertemperatur oberhalb der Stadt fällt plötzlich, und das in solchem Grad, daß kleine Fische oftmals zugrunde gehen. Die Wirkung ist auch in der Luft längs der Ufer fühlbar, besonders am Amazonenstrom selber. Die Ansiedler an so weit auseinanderliegenden Plätzen wie Iquitos, Manáos und Obidos beklagen sich über die plötzliche Kälte. Während dieser wenigen Tage kann man am Äquator beinahe eine europäische Kleidung vertragen. Die Ursache der kalten Luft- und Wasserströmung liegt auf dem Pazifischen Ozean. Der verhältnismäßig warme „Chinook“-Wind streicht über die höchsten Anden, schmilzt den Schnee und pfeift durch die rauhen Pässe. Dort verliert er seine Wärme und zieht mit dem Schneewasser durch die tropischen Wälder und über die Steppen des Amazonengebiets.