Einige Zeit brachte ich damit zu, mir dürftige Auskünfte über den Aufenthalt wilder Indianerstämme in den weitentlegenen Wäldern zu verschaffen und daneben prosaische Geschäfte zu erledigen. Eines Tages hörte ich von einem Offizier des Indianeramtes, daß einige neue Stämme um den achten südlichen Breitengrad vorhanden sein sollten, in den dichten Wäldern und ungesunden Sümpfen zwischen den Flüssen Madeira und Aripuanan.

Etwa acht Monate vorher hatte ein unbekannter Stamm, wie man erzählte, einige halbblütige Kautschuksammler angegriffen und umgebracht, die in jene entfernten Gegenden eingedrungen waren, ungefähr 1500 Kilometer südlich von Manáos, an der Grenze von Matto Grosso. Einem überlebenden Caboclo war es schließlich gelungen, sich durchzuschlagen und den Behörden in Porto Velho am Madeirafluß Kunde zu bringen.

Der Offizier, dem ich diese Auskünfte verdankte, gehörte dem tapferen Korps an, das als Indianerschutzamt von General Rondon im Jahre 1910 eingerichtet wurde. Artikel 219 seiner Vorschrift lautet folgendermaßen: „Keine Mühe, keine Gefahr und kein Opfer ist zu scheuen, wenn es sich bei der Pazifikation der wilden Indianerstämme darum handelt, ihnen zu helfen und sie vor Ausbeutung und Unterdrückung zu schützen.“ Ich sah den tapfern Offizier nicht wieder, hörte aber, daß er später an der Grenze Venezuelas umgebracht worden war. Kürzlich hatte ich noch das Vergnügen, mit Dr. Bento Martins Pereira de Lemos zusammenzutreffen, dem alten Chef des Indianeramtes im Amazonengebiet und mit seinem Assistenten J. Gondim. Beide waren mir in weitgehendem Maße behilflich, endgültig einige der Stämme zu identifizieren, die ich zu verschiedenen Zeiten auf meinen Reisen in entlegenen Gebieten angetroffen hatte. Zuletzt sah ich Dr. Lemos zwischen einem kleinen indianischen Knaben und einem Mädchen. Noch ein Jahr früher waren beide Angehörige eines wilden Kannibalenstammes gewesen, dem ich in den düstern Wäldern am Aripuananflusse begegnet war. Doch davon werde ich in einem der nächsten Kapitel erzählen.

7. Auf dem großen Madeira in das Land der Caripunasindianer.

Nach der Abfahrt von Manáos ging es flußabwärts bis zur kleinen Niederlassung von Itacoatiara. Dort bestieg ich den Flußdampfer „Francisco Salles“, der den Oberlauf des Madeira befährt. Ich hoffte, in einer der kleinen Ansiedlungen auf dem Weg oder in Porto Velho, dem Ausgangspunkt der Madeira-Mamoré-Eisenbahn, Genaueres über den Ort zu erfahren, wo die unbekannten Indianerstämme hausen sollten. Denn man wird sich erinnern, daß ich über ihre Jagdgründe nicht viel mehr wußte, als daß sie in den wilden, unerforschten, 500 Kilometer langen und 300 Kilometer breiten Wald- und Sumpfgebieten liegen sollten, die sich zwischen den Flüssen Madeira und Aripuanan um den achten Grad südlicher Breite als Mittellinie erstrecken.

Auch die Hilfsquellen und Forschungsmöglichkeiten in dieser Gegend waren so unbekannt wie ihre Bewohner, und die Wahrscheinlichkeit wichtiger Entdeckungen brachte daher alle Besorgnis vor Fehlschlägen zum Schweigen. Der Dampferverkehr endigt an der abgelegensten Eisenbahn der Welt, der Madeira-Mamoré-Bahn, die 400 Kilometer schäumender Katarakte auf dem Landweg umgeht. So dachte ich, daß eine auf Augenschein beruhende Schilderung dieser Unternehmung, die nach einem amerikanischen Ausspruch von „Dr. Lovelace und Chinin“ ausgeführt worden war, die Zeitungsleser in Europa und den Vereinigten Staaten wohl interessieren müßte.

Ich hatte also einen zweifachen Zweck im Auge, während ich statt der dschungelbedeckten Ufer des Amazonenstroms nun die noch dunkleren und dichteren Wälder des großen Madeiraflusses an mir vorbeiziehen ließ. Kaum waren wir an der großen Insel nächst der Flußmündung vorüber, als sich der erste Unfall ereignete. Der Dampfer saß auf einer überfluteten Sandbank fest, die sich erst kürzlich gebildet hatte, gerade gegenüber den riesigen Imbaubabäumen von Fazendinha. Nach einer Stunde war das kleine Fahrzeug wieder flott und konnte seinen Weg gegen die starke Strömung fortsetzen. Meilenlang strömte nun der Fluß zwischen dichten Uferwäldern dahin. Nur eine Reihe von Inseln unterbrach seinen Lauf, wie Urucurituba, Ypringa und viele andere. An mehreren kleinen, mit Palmstroh gedeckten Hütten ging es vorüber, dann gab es wieder einen, diesmal freiwilligen, Halt, um 120 Kilometer von der Mündung, an einem Lager, Perseverança genannt, Holz einzunehmen. Hier standen zahlreiche wilde Kautschukbäume und Kokasträucher. Wirklich, es gehört eine besondere Art von Beharrlichkeit dazu, daß Menschen die Kraft finden, sich in diesen feuchtheißen Wäldern abzuplacken, um einen kleinen Dampfer mit Feuerung zu versorgen!

Bald nach der Weiterfahrt trafen wir auf eine weite Fläche überschwemmten Waldes und auf offenes Wasser, obwohl die Ufer bisher ziemlich hoch gewesen waren. Wir befanden uns in der Nähe des Furo das Guaribas (Affenloch) am Prepriocassee, der seine niedern Ufer überflutet und sich mit dem Madeira vereinigt hatte. Dann schlossen sich wieder die dichten Wälder um uns zusammen und begleiteten uns bis zur kleinen Ansiedlung von Borba, die wir am Morgen des dritten Tages erreichten. Ihre wenigen verfallenen Lehmhäuser, Barracas und Strohhütten stehen auf einer steilen erdigen Bank, vom dichten, dunkeln Urwald eingefaßt. In der Mitte des Dorfplatzes erhebt sich gegen den Fluß zu eine winzige Kirche. Die Schule war geschlossen, weil kein Lehrer hatte bleiben wollen, und die Blicke der paar halbnackten armseligen Caboclofamilien sprachen von hilfloser Verlassenheit, Beri-Beri und Malaria.

Hinter Borba erschienen einige merkwürdige Felsriffe, die auf dem Ostufer sich auf etwa 300 Meter landeinwärts erstreckten. Die Höhe der Bäume nahm zu, und die Schatten unter ihren Kronen wurden schwärzer. Hier und da leuchteten aus der düstern grünen Wand die gelben Blüten des Pao d’arco, des berühmten amazonischen Baumes. Die Ufer waren niedrig und sumpfig. Dann ging es plötzlich um eine Flußbiegung, und bald darauf wurde die Mauer des Waldes von der Mündung des Autazflusses unterbrochen. Gegenüber kamen wir an einer Barraca vorüber, und an Stelle des Waldes trat niederer, verfilzter Dschungel. Wir mußten nun durch die gefährliche Marapity-Enge, die wir kaum hinter uns hatten, als sich schon die unter dem Namen „Pedras dos Ganchos“ bekannten Felsen vor uns aus dem Fluß erhoben, dessen Oberfläche in eine Reihe von Strudeln und Wirbeln aufgelöst schien. Rundumher nichts als Igarapés, Seen und wilder Wald.

Bald nachdem wir die Alligatorinsel umfahren hatten, an der vor vielen Jahren die Greavesexpedition gescheitert war, erreichten wir Vista Alegre mit seinen Wäldern brasilianischer Nußbäume, seinen zweistöckigen Häusern und einer kleinen Missionsstation. Die Ufer liegen hier höher und sind stärker bevölkert. Die Murasindianer, die einstigen Bewohner dieser Gegend, wurden von kriegerischen Stämmen im Süden beinahe ausgerottet, und vom Fluß aus bekam man ihre Maloccas nicht zu Gesicht. Die Strömung ist hier sehr stark und bildet zahlreiche Strudel. Die Vegetation macht den Eindruck noch größerer Üppigkeit als an den Ufern des Amazonenstroms.