Einige Meilen weiter, hinter der unbedeutenden Niederlassung von Taboçal, kamen wir an einem kleinen Friedhof vorüber. Zahlreiche Holzkreuze bezeichnen die letzten Ruhestätten der Opfer dieser ungesunden Flußgegend. Auch der Forscher Alvez hat hier sein Grab gefunden. Dann tauchten die Aripuananinseln auf an der Vereinigung des gleichnamigen Flusses mit dem Madeira.
Zwischen diesen beiden sich gabelnden Flüssen liegt das große, fast unerforschte Gebiet, in dessen halbdunkeln Wäldern sich irgendwo die Maloccas und Jagdgründe der von mir gesuchten Indianerstämme befanden. Ich glaubte sie jedoch nicht näher als etwa 300 Kilometer südlich der Mündung vermuten zu sollen, und die Frage erhob sich, welcher der beiden Flüsse als zweckmäßigste Zufahrtslinie in Betracht käme. Bis jetzt war es mir nicht möglich gewesen, außer vagen Behauptungen über das Vorhandensein wilder Stämme verläßliche Auskünfte zu erhalten. Da ein Eindringen in die Wälder und das kaum bekannte Flußbecken mit großen Gefahren verknüpft war, schien es nicht geraten, den Dampfer zu verlassen und Vorbereitungen für eine Fahrt den Aripuanan hinauf zu treffen. Ein Schiffsverkehr besteht auf ihm nicht, und so hätte es eine Kanureise von 1200 Kilometer ins Unbekannte hinein bedeutet, um mit Erfolg durchzuführen, was nur einer wohlausgerüsteten Expedition gelingen mochte. Tatsächlich hat eine solche später den Aripuanan von seiner Quelle bis zu seiner Vereinigung mit dem Madeira befahren.
Was mir vorschwebte war, einen bessern Annäherungspunkt zu den unerforschten Wäldern zwischen den beiden Flüssen aufzufinden, und nach mehreren Versuchen hatte ich damit auch Glück. Ich entschloß mich nämlich, den Madeira noch weiter hinaufzufahren und einige seiner kleinen östlichen Nebenflüsse zu untersuchen.
Während der nächsten 120 Kilometer bot die Landschaft nichts Besonderes. Dann ging es zwischen Felsen und unbedeutenden Stromschnellen durch die gefährliche Flußkrümmung bei der Urua-Insel. Wieder schloß sich der Urwald um uns zusammen, und auf weite Strecken war nichts sichtbar als der Saum des niedern Dschungels, hin und wieder eine Strohhütte, eine Barraca oder das einsame Heim einer Caboclofamilie. In dieser trübseligen Gegend erlebte ich den schönsten Sonnenuntergang, der mir bisher beschieden gewesen war. Der ganze Himmel stand in Flammen von Gold und Rot zwischen einem Gewoge von Wolken. Gerade hindurch schnitt das dunkle Band der olivengrünen Wälder, und im Widerschein des Wassers spiegelte sich die feurige Glut des Himmels. Ein wundervolles Schauspiel, das mir mehr Eindruck machte als die Mitternachtssonne des Nordkaps oder die Nordlichter Alaskas. Die folgende Nacht jedoch war finster und stürmisch.
Die hübsche kleine Ansiedlung Manicoré liegt auf einer steilen Uferbank über dem Hochwasserstand des schlammigen Flusses. Langsam geht sie der Zerstörung entgegen, da die Ufer unaufhaltsam von der starken Strömung unterwaschen werden. Obwohl es in Manicoré keine eigentlichen Straßen gibt und die wenigen Häuser und Schuppen auf der bloßen und oft recht schmutzigen Erde stehen, wirkt es doch lange nicht so verwahrlost und trübselig wie Borba. Andererseits bietet es allerdings auch nicht das mindeste an Interesse. Denn rings ist es vom Dschungel umschlossen, und die Bevölkerung setzt sich zumeist aus Caboclos zusammen. Die kleine Kirche ist das einzige Gebäude, das nicht in Trümmer fällt.
Bei der Jaguarinsel macht der Fluß zahlreiche Windungen. Man soll den Knall eines Schusses hören können, der 30 Kilometer weiter flußaufwärts abgefeuert wird, weil die beiden Punkte in der Luftlinie nur 3 Kilometer voneinander entfernt sind. Hier liegt die Mündung des ungesunden Marmellosflusses. Sein Quellgebiet soll bis an den Tapajóz reichen, und das dazwischenliegende Gebiet befindet sich zum größten Teil in den Händen wilder Indianerstämme. An diesem Fluß haben sich nicht wenig Tragödien abgespielt. Auf einer Kautschukpflanzung, nur einige Kilometer von der Mündung, starben in einem einzigen Jahr über 100 Leute am Fieber.
Auf der Jaguarinsel steht ein kleiner Seringal (Faktorei), bei dem wir anhielten, um einige Vorräte zu laden. Man zeigte mir einen ungeheuern Baum, der eine große Menge eines milchartigen Saftes absondert, wenn man ihn mit dem Buschmesser anschneidet. Die Waldindianer trinken den Saft an Stelle von Kuhmilch, und die halbzivilisierten Anwohner der Flüsse gießen ihn in ihren Kaffee. Bei den Eingeborenen heißt der Baum „Solu“; sein wissenschaftlicher Name ist mir nicht bekannt. Diese Pflanzenmilch ist recht wohlschmeckend und anscheinend bekömmlich, wenn auch, soviel ich weiß, eine chemische Analyse von ihr noch nicht gemacht wurde. Es gibt hier buchstäblich Tausende von Heilkräutern, von denen die Zivilisation keinerlei Kenntnis besitzt. Von den Eingeborenen werden sie bei leichteren Erkrankungen mit wunderbarem Erfolg angewandt, und sicher würde auf diesem Feld der Forschung eine reiche Ernte das Studium lohnen.
Noch immer fuhren wir zwischen den Mauern der Wälder dahin. In Jumas-Quadras, einer großen Station auf dem Westufer, gab es kurzen Aufenthalt. Dann ließen wir die alte São-Pedro-Missionsstation hinter uns, die verlassen und vom Dschungel überwachsen im Wald liegt, und bekamen einige Stunden später die kleine Stadt Humaitá zu Gesicht. Sie liegt auf einer hohen Uferbank, von der Steintreppen zum Hoch- und Niederwassermal herabführen. Die kleine Niederlassung besitzt einige Ziegelhäuser neben den üblichen Lehm- und Strohhütten und erfreut sich sowohl einer Licht- wie Trinkwasserversorgung. Erbaut wurde sie auf dem Gebiet des Oberst Monteiro, der das urbar gemachte Land, das Stadtgebiet und die städtischen Bauten der brasilianischen Regierung 1890 schenkte. Die Bevölkerung beläuft sich jetzt auf über tausend Köpfe.
Längs der Ufer des Madeiraflusses vollzog sich die erste Entwicklung der Kautschukindustrie im Amazonengebiet. Da der Madeira die Hauptverkehrsstraße nach dem nordöstlichen Bolivia bildet, bietet sich hier die beste Gelegenheit, die Bedingungen der wenigen und sehr dünnen Fäden einer Halbzivilisation zu studieren, die einige Teile des toten Herzens Südamerikas durchziehen. Eine Meile vom Flußufer entfernt stehen wir mitten im jungfräulichen Urwald, auf allen Seiten von Barbarei umgeben. Die Dampfschiffahrt endigt in Porto Velho, von wo die wunderbarste und gleichzeitig abgelegenste Eisenbahn der Welt, die Madeira-Mamoré-Bahn, den Reisenden und seine Waren an 400 Kilometer Stromschnellen vorüberträgt, um ihn an den schiffbaren Flüssen des wilden Benigebiets in Bolivia wieder abzusetzen.
Es ist unnötig, hier die letzten 80 Kilometer auf dem Madeira, zwischen Humaitá und Porto Velho, wie auch die Eisenbahn zu schildern, die hier beginnt, sich am Fluß entlang zieht und in Guajara-Merim in Bolivia ihr Ende erreicht. Porto Velho ist eine saubere, schön angelegte, mit Beleuchtung versehene europäische Niederlassung. Hier befindet sich die Eisenbahnverwaltung, deren Gebäude zum größten Teil durch Drahtgaze gegen die Moskitos geschützt sind. Die Linie wurde von Brasilien gebaut und 1913 vollendet, nachdem es durch den Vertrag von Petropolis einige Landkonzessionen als Entschädigung von Bolivia erhalten hatte. Ehe die Bahn bestand, mußten alle vom Atlantischen Ozean nach Bolivia bestimmten Waren den Amazonenstrom und den Madeira hinauf befördert, in São Antonio umgeladen und zusammen mit den Kanus über Land getragen werden, eine Strecke von 400 Kilometer an neunzehn Katarakten vorbei. Will man sich die Aufgabe in ihrer ganzen Riesenhaftigkeit klarmachen, europäische Waren in das nordöstliche Bolivia auf diesem Weg zu schaffen, der auch kaum schlechter ist als ein anderer, so muß man sich vorstellen, daß sie erst über den Atlantischen Ozean nach Pará verschifft werden mußten, dann etwa 1500 Kilometer auf dem Amazonenstrom, hierauf ungefähr 1000 Kilometer auf der schiffbaren Flußstrecke des Madeira nach São Antonio. Dort wurden sie in flache Kanus umgeladen, die bis zur ersten Stromschnelle hinaufzufahren vermochten. Von hier konnten die Waren auf wochenlangem Marsch nur noch auf dem Rücken von Eingeborenen befördert werden, und dann kam erst eine neue Flußfahrt über viele Hunderte von Kilometer durch halb erforschte Gegenden, wo das Fieber wütete und wilde Indianerstämme in den umliegenden Urwäldern hausten. Alles in allem eine gewagte Unternehmung in tropischer Hitze und Witterung, die etwa sechs Monate in Anspruch nahm!