Der Bau der Madeira-Mamoré-Eisenbahn wurde schon 1874 begonnen, aber mehrere Expeditionen mußten, durch Fieber, Sümpfe und feindliche Indianerstämme gezwungen, den Plan wieder aufgeben. Schließlich wurde er doch ausgeführt, ebenso wie der Panamakanal mit Hilfe der ärztlichen so gut als der technischen Wissenschaft. Die Amerikaner nennen sie mit vollem Recht die wunderbarste Urwaldbahn der Welt. Es ist aber Tatsache, daß fast jede Schwelle dieser 367 Kilometer langen Bahnstrecke zum Grabstein eines Menschenlebens geworden ist.

Eine romantische Persönlichkeit war es jedoch, ehe auf solche Weise die Fälle des obern Madeira umgangen wurden, und ist es in gewissem Sinne noch heute, die den Handel und alles sonst in diesem wilden Gebiet beherrschte. Ihr Name ist Nicolas Saurez. Würde die Geschichte dieses Mannes jemals geschrieben, sie gäbe eine aufregende Erzählung des Lebens in den großen Wäldern und an den Kautschukflüssen des Amazonengebiets. Nicolas Saurez fing als Händler an und trat in Beziehungen zu den wilden Stämmen an den Flüssen Beni, Mamoré und Madre de Dios, denen sich zu nähern bis dahin noch kein Weißer gewagt hatte. Bald erlangten er und seine Brüder Konzessionen, die sich von landesherrlichen Befugnissen kaum unterschieden. Er herrschte mit fester Hand über die wilden Indianer. Das kleinste Vergehen oder das mindeste Zeichen von Verräterei fand eine schreckliche Sühne. Ein Angehöriger von Saurez’ Familie wurde von den Indianern ermordet, und schauerliche Geschichten von der Bestrafung ganzer Stämme sind in Umlauf.

In dem Acre-Krieg bildeten Saurez’ Irreguläre eine entscheidende Macht. Später vernichtete er die Räuberbanden von Mischlingen, die plötzlich die Kautschukpflanzungen raubend und mordend zu überfallen pflegten, um sich dann über die Grenze in verhältnismäßige Sicherheit zurückzuziehen. Ein von Saurez ausgestellter Passierschein bedeutete für Reisende und Forscher im Benigebiet weit mehr als der Paß einer Regierung. Bei verschiedenen Gelegenheiten hatte ich das Vergnügen, mit einem Neffen dieses „Herrschers der Beni“ zusammenzutreffen, der in Europa erzogen worden war. Unmöglich, einen liebenswürdigeren und kenntnisreicheren Bolivianer zu finden! Aber Unglück und Tod setzten schließlich seinen weitreichenden Plänen für die Entwicklung seiner Heimat ein vorzeitiges Ziel.

In Porto Velho hörte ich von einem Stamm der Caripuna-Indianer, deren Dorf einige Meilen flußaufwärts an dem kleinen Mutum-Paranáfluß liegen sollte. Obwohl Wilde im vollsten Sinn des Wortes, waren diese eigenartigen Eingeborenen doch mehr oder weniger den Eisenbahnpionieren dieser Gegend vertraut und konnten daher nicht zu den wilden und unbekannten Stämmen gehören, deren Spuren ich nachforschte. Trotzdem schien mir der Besuch ihres Dorfes eine Reise von etwa 200 Kilometer wert, da ich dort genauere Auskünfte über unzugänglichere Stämme zu erhalten hoffen durfte. Ich brachte also meinen ganzen Kram und die Vorräte vom „Francisco Salles“ an Land und bestieg die Mamorébahn, die mich an der Mündung des schlammigen Flusses Mutum-Paraná absetzte.

Dank der Hilfsbereitschaft der Eisenbahnbeamten dieser Wunderlinie, die über 3000 Kilometer von jeder Zivilisation beginnt und endigt, war ich bald im Besitz eines Kanus und zweier „gezähmter“ Caripunasindianer, die mich von der kleinen Niederlassung in der Nähe der Mündung am stromschnellenreichen obern Madeira flußaufwärts bringen sollten. Nachdem wir São Antonio passiert hatten, etwa 11 Kilometer von unserm Ausgangspunkt Porto Velho, lichtete sich der Wald, und die Farbe des Bodens wandelte sich von einem satten Rotbraun in ein helles, sandfarbiges Gelb. Auf dem Weiterweg verlor sich der Dschungel in Buschwerk, und die Fahrt ging viele Meilen lang durch Sümpfe.

Der Mutum-Paraná ist ein schmaler und seichter Fluß. Hohe, dunkle Bäume säumen seine Ufer, das Unterholz steht aber nicht so dicht wie wohl sonst im Amazonengebiet. Stellenweise verbirgt die Wölbung der Baumkronen völlig den Anblick des Himmels. Alles Wachstum der Blätter und Zweige drängt sich wipfelwärts zum Licht, so daß die Bäume den Eindruck riesenhafter Schirme machen. Es ist eine ungesunde Gegend, und meine zwei Kanuleute, die sich der Namen „Washington“ und „Cochrane“ erfreuten, litten beide an den Anfangsstadien der Beri-Beri-Krankheit. Sie wurden sonst von der Verwaltung beschäftigt, die Eisenbahnangestellten mit Fischen zu versorgen und waren ganz freundlich und umgänglich. Gekleidet waren sie in eine Art von losen Hemden und Hosen.

Viel Interessantes war auf diesem schlammigen und halbdunkeln Fluß nicht zu sehen, vermutlich, weil die Mauer des Matto Grosso oder Walddickichts jeden weitern Ausblick unmöglich machte. Was über die unmittelbaren Uferbänke hinauslag, konnte man nur beiläufig aus der Abwesenheit von Hügelland erschließen. Die Hitze war arg, und der Blutdurst der Moskitos und „Piums“ noch ärger als gewöhnlich. Dazu kam noch, daß das schwere ausgehöhlte Kanu nur ein langsames Weiterkommen gestattete. Glücklicherweise lag das Indianerdorf näher der Mündung zu, als wir erwartet hatten, und gerade vor Sonnenuntergang bekamen wir die mit Palmstroh gedeckten Maloccas durch den Saum des Urwalds hindurch zu Gesicht.

Als das Kanu am Ufer anlegte, vermochte ich eben noch wild aussehende Gestalten zu unterscheiden, die unter den Bäumen etwa 80 Meter entfernt im Halbkreis umherstanden. Ich griff nach dem Segeltuchsack, der die Geschenke enthielt, und sprang an Land. Obwohl der Stamm als den Weißen nicht offen feindlich gesinnt galt, schien es mir ratsam, die Friedfertigkeit meiner Absichten zu betonen. Daher ließ ich alle Waffen zurück bis auf einen Revolver in der Tasche. Als ich auf die Indianer zukam, wichen sie weder zurück, noch näherten sie sich; sie blieben einfach still stehen und starrten mich unruhig an. Möglich, daß ihnen einige der Eisenbahnbeamten bekannt waren und daß sie mich für einen von ihnen hielten. Vielleicht schien ihnen auch in meiner Begleitung durch zwei Stammesgenossen eine Bürgschaft für meine Harmlosigkeit zu liegen. Wie dem auch sein mag, jedenfalls kamen sie allmählich zögernd näher, als ich nun aus dem Sack Ketten von billigen Perlen hervorzog, Taschenmesser, kleine Spiegel und andere Geschenke. Ich unterschied jetzt Männer, Weiber und Kinder, die alle völlig nackt waren. Man hatte mir in Porto Velho erzählt, daß die Caripunasindianer viel unter der Gewissenlosigkeit der Kautschuksammler zu leiden gehabt hatten, die ihre jungen Mädchen in den Wald verschleppten, um sie nach ein oder zwei Tagen, meilenweit vom Dorf, irgendwo zurückzulassen. Behandelte man sie aber als Menschen, so waren sie, wie es hieß, ein vergnügtes, fügsames, wenn auch aussterbendes Völkchen.

Dem Aussehen nach gehören die Caripunasindianer entschieden zum mongolischen Typus. Ihre Hautfarbe ist bronzen, das Haar glänzend schwarz. Sie tragen es vorn in Fransen geschnitten und lang über den Rücken herabhängend. Ihr Wuchs ist klein, und sie gehen gänzlich nackt bis auf einen dünnen Faserstrick, den die Männer um die Lenden schlingen. Die Weiber tragen an dessen Stelle einen verzierten Gürtel. Aber beides dient dazu, den Eindruck ihrer Nacktheit eher zu erhöhen als abzuschwächen. Säuglinge werden von der Mutter in einer Binde um den Nacken getragen. Kochgerätschaften scheinen sie nicht zu besitzen außer einigen rohen, irdenen Tiegeln.

Haben die Caripunas gerade keine andere Nahrung, so füllen sie sich den Magen, indem sie Erde essen. Man kann die Wirkung dieses Nahrungsmittels und des „Farinha“ genannten Mandiokamehls auf den Bildern beobachten. Es wird aus den giftigen Wurzelknollen des Kassavestrauchs gewonnen und bildet für alle halbzivilisierten und wilden Indianer das Hauptnahrungsmittel. In dem kleinen Eingeborenendorf am Mutum-Paraná sah ich zum erstenmal seine Zubereitung. Kurz nach Tagesanbruch begaben sich die Weiber des Stammes zu den „Farinha“-Öfen aus getrocknetem Lehm, unter denen fast beständig ein Feuer unterhalten wird. Zum Schutz gegen die tropischen Regengüsse tragen die Ofen ein niederes Dach aus Palmstroh. Die Kassavewurzeln werden in eine Art halbkreisförmigen Trogs gelegt, der aus dem gespaltenen Stamm einer Miritypalme ausgehöhlt ist, und dann zu Brei zerquetscht. Das nur roh durchgeknetete Mehl wird durch ein Fasersieb getrieben, zu einem feinen Teig verrührt und in Kuchen geformt, die man zuweilen einige Stunden lang gären läßt.