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GRÖSSERES BILD
Ihr „Gesellschaftskleid“.
Bemalung eines Ocainamädchens.
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GRÖSSERES BILD
Der wenig bekannte Felsblock, den zu sehen ich so weit gereist war, befindet sich in einiger Entfernung vom Alto Parimé und steigt wie ein gigantischer Ballon aus der ebenen Steppe. Er ist so abgelegen, daß die Annahme wohl richtig ist, daß er der heilige Felsentempel der großen Indianerstämme war, deren Jagdgründe sich hier vor 600 Jahren ringsum ausbreiteten.
Es ist kaum möglich, ein Gefühl scheuer Ehrfurcht zu unterdrücken, wenn man von der Steppe her in den Schatten dieses ungeheuren Blocks reitet. In mancher Hinsicht ähnelt er den merkwürdigen Matoppos in Rhodesia, nur ist er viel größer. In seiner Riesenhaftigkeit gibt er das überwältigende Gefühl einer Allmacht, die allein fähig war, diesen kolossalen abgerundeten Felsbrocken hierher auf eine sich nach jeder Richtung auf Meilen und Meilen eben ausdehnende Fläche zu versetzen.
Ein schmales Felsband führt spiralenförmig um die Basis der überhängenden Masse. Auf einer Seite befindet sich eine Höhle, die einer Kavallerieschwadron Unterkunft bieten würde. Offenbar war hier der Tempel der alten indianischen Götter, und auf dem Steinaltar sind zweifellos viele blutige Opfer dargebracht worden. Hoch oben an der Außenwand ist eine augenscheinlich künstliche, schmale, merkwürdige Plattform, von der ein Abstieg jetzt jedoch nicht mehr durchführbar zu sein scheint. Über dreißig Meter unter ihr erhebt sich eine natürliche ebene Steinterrasse. Unwahrscheinlich ist es nicht, daß von dem luftigen Altar auf unbekannte Weise die Menschenopfer auf die Steinterrasse im Angesicht der unten versammelten Indianerstämme herabgestürzt wurden.
Die Seiten dieses sicherlich größten Felsblocks der Erde sind ausgewittert und verfärbt von der tropischen Sonne und den Regenfluten der Jahrhunderte. Aber außer den tief in den Felsen eingegrabenen Inschriften, von denen ich auf Seite 179 einige wiedergebe, weiß man wenig Sicheres über seine Geschichte und seinen Zweck. Daß er einst ein großer Tempel war, ist zweifellos und wird von den Macuxy-, Uapirkanas- und Jarikunasindianern bestätigt, den mächtigsten Stämmen, die jetzt die Umgebung bewohnen.
Diese Nacht lagerte ich im Schatten des großen Felsentempels. Alle Stunden der Finsternis waren erhellt von den lautlosen tropischen Blitzen. Zuweilen war das Stampfen der Hufe flüchtender Rinderherden weit draußen in der Steppe zu hören, sonst nicht einmal das leise Flüstern des Windes im Grase. Eine Stille wie nicht von dieser Welt. Im Zucken der blauen Blitze am unerforschten Horizont enthüllte sich jedesmal die ungeheure schwarze Felsmasse. Nur schwer ließ sich die Phantasie zügeln, die nachtverhüllten Flächen ringsum mit nackten Gestalten in geisterhaften Zeremonien zu bevölkern. Der Schlaf floh mich, trotzdem der mühselige Ritt in der großen Hitze des Tags mich erschöpft hatte. Als die ersten roten Streifen der Dämmerung über die gebrochenen Linien der Steppe hinzitterten, war ich froh zu essen, aufzupacken und von dem unheimlichen Felsblock wegzukommen, dessen eigentümlich farbgesprenkelten Flächen im rosigen Licht des Morgens wie von Blut trieften.