In Moura heißt es entweder den Dampfer mit der staatlichen Barkasse „Amazonia“ vertauschen oder sich ein Batalõe verschaffen für die lange Fahrt den Rio Branco flußaufwärts, dessen starke Strömung der Schiffahrt erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Nur langsam geht es vorwärts. Im Unterlauf des Flusses gibt es allerlei Hindernisse wie bewaldete Inseln, gewundene „Furos“ (Flußarme) und Brackwasserseen. Zu beiden Seiten hat man den tropischen Wald, dessen Bäume ihre mächtigen Äste über den Fluß breiten. Selbst mit Hilfe der Karte und des Kompasses ist es nicht leicht, sich im richtigen Fahrwasser zu halten. Oft gehen Stunden verloren, wenn man einen der verschlungenen Wasserwege verfolgt, der schließlich nur wenige Kilometer oberhalb wieder in den Hauptfluß einmündet.
Das Ästuar, einige Kilometer oberhalb Moura, bildet eine prächtige, mit bewaldeten Inseln bedeckte Wasserfläche. Jenseits begleiten den Fluß 350 Kilometer lang die Mauern der immergrünen Wälder, die nur einmal am rechten Ufer, 250 Kilometer von Moura, einen Ausblick auf die Serras do Barauana gewähren. Bis oben hinauf dicht bewachsen unterbrechen sie die Eintönigkeit der Landschaft. Dann kommt die kleine Niederlassung von Vista Alegre, wo die von Manáos durch die Wälder geplante Straße einmal ihr Ende am Rio Branco finden soll. Der Bau geht jedoch nur langsam vorwärts und ist, obwohl er vor vielen Jahren begonnen wurde, erst bis Campos Salles gediehen, einige dreißig Kilometer über Manáos hinaus.
Am Nordufer beugten sich hier zwei große Bäume über den Fluß, die über und über mit den merkwürdigen Nestern von Stärlingen besetzt waren. Fast von jedem Zweig hingen sie herab. Der Eingang zu den Nestern dieser eigenartigen Tiere befindet sich am Boden, von wo ein Gang nach oben zu dem Brutplatz des Weibchens führt. Diese Stärlinge sind fröhliche kleine Geschöpfe, die den ganzen Tag singen und zwitschern. In der Nähe war ein Baum, von dem nicht weniger als drei große, bienenkorbähnliche Wespennester herabhingen.
Etwa 30 Kilometer über Vista Alegre hinaus ist das Fahrwasser durch die gefährliche Cachoeira (Stromschnelle) Bemqueror unterbrochen, doch kann man sie sowohl durch den Furo do Cuyubim umfahren als auf dem Landweg über die Serra Caracarahy umgehen. Hat man erst diesen schwierigen Abschnitt hinter sich, so liegt der Weg frei bis Boa Vista, ungefähr 100 Kilometer jenseits der Stromschnellen. Der Wald wird nun lichter, bis endlich in weiter Ferne unendliche Ebenen wie ein wogendes Meer erscheinen. Kommt man aus dem feuchten Zwielicht der tropischen Wälder und hat nun vom hohen Ufer aus plötzlich die durch kleine Palmeninseln durchbrochenen Flächen bis zum Horizont vor sich, so ist’s, als träte man aus dem Düster eines Treibhauses auf ein frischgrünes Feld hinaus.
Mit Wonne atmete ich die Luft der amazonischen Steppen ein, die wie eine Seebrise nach einem Londoner Nebel auf mich wirkte. Obwohl Gruppen von Bäumen und selbst kleine Dschungelstreifen erst verschwanden, als die Ultima Thule des Amazonengebiets erreicht war, weit oben an den Flüssen Parimé und Surumú, hatte ich doch endlich die dunstigen Wälder, ungesunden Flüsse und moskitoverseuchten Sümpfe hinter mir, und ungehemmt von den grünen Gefängnismauern durfte der Blick in die Weite schweifen.
Die kleine Niederlassung Boa Vista, etwa 700 Kilometer von Manáos entfernt, besteht aus vielleicht 130 Gebäuden, die eine ungepflasterte und unbeleuchtete Straße bilden. Es ist eine hinterwäldlerische Ansiedlung. Die meisten Häuser sind aus Luftziegeln und „Taipa“ gebaut und haben Zink- oder Strohdächer. Ich hielt mich hier nur so lange auf, als erforderlich war, mein Gepäck in die Barkasse umzuladen, die schon wartete und mich nach S. Marcos und den Uraricoera flußaufwärts bringen sollte bis zu seiner Vereinigung mit dem Parimé auf 3° 20′ nördlicher Breite.
Auf der Staatsdomäne von S. Marcos, die vom Indianeramt verwaltet wird, traf ich mehrere Offiziere. Nach Ergänzung der Vorräte fuhren wir westwärts in den Uraricoera ein. Den Ufern des schmalen Flusses entlang befinden sich zahlreiche Farmen, auf denen hauptsächlich Viehzucht auf den Steppen ringsum getrieben wird. Außer den ausgedehnten Staatsdomänen, wo man Macuxyindianer als Viehhirten beschäftigt, wären hier zu nennen die Facendas des Oberst Bento Brazil und des Commendadore Araujo am Pariméfluß. Dorthin ging meine Reise, um den geheimnisvollen Felsen der Inschriften zu untersuchen. Dann wollte ich über die offenen „Campos“ den obern Surumú erreichen.
Über die Reise den Uraricoera und Parimé flußaufwärts brauche ich nur wenig zu sagen, um zu schildern, wie ich die Tage hinbrachte. Der Uraricoera ist auf beiden Ufern umsäumt von kleinen Gruppen von Palmen und andern Bäumen, zwischen denen sich weite Ausblicke auf die wellenförmige Steppe und auf namenlose Serras bieten. Der Parimé ist ein schnell dahinströmender kleiner Fluß, dessen Quelle in einer Kette hoher unerforschter Berge fern am Horizont liegt. Da er damals mit Barkassen nicht befahren werden konnte, mußte dieses Beförderungsmittel gegen Pferde vertauscht werden. Beamte der benachbarten Fazenda stellten sie mir liebenswürdigerweise zur Verfügung zusammen mit einigen wenig anmutig aussehenden indianischen Vaqueros, die zugleich als Führer dienen sollten.
Mandaño-Indianer vom obern Napo.
Diese Indianer sind Kopfjäger. Die scheckige Bemalung mit Pflanzenfarben macht sie im Dickicht schwer erkennbar.