Im mittleren Amazonengebiet ist Manáos der gegebene Knotenpunkt des Stromsystems, ebenso wie Pará für den Unterlauf der Flüsse. Erst jenseits der Grenze Perus verlegt er sich von Manáos nach Iquitos, und da hat auch der Amazonenstrom einen andern Namen angenommen. Zuerst heißt er Solimões und dann, nach Überschreiten der brasilianisch-peruanischen Grenze, Marañon. Iquitos liegt jedoch über 1600 Kilometer von Manáos entfernt, und von ihm ist vorläufig noch nicht die Rede. Wir befinden uns im Land der Riesenentfernungen, wo jeder Ortswechsel nur mit Hilfe der Karte anschaulich gemacht werden kann.
Nach wenigen Rasttagen in Manáos entschloß ich mich, einen weitern Vorstoß in das Herz der brasilianischen Wildnis zu unternehmen, und zwar diesmal nach Norden in das wenig bekannte Gebiet an der Grenze Venezuelas, ehe ich zu längerer Ruhe nach Europa zurückkehrte. Mein Entschluß, den Rio Negro und Rio Branco hinaufzufahren, entsprang verschiedenen verführerischen Aussichten. Zuerst einmal war mir Förderung meiner Absichten versprochen worden, wenn ich zur Staatsdomäne von S. Marcos am wenig bekannten Rio Uraricoera gelangen würde; zweitens hatte ich genug von den düsteren Wäldern und sehnte mich nach den ungeheuern, unbekannten Flächen, die nördlich des dritten Breitengrades vorhanden sein sollten. Dort gab es Indianer eines völlig von jenem der dichten Dschungeln verschiedenen Typs, den kürzlich entdeckten „Felsen der Inschriften“, die Kristallberge und die unerforschten Steppen des Amazonenstroms.
Skizze der Steppen des Rio Branco.
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GRÖSSERES BILD
Der Flußdampfer, auf dem ich mich am 12. September einschiffte, war sehr klein und hatte nur wenig Tiefgang. So langsam war seine Fahrt gegen die Strömung, daß Stunden auf dem offenen, sonnenhellen, blauschwarzen Rio Negro verflossen, ohne daß unser Fortschritt recht bemerkbar wurde. Die weißen Häuser und Türme von Manáos, die ihm einen östlichen Anstrich verleihen, schimmerten im Licht der sinkenden Sonne, überragt von der grüngoldenen Kuppel des nutzlosen Theaters und eingefaßt von der frischen tropischen Vegetation und den Klippen aus rotem Sandstein. Dahinter wogte es wie Feuer um den untergehenden Sonnenball über den unbekannten Wäldern des brasilianischen Guayana. Träge kämpften wir uns gegen die schnelle Strömung an S. Raymundo vorüber, der hübschen, kleinen und durch seine Wäscherinnen berühmten Vorstadt von Manáos, an der drahtlosen Station und endlich an dem Igarapé vorbei, der durch überschwemmte Wälder zu den Fällen von Tarumá führt. Und dann ging’s hinaus in die nachtverhüllte Wildnis auf dem sternenhellen Fluß.
Nirgends im Amazonengebiet spiegeln sich die zahllosen Lichtpunkte des indigoblauen Himmelsgewölbes in gleicher Pracht auf der ruhigen Oberfläche der Flüsse wie auf den schwarzen Wassern des Rio Negro. Zuzeiten ist die Wirkung geradezu zauberhaft. In stillen, mondlosen Nächten ist man von Sternen wie umgeben. Solange noch der Widerschein der Schiffslichter auf dem Wasser liegt, ist der Eindruck schwächer; zu später Stunde aber, wenn sie abgeblendet sind, ist’s, als schwebte man langsam durch einen sternenerfüllten Raum.
Auf diesen Flußdampfern speist man unter einem Schutzdach auf dem Hinterdeck, und wäre die Verpflegung nur einigermaßen gut, so könnten solche Reisen auf den stärker befahrenen amazonischen Flüssen von und bis zu der Endstation ganz gemütlich und außerordentlich unterhaltend sein. Die Speisekarte besteht mit wenigen Unterschieden aus in Baumwollsamenöl gebratenen Eiern, schwarzem Kaffee und Farinha, einem wie Sägemehl schmeckenden, aus Mandioka bereiteten Brei, Konservenfleisch, Goyabagelee und getrockneten Süßwasserfischen. So geht es, je nachdem, tage- oder wochenlang fort in der beständigen Hitze der Wälder und Flüsse und nimmt der sonst landschaftlich wundervollen Fahrt jeden Reiz. Die Reise wird so zu einer Frage der Ausdauer, einer Vorprüfung für die unendlich größern Entbehrungen, wenn das „Mutum-Mutum“, wie die halbzivilisierten Indianer das Dampfboot nennen, erst Hunderte von Meilen hinter uns liegt und die Wildnis uns aufgenommen hat mit ihren Ansprüchen an Kraft, Zähigkeit und Unverdrossenheit, mag auch alles noch so sorgfältig vorbereitet und organisiert worden sein.
Die Landschaft am Rio Negro ist gänzlich verschieden von der an den meisten amazonischen Flüssen. Im Osten begleiten seinen Lauf Hügelketten, im Westen viele überschwemmte Wälder. Die Hügel erheben sich über die in den breiten Fluß vorspringenden Sandsteinklippen und kleiden sich in das Grün der tropischen Vegetation, das beständig andere Töne annimmt. Nach Süden und Westen schaut man meilenweit über den wilden, unerforschten Dschungel, die Heimat unbekannter Stämme, deren Jagdgründe und Maloccas sich meistens in weiter Ferne in den düstern Wäldern befinden, die wie dunkle Wellen den dunstigen, blaugrauen Horizont umsäumen. In diese Richtung erstrecken sich viele lange Igarapés, und weit draußen trifft das Auge auf glänzende Flecken, die verraten, daß sich dort namenlose Waldseen befinden. Erklimmt man einen der Hügel, so fliegt der Blick über unendliche Strecken tropischer Wälder, was in diesem unermeßlichen Gebiet von fünf Millionen Geviertkilometer sonst nur selten in Flußnähe der Fall ist.
Vorübergehend halten wir an einigen Caboclohütten und Lehmziegelhäusern namens Tauapersassu und Ayrao und endlich an dem trübseligen und verwahrlosten Städtchen Moura, 274 Kilometer von Manáos. Fast gerade gegenüber der verfallenen Niederlassung mischen die Gewässer des Rio Branco ihre weißen Streifen und Flecken in die schwarze Flut des Rio Negro. Er ist noch weitere 400 Kilometer bis Santa Isabel schiffbar, aber während der Niederwasserzeit von Dezember bis März nur für Dampfboote mit sehr kleinem Tiefgang. Jenseits Santa Isabel beginnen dann zahlreiche Stromschnellen und gefährliche Felsriffe.