Es wäre irreführend zu behaupten, daß dieser Stamm von Wilden zum Kannibalismus neigt. Solange endgültige Beweise fehlen, sollte das Gegenteil angenommen werden. Denn Kannibalismus im vollsten Sinn des Wortes kann bis jetzt keinem einzigen Stamm der großen amazonischen Waldgebiete zur Last gelegt werden. Allerdings besteht nur wenig Zweifel, daß sie kannibalische Gebräuche ausüben. So pflegen sie eine Schale Blut von gewissen erlegten Tieren zu trinken, im Glauben, dadurch der Stärke, Schlauheit oder Klugheit ihrer Opfer teilhaftig zu werden. In dieser Hinsicht gleichen sie den Kaschibosindianern am Ucayali und den Uaupés am gleichnamigen Fluß, die die Knochen der im Kampf erschlagenen Feinde zerstoßen, das Pulver mit gegorenem Fruchtsaft mischen und es dann trinken, um sich der Stärke oder Klugheit des toten aber bewunderten Gegners zu versichern. War der Überwundene schwach, feig oder leicht zu besiegen, so wird der Kopf als Trophäe abgeschnitten und der Rumpf in den Wald geworfen oder als Lockspeise für Raubtiere verwandt. Anscheinend nehmen die Weiber an derartigen Gebräuchen nicht teil, doch bin ich dessen nicht sicher. Jedenfalls habe ich keinen Beweis, daß Kannibalismus unter jenen Stämmen herrscht, und glaube, daß es sich dabei um eine irrtümliche Anschauungsweise handelt.
Am Abend des zweiten Tages führten uns die Itogapuks einen Kriegstanz vor. In ihrem Schmuck von Vogelfedern und Fußringen boten sie einen barbarischen Anblick auf dem charakteristisch tropischen Hintergrund von Palmwedeln und breiten Paicovablättern. Aus der Darstellung eines Angriffs scheint hervorzugehen, daß die 2 Meter langen Kriegsbogen erst über den Kopf gehalten werden, während die Sehne bis zur Schußlage gespannt wird. Dann senkt sich der Bogen mit dem langen gefiederten, mit vergifteten Widerhaken versehenen Pfeil bis zur Augenhöhe, ehe der Pfeil abfliegt. Nach den Leistungen dieses Indianerstamms zu urteilen, ist die Treffsicherheit weit übertrieben worden. Auf ganz kurze Entfernung vermag der Schuß tödlich zu wirken, muß aber die Flugbahn in Betracht gezogen werden, so ist die Treffsicherheit sehr gering. Der Tanz besteht aus einem langsamen Hin- und Herschieben der Füße, Schwenken der nackten Körper, Vorgehen und Zurückweichen unter wildem Geschrei und noch wilderer Musik von Flöten und hohlen Kalabassen. Nur am Schluß unterschied er sich von ähnlichen vorher und nachher beobachteten Tänzen, als die Gefangennahme der Weiber und Mädchen durch die Sieger dargestellt wurde. Jeder der Leute suchte sich ein Mädchen aus, warf sie in die Luft und rannte mit der kreischenden Beute in seine Malocca zurück.
Am nächsten Morgen verließen wir das Dorf der Itogapuks und fuhren den kleinen Igarapé hinab zu unserm Lager am Aripuanan. Auf seinem Oberlauf wird er von den wenigen Caboclos „Castanho“ genannt, die in diese entlegenen Gegenden kommen, um Kautschuk zu sammeln.
Zwanzig Tage später erfreute ich mich einer guten europäischen Mahlzeit in dem wohlbekannten Café der „Avenida“ in Manáos.
Auf dieser Reise, in Manicoré, hörte ich zum erstenmal von Major Tito Neves, der damals einen Besitz am Marmellosfluß hatte, dem ungesundesten unter allen Nebenflüssen des großen Madeira. Als ich auf einem Vergnügungsausflug viele Monate später nach Manáos kam, war die Geschichte der Taten dieses Mannes in den Tiefen der Wälder im Druck erschienen und verbreitet worden. Für die Wahrheit der Darstellung kann ich persönlich nicht stehen, aber meine Quellen scheinen zuverlässig zu sein, und außerdem liegen die Berichte auf Portugiesisch im Druck vor. Ich will hier nur einen kurzen Abriß geben als Illustration der Behandlung der Indianer seitens gewissenloser Leute und des merkwürdigen Abenteurerlebens im Amazonengebiet.
Der Maicyfluß teilt sich in zwei Abschnitte. Am Unterlauf, nahe seiner Mündung, sitzen die Pirahanindianer, während der Oberlauf und die Gebiete um den Maicy-Mirimé und Gy-Paraná die Domäne der kriegerischen Parintintins bilden, von denen in früheren Kapiteln die Rede war. Zwischen diesen zwei Stämmen herrschte eine Blutfehde bis zum Erscheinen der Offiziere des Indianeramts in den allerletzten Jahren. Der Maicyfluß war der Schauplatz beständiger Stammeskriege, und um Frieden zu stiften wurden Stationen des Indianeramts an der Mündung und zwischen den düstern, von den Pirahans und Parintintins bewohnten Waldgebieten errichtet. Später kam noch die schon erwähnte Station am Maicy-Mirimé dazu, die die Aufgabe hatte, mit den Parintintins in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Diese drei Stationen verwandeln allmählich den Fluß aus einem Schauplatz blutiger Kämpfe in eine Gegend des Friedens.
Gegenüber der Station am mittleren Maicy befinden sich die Dörfer der Pirahans. Hier spielte sich das Folgende ab. Wie man erzählt, überfiel Major Tito Neves die Dörfer mit bewaffneter Macht, vertrieb die Indianer aus ihren Maloccas und Tapirys, nahm ihre kleinen Pflanzungen in Besitz und machte viele von ihnen zu Sklaven, um die umliegenden Wälder von brasilianischen Nußbäumen auszubeuten.
Nach der Ernte verbrannte Neves die Dörfer mit der Absicht, die Indianer an der Rückkehr zu hindern und zog sich selbst mit dem Gewinn nach Manicoré zurück. Später baute er eine Barraca nächst dem zerstörten Dorf, aber ein ungeheurer Baum fiel auf das Gebäude und zertrümmerte es. Und so abergläubisch sind die Caboclos oder Mischlinge, daß ihn fast alle seine Arbeiter verließen, weil sie den Unfall für eine Schickung der Vorsehung hielten.
Diese kleine Geschichte, die „Neves’ Schatten“ heißt, bietet an sich nichts Besonderes. Doch braucht man nur ein wenig Einbildungskraft, um sie mit schauerlichen Einzelheiten auszufüllen. Aber freilich hat alles zwei Seiten, und neben dieser Geschichte erzählt man eine andere in Porto Velho von dem Überfall einer Plantage durch die Indianer mit Mord, Brandstiftung und Zerstörung, ohne daß die Regierung den betreffenden Stamm zur Rechenschaft zog. Die beiden Geschichten sollen nur als Illustration dienen für Typen und Zustände in den verschlungenen Wäldern und ungesunden Flußgebieten dieser Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei.