Die Itogapukweiber haben das Haar kurz geschnitten und mit einem Strohband eingebunden. Um den Hals tragen sie Halsketten aus braunen und weißen Samenkörnern, oft in mehreren Reihen. Einige hatten sich Bänder aus gefärbtem Stroh um jede Schulter gewunden und auch um die Lenden, Arme, Hand- und Fußgelenke. Säuglinge wurden auf dem Hüftbein der Mutter umhergetragen. Die Kinder hatten Lieblingsaffen, die auf ihren Händen oder Schultern saßen. Eines der Weiber trug schwere Ohrringe aus schwarzem Stein, aber der Gebrauch, das Ohrläppchen zu verlängern, scheint bei ihnen nicht zu bestehen.

Mehrere Weiber hatten durchbohrte Oberlippen, so daß an einen allgemeinen Brauch ohne Rücksicht auf das Geschlecht gedacht werden müßte. Da aber weder Kinder noch junge Leute in solcher Weise entstellt waren, mag es sich um Heirats-, Alters- oder Standesabzeichen handeln. Obwohl Männer und Weiber Tag und Nacht nackt unter einem gemeinsamen Dach leben, war nichts Unschickliches zu bemerken, auch nichts von jenen schrecklichen Krankheiten, die in den Ansiedlungen nur zu sichtbar hervortreten.

Die Kriegsbogen waren aus dunkelm, mahagonifarbigem Holz verfertigt und über zwei Meter hoch. Solch einen Bogen ganz zu spannen erforderte beträchtliche Kraft. Dazu gab es drei verschiedene Pfeilarten: die einen mit abgestumpfter Spitze für die Vogeljagd; die zweiten mit breiten, scharfen Holzschneiden für die Jagd auf den Tapir, den Jaguar und Wildschweine; ferner Kriegspfeile mit häßlich vergifteten Widerhaken, die von einer Scheide geschützt waren. Als Speer wurde nur eine lange Lanze gebraucht mit Vogelfederverzierungen am Griff. Sie dient hauptsächlich zum Anspießen bei der Jagd auf Schildkröten, Fische, Alligatoren, Schlangen und Leguane (Eidechsen).

Die Itogapuks glauben an gute und böse Geister, unter denen sie gleichsam die belohnenden und rächenden Engel eines höchsten und unsichtbaren Gottes zu verstehen scheinen, den man sich auf der Sonne oder auf dem Mond wohnend vorstellt. Sie müssen durch Festmähler und die Martern junger Mädchen versöhnt werden, aus denen man dadurch das Böse austreibt und die man damit gehorsam und fügsam macht. Kinder scheinen nicht viel zu gelten, obgleich sie anscheinend gut behandelt werden. Im Alter von zehn Jahren werden die Mädchen dem Mann verlobt, der am meisten für sie zahlt. Von da an leben sie am Gemeinschaftsfeuer ihres Herrn und Gebieters. Waisenkinder werden weggegeben, und auf diese Weise gelangten ein kleines Mädchen und ein Junge des Stammes zur Erziehung nach Manáos.

Die Kinder sind ein vergnügtes, lachendes Völkchen. Den ganzen Tag treiben sie sich mit ihren zahmen Affen spielend umher. Eins oder zwei trugen Halsketten und Amulette aus dem geglätteten Holz der Tucunapalme oder Schnüre von braunen und weißen Samenkörnern. Ein etwa zwölfjähriger Junge war unendlich stolz auf seinen Kopfschmuck aus dem Fell eines schwarzen Jaguars, der in dieser Gegend sehr selten vorkommt.

Unser Nachtlager wurde am Rand des Igarapés aufgeschlagen, an der Seite des Indianerdorfes. Die Frösche vollführten ein schreckliches Gequake die ganze Nacht hindurch, die durch Schwärme von Insekten aller Gattungen noch unerquicklicher gemacht wurde. Merkwürdigerweise geschah es in der ersten Nacht, die ich bei diesen Wilden zubrachte, daß ich Bekanntschaft mit dem Vampir machte. Die Luft war ganz still und furchtbar heiß. Unter dem Moskitonetz konnte ich kaum atmen, und schon nach ein paar Minuten war ich im Schweiß wie gebadet. Stundenlang lag ich so wach und hörte dem Froschkonzert im nahen Sumpf und dem Gesumm der zahllosen Insekten zu.

Dann war ich doch wohl ein wenig eingenickt und mußte das Moskitonetz während meines unruhigen Schlafes von den Füßen weggeschoben haben. Als ich gerade vor Tagesanbruch erwachte, hatte ich ein seltsam kühles, kitzelndes Gefühl in den Füßen. Ich knipste die kleine elektrische Taschenlampe an, die ich für Notfälle immer bei mir trage, und erblickte in ihren Lichtstrahlen einen großen Vampir, der seine häutigen Flügel auf- und zuklappte, während er das Blut aus einer Wunde in meinem linken Fuß sog. Durch das Licht geblendet, flog das ekelhafte Geschöpf in das Moskitonetz und flatterte dann davon in die noch sternenhelle Dämmerung.

Ich brachte das Netz wieder in Ordnung und untersuchte den Fuß, an dessem Rist ein kleiner tiefer Einschnitt zu sehen war, aus dem Blut träufelte. Am nächsten Morgen fühlte ich mich recht schwach, ob durch den Blutverlust oder den Mangel an Schlaf, vermag ich nicht zu bestimmen. Meine Fußgelenke waren von den Bissen der Moskitos so verschwollen, daß ich in die Tourenstiefel nicht hineinkam und mich mit den weichen Moskitoschuhen behelfen mußte, die ich bisher nur am Abend im Lager oder im Kanu der Bequemlichkeit wegen getragen hatte.

Am selben Tag gelang es mir, eine der seltsamen Maloccas zu betreten. Die Itogapuks haben an ihren Strohhütten zwei sehr niedrige Eingangsöffnungen, so daß ich fast auf allen vieren kriechen mußte, um hineinzukommen. Im Innern war es fast finster bis auf das trübe Licht, das von den Eingängen herkam. Von schwelenden Feuerstellen war nichts zu sehen wie in den Maloccas der Indianer am Tapajóz und Gy-Paraná. Außer einem Weidenkorb mit Früchten, mehreren Flaschenkürbissen und einer hölzernen Schüssel zum Ausquetschen der Mandioka gab es keinerlei Hausgerät. Mehrere Bogen lehnten an der Strohwand, und eine Anzahl von Pfeilen steckte in der Erde in eigens dafür gemachten Löchern. Auf dem Boden lagen ein oder zwei Felle, die den Raum für jede Familie abgrenzen. Denn die Malocca war recht groß und mochte etwa 10 Meter im Durchmesser halten und 4½ Meter hoch sein. Durch die beiden Öffnungen läßt sich im Fall eines Angriffs schnell das Freie gewinnen. Die eine ging auf den Igarapé hinaus, die andere auf die Lichtung.

Unter dem Ufergebüsch lagen die Kanus verborgen, leichte, aber sehr starkgebaute Fahrzeuge aus Rinde, die durch Spreizen offen gehalten wird. Den ausgehöhlten Stämmen der Caripunas waren sie weit überlegen und glichen mehr den Kanus der Parintintins. In jedem Kanu befand sich ein wasserdichter Flaschenkürbis, der innen an dem gekrümmten Holzstück befestigt war, das als Bug- und Sternpfosten dient. Aus dieser starken Versteifung der Boote ging hervor, daß die Itogapuks geschickte Kanuleute sind, die auch Fahrten über die Stromschnellen nicht scheuen. Doch scheint es sehr unwahrscheinlich, daß sie den Aripuanan befahren, der den Kautschuksammlern mehr oder weniger bekannt ist und von ihnen besucht wird. Die Wilden hassen diese Leute, denn sie haben zu viel unter ihren stets schußbereiten Winchesterbüchsen gelitten. Die Quelle und die Zuflüsse des kleinen Madeira sind noch immer unbekannt, und vielleicht entdeckt man eines Tages, daß er in einen größeren Fluß führt oder einen der Nebenflüsse des Madeira, wodurch eine Kreisverbindung mit dem Aripuanan hergestellt wäre. Wie dem auch sein mag — die Itogapuks sprachen von dem „großen weißen Wasser“ und dem „See der Piranha“. Dieser Fisch, der auch Menschen angreift, kommt in vielen amazonischen Flüssen vor. Er ist mehr gefürchtet als der „Jacaré“ oder Alligator, den man sehen kann, während die Piranha plötzlich aus der Tiefe auftaucht und über Wasser zuschnappend mit ihren messerscharfen Zähnen einen Finger, eine Hand oder die Zehen abbeißt.