Das Uaupé- oder Uaupécarevolk, wie es auch heißt, teilt sich in 21 Unterstämme, die 15 verschiedene Dialekte sprechen. Jeder Stamm hat einen Namen, der zu seinen hauptsächlichsten Gewohnheiten oder Gebräuchen in Beziehung steht. So gibt es Tapuras (Tapirs), Tucunderas (Ameisen), Banhunas und Cubeus (Menschenfresser), Tucanos (Tukans), Piriacurus (Fische), Pesas (Netze) und noch andere, die alle das malariaverseuchte, gewundene Flußtal bewohnen.
Die Sitte verbietet Zwischenheiraten unter ihnen. Kann ein Mädchen nicht im Kampf mit einem benachbarten Stamm erbeutet werden, so muß der Heiratslustige sie aus gewissen Stämmen des Uaupévolks nehmen, in die hineinzuheiraten gestattet ist. Diese sind friedliche Ackerbauer, während die kriegerischen Stämme von gegenseitigen Raubzügen oder der Brandschatzung benachbarter Indianerstämme leben.
Der Fluß und die Indianer tragen offenbar ihren Namen von einem kleinen Vogel „Uaupé“ oder „Glanzkopf“, der seines schöngefärbten Köpfchens wegen so heißt. Stirbt ein Uaupé, so wird der Leichnam den Raubvögeln überlassen, bis sie ihn zum Skelett abgenagt haben. Die Knochen werden dann zu Pulver zerrieben, mit einem berauschenden Getränk vermischt und von allen Verwandten getrunken. Diesem widerlichen Brauch liegt die Vorstellung zugrunde, daß „es besser ist, sich im Innern eines Freundes als eines Insekts oder Reptils zu befinden“.
Die Waffen der Uaupés bestehen aus Lanzen, Blasrohren, Bogen, vergifteten Wurfspießen, Wurfpfeilen, Pfeilen und Keulen. In mancher Hinsicht scheinen sie den Ocainas zu ähneln, die ich später am Putumayo traf, da sie, nach Rabeque, sich auch am ganzen Körper zwei- oder dreimal des Tags mit gewissen Blättern abreiben.
Das Interessanteste an den Uaupés, weil einzig dastehend, ist vielleicht ihre Verehrung des Juripari, die in den wenigen Religionen und Mythologien anderer amazonischer Stämme kein Gegenstück hat. Es gibt bei ihnen Zauberdoktoren oder „Payés“, aber sie glauben weder an einen Gott noch an einen unsichtbaren Schöpfer. Alle sind diesen Payés untertan, und sogar die Kinder werden streng überwacht und müssen eine Art Katechismus lernen, der nichts enthält als eine Aufzählung ihrer Naturbeobachtungen.
Der Mittelpunkt ihrer rohen Kultur ist eine Art Teufelsgottheit, namens Juripari, und die ganze Religion ist auf einen Geheimdienst gegründet. Ungefähr sechsmal im Jahr wird in einer der Riesenmaloccas das Fest des Juripari begangen. Aus verschiedenen gegorenen Früchten bereitet man ein berauschendes Getränk in ungeheuren Mengen und vermischt es mit zu Pulver gestoßenen menschlichen Gebeinen. Die Payés legen ihre grotesk bemalten Masken an und führen unter dem Klang von Bambusflöten, unheimlichem Geschrei und allerhand Körperverdrehungen eine Art Prozession durch den Wald. Vernehmen die unverheirateten Weiber des Stammes die „Juriparimusik“, so fliehen sie in die Wälder und warten auf ein Zeichen, das sie herbeiruft. Inzwischen versammeln sich die jungen Männer, um sich einer gewissen Operation zu unterziehen, bei der kein junges Mädchen zusehen darf.
Wenn das vorbei ist, ziehen die älteren Männer und Weiber in den Wald und holen die unverheirateten Mädchen, die auf sie gewartet haben. Oft sind sie Gefangene von andern Stämmen. Sie werden in die Malocca geleitet und nach einer Untersuchung durch die Payés ihren betreffenden Gatten nach irgendwelchen geheimnisvollen Regeln übergeben. Der Bräutigam beschreibt genau den Mädchentyp, den er zu heiraten wünscht, mit allen körperlichen Vorzügen, auf die er Wert legt, ehe er noch die Gefangenen gesehen hat. Etwa ebenso, wie auch die Europäer ihrer Vorliebe für große, kleine, blonde oder brünette Frauen Ausdruck geben. Der Unterschied ist nur, daß die Payés bis ins kleinste gehende Einzelheiten verlangen, ehe sie zur Verteilung schreiten. Ist kein Mädchen vorhanden, das den Forderungen des Heiratslustigen in jeder Hinsicht entspricht, so muß er bis zum nächsten Fest warten oder bei den Stämmen, in die einzuheiraten ihm gestattet ist, selbst auf die Suche gehen und die Gefangene dann zu einer neuen Feierlichkeit mitbringen. Geburten verlaufen fast schmerzlos und ohne Beschwerden für die Mutter, weil an den Mädchen schon von früher Kindheit an gewisse Operationen vollzogen werden. Erblickt ein Mädchen die heiligen Zeremonien des Juripari, die vor den Masken der Teufelsgottheit am Beginn des Festes stattfinden, so muß sie einen grausamen Tod durch Gift erleiden.
In der Londoner Times war vor einigen Jahren zu lesen, daß zwei Missionare die unsagbaren Greuel des Juriparidienstes abzuschwächen hofften, indem sie die heiligen Kultsymbole und Messer dem versammelten Stamm zu Gesicht brächten. Es gelang ihnen auch durch eine List, die Gegenstände der Stammesverehrung dem allgemeinen Anblick darzubieten. Die Weiber flohen entsetzt, und in einer Beratung der Payés ward entschieden, daß zur Besänftigung der erzürnten Götter von den Mädchen, die die heiligen Symbole erblickt hatten, jedes zehnte durch Gift sterben müsse. Der schauerliche Beschluß gelangte sofort zur Ausführung. Die Leichen wurden in riesigen irdenen Urnen verschlossen und unter der Maske des Juripari begraben. Natürlich gibt es verschiedene Symbole dieses seltsamen Kults, aber bisher haben so selten Weiße auch nur einem Teil der Zeremonien beigewohnt, daß sehr wenig darüber bekannt ist. Der Juriparidienst bildet noch heute zum größten Teil eins der unenthüllten Geheimnisse der großen Wälder.
14. Den Chimbiri-Yacu flußaufwärts.
Am Unterlauf des Rio Branco ist das Klima sehr feucht und ungesund. Als ich auf der Rückkehr nach Manáos aus der weiten, offenen Steppe an der Grenze durch den dichten Waldgürtel kam, hatte ich abwechselnd Schweißausbrüche, Fieberanfälle und Schüttelfröste zu überstehen. Aber der starke Malariaanfall verging, noch ehe ich Manáos erreichte. Der Anblick eines schönen Boothdampfers am Quai, 1600 Kilometer fern von der Zivilisation, tat das übrige, und so kehrte ich im schönsten Wohlleben nach England zurück.