Zwölf Monate später war ich wieder im Amazonengebiet. Diesmal berührte ich die freundliche, kleine Dschungelstadt Manáos nur auf der Fahrt den meeresgleichen Strom weitere 1600 Kilometer hinauf nach Iquitos im nordöstlichen Peru. Über den Solimões, wie der Amazonenstrom zwischen der Mündung des Rio Negro und der Grenze Perus genannt wird, ist nicht viel zu sagen, außer daß die Ufer nicht mehr so tief sind und bei Hochwasser oft halb überschwemmt werden. Die rote Erde blickt zuweilen durch das lastende Dickicht der prächtigen tropischen Vegetation, und Riesenflöße aus amazonischen Hölzern mit winzigen Palmstrohhütten darauf werden von der Strömung flußabwärts getragen. Dann wieder gleiten vom Grund gelöste Palmeninseln majestätisch vorüber, deren grüne Wipfel wie Segel in der Sonne schimmern. Und immer noch begleiten die Mauern der großen tropischen Wälder den Reisenden auf seiner 5000-Kilometer-Fahrt durch den Kontinent. So heftig wütet unter dem dunkeln Blättergewölbe der Kampf ums Dasein, daß nur die Bäume, die sich zum Licht durchringen, auf dauerndes Leben hoffen dürfen. Die andern sterben dahin und fallen den gefräßigen Ameisen zum Opfer. Viele ersticken auch in der verhängnisvollen Umarmung der Lianen. Nachdem sie ihnen Menschenalter hindurch als Stützpunkte gedient haben, fallen sie endlich unter ihrer würgenden Umklammerung.

Einige, wie die Assaipalmen mit ihren schönen, federgleichen Wedeln, streben empor, bleiben aber schwach aus Mangel an Licht und Luft. Im Zwielicht welken sie, ehe sie das düstere grüne Dach durchbrochen haben. Viele Parasitenpflanzen, wie die Orchideen, nehmen die Gastfreundschaft der lebenskräftigeren Waldgewächse in Anspruch. Den Reisenden überschleicht der Wunsch, all diese schwelgerische Schönheit möchte der Welt auf der Leinwand dargeboten werden. Aber ein Bates oder ein Wallace mit ihren Kenntnissen von tausend Arten müßten zugleich die Kunst eines Landseer oder Salvator Rosa beherrschen, um das uralte amazonische Pflanzenschlachtfeld im Bild wiederzugeben.

Bei den wilden Tieren, den Vögeln, Reptilien und Insekten ist es nicht viel anders. Die wenigen Großen leben von den zahllosen Kleinen. Nur die Insekten sind durch die Jahrhunderte hindurch an Anzahl gleichgeblieben. Die Raubtiere, wie der Jaguar und der Alligator, ziehen sich vor dem Dampfschiff und dem sich allmählich ausbreitenden Verkehr in die Seitenflüsse zurück. Und die schwächeren und weniger behenden Tiere, wie die Seekuh und die Schildkröte, fallen dem Nahrungsbedürfnis der vorrückenden Menschenarmee zum Opfer, die ihre geliebte Wildnis zerstören würde, wenn das die Üppigkeit der Natur zuließe.

Wer philosophisch über solche Fragen nachdenkt, während die Tage auf dem breiten Solimões vorüberziehen, kann sicher sein, sich dadurch den wundervollen Eindruck des Flusses, Urwalds und schimmernden Himmels zu verderben. Hitze, Stille und das Gefühl der Abgeschiedenheit von der menschlichen Gesellschaft sind ebenso viele Feinde vernünftigen Nachdenkens. Wie die sandbedeckten Wüsten und arktischen Schneefelder sind die großen tropischen Wälder die Stätten des Schweigens, wo der Mensch sich seiner Bedeutungslosigkeit und seiner Anmaßung bewußt wird. Am besten ist es hier, nicht unter die Oberfläche zu sehen; die Tiefe führt zum Wahnsinn. Nicht wenige brave Männer sind so zugrunde gegangen auf ihren Wanderungen durch die dämmrigen Hallen der Wälder, bis zur Brust im schlammigen Untergrund der Tausende von Kilometer langen Uferstrecken versinkend; oder sie wurden, laut vor sich hinredend, am Verhungern oder gestörten Geistes aufgefunden. Die Roosevelt-Rondon-Expedition traf solch einen Verirrten Hunderte von Meilen fern jeder Zivilisation; ein anderer starb im Candelaria-Krankenhaus; ein dritter ließ eine letzte, unzusammenhängende Botschaft an einem Baum am Rio Branco zurück; und das sind nur ein paar, wie sie mir gerade einfallen. Ein Grauen geht aus von den schlangenverseuchten Sümpfen, den ekelhaften Insekten, scheußlichen Krankheiten und Todesarten, den unverständlichen Kulten, sonderbaren atmosphärischen Stürmen, dem unheimlichen Zwielicht, der drückenden Hitze und Lautlosigkeit, den giftliebenden Eingeborenen und den erstickenden Düften der Verwesung ringsum. Und doch ringt sich überall das Leben durch. Da sind wir in Coary, einer kleinen, von Petroleum erleuchteten Caboclostadt. Dann folgt Tabatinga, der Grenzposten mit seiner dunkelfarbigen Garnison, am breiten, sonnenhellen Fluß inmitten einer frischgrünen Vegetation. Also warum nachgrübeln über die unsichtbaren Tiefen einer noch immer vom Schleier des tiefsten Geheimnisses verhüllten Gegend der Erde?

In der Nachbarschaft von Tabatinga, an der Grenze Brasiliens und Perus, leben die Überbleibsel der einst mächtigen Tacuná-Indianerstämme. Nur einige Meilen von der Niederlassung entfernt treiben sie sich noch in den Wäldern umher, nackt und um den Mund herum tatauiert, so daß sie wie Affen aussehen. Auch die Weiber und selbst die älteren Kinder haben die Gesichter mit Linien von den Mundwinkeln bis zu den Ohren bemalt. Ohne diese scheußliche Kriegsbemalung würden die Tacunás zu den bestaussehenden und bestgeformten Indianern im Amazonengebiet gehören. So wie sie aber sind ist ihre Erscheinung im höchsten Maß grotesk. Sie glauben an einen guten Geist „Nanuloa“ und einen bösen Geist, den sie „Locazy“ nennen. Nach dem Tod geht die Seele in das Heim des guten Geistes. Der Leichnam wird zusammengebogen, bis die Hände und Füße sich berühren, dann in einer riesigen irdenen Urne verschlossen und begraben. Man kann solche wiederausgegrabene Urnen mit dem Skelett drin in einigen der kleinen Uferniederlassungen käuflich erwerben. Die Tacunás tragen Halsketten aus den Zähnen von Affen und Jaguaren, schmücken Kopf und Arme mit Federn und verstehen das wirksamste Gift im ganzen Amazonengebiet zu bereiten.

Bei Pebas fährt der kleine Flußdampfer in eine Bucht am Nordufer ein und legt dort vor einem buntscheckigen Haufen von Lehm- und Strohhütten und ein paar verputzten Barracas an. Ein kleiner Fluß läuft von hier landeinwärts gegen den Putumayo. An seiner inselreichen Mündung waren wir einige Meilen vorher vorübergekommen, während sanfter Mondschein auf diesem Gewässer einstiger Greuel schimmerte. Die Yáhuasindianer kommen den Fluß herab, um ihre eigenartigen Erzeugnisse an einen Kaufmann in Pebas zu verhandeln.

Diese Indianer sind noch wild, aber verhältnismäßig harmlos. Sie kleiden sich in Umhänge und Röckchen aus Gras und sind die Nachkommen jener Wilden, die vor Jahrhunderten auf Orellana einen so starken Eindruck machten, als er seine berühmte Entdeckungsreise den Rio Napo herab vollführte. Er glaubte damals, von einem wilden Stamm kriegerischer Weiber angegriffen zu werden, den Amazonen. Auf in Pebas aufgenommenen Photographien einiger Yáhuasmänner tritt ihre Ähnlichkeit mit Frauen auffallend hervor.

Die Yáhuas, die auch unter mehreren Namen bekannt sind, gehören zu einem Unterstamm der Orejonesindianer. Sie bemalen ihren Körper mit dem roten Saft des „Achiote“ und wohnen am Yáhuafluß, einem kleinen Nebenfluß des Putumayo, von dem der Stamm seinen Lokalnamen erhielt. In der Nähe von Pebas befindet sich eine Missionsstation, die unter diesem und den benachbarten halbwilden Stämmen eine segensreiche Tätigkeit ausübt. Der Rest dieses Indianervolks wohnt an den Ufern des obern Putumayo und des Napo.

Die letzten 160 Kilometer Flußfahrt vor der Ankunft in Iquitos sind von Inseln und dem Ästuar des Napo unterbrochen, den Orellana herabkam, als er 1539 den Amazonenstrom entdeckte. Auf beiden Seiten dieses Abschnitts des Hauptstroms gelangt man schon sehr bald auf einem oder dem andern der Nebenflüsse oder Igarapés in das Gebiet halbwilder Stämme.

Die kleine Niederlassung von Iquitos, etwa 3500 Kilometer vom Atlantischen Ozean entfernt, macht gegenwärtig einen armseligen Eindruck, wobei die Schuld mehr an der Untätigkeit der Regierung als an der seiner Einwohner liegt. Sie steht auf einer Uferbank des Marañon, die von der Strömung beständig unterwaschen wird. Aus verschiedenen Anzeichen ist zu schließen, daß der Amazonenstrom in weit zurückliegender Zeit den Teil eines Binnenmeeres bildete. In einer Schicht werden Muscheln gefunden, die man allgemein für solche von Meerfischen hält.