Velasco nimmt an, daß die Kampasstämme Nachkommen der Inkas der andinen Hochebenen sind. Mit dieser Ansicht bin ich jedoch keineswegs einverstanden. Ich bin unter den Aymaras (Inkas) und Cholos (Mischlinge) der großen andinen Hochebenen gereist und kann keine Übereinstimmung zwischen den Bergbewohnern und den Waldindianern finden. Einige Stämme am Fuß der Anden stehen wohl auf einer etwas höheren Kulturstufe als jene im Herzen der großen Urwälder des Amazonengebiets. Aber das kommt daher, daß sie sich näher der Zivilisation der spanischen Verwaltung befanden; und andere Stämme gehören zu den wildesten des ganzen Kontinents, was man nicht vergessen darf. Man hat den Umstand zu ihren Gunsten ins Treffen geführt, daß sie im allgemeinen irgendeine Kleidung tragen. Aber auch das ist sehr irreführend, denn viele, die das Kusma tragen, solange sie mit der Zivilisation in Berührung stehen, legen es wieder ab, wenn sie in ihre Waldheimat zurückkehren. Diejenigen aber, die dieses Kleidungsstück auch in ihren Dörfern tragen, wie die Chunchos, tun es hauptsächlich, weil sie nahe den Bergen wohnen, von woher nach Anbruch der Nacht kühle Winde wehen.

Die tiefeingewurzelte Abneigung und das Mißtrauen der Ungoninos gegen den Weißen machten genauere Untersuchungen über ihr Leben, ihre Sitten und ihren Glauben unmöglich. Alle meine Bewegungen wurden von bewaffneten Leuten peinlich überwacht. Nur einige jüngere Mitglieder des Stammes, deren Erinnerungen nicht bis in die dunkelsten Tage der Verfolgungen reichten, ließen sich zu längeren Gesprächen herbei. Augenscheinlich wurde die Stimmung des Stammes von Tag zu Tag verdrossener und gefährlicher. Nach vier Tagen gab ich endlich widerstrebend alle weiteren Forschungen auf. Als die Balsa die Mitte des Flusses erreichte, fiel ein Schauer von Pfeilen, gleichsam als demonstratio ad oculos, ins Wasser hinter das Floß. Unter den Händen der Chunchos bogen sich die Stangen, so strengten sie sich an, das leichte Fahrzeug ins offene Wasser hinauszubringen, und dabei hätten sie mich beinahe von der glatten Oberfläche ins schokoladenbraune, von Alligatoren wimmelnde Wasser hinabgestoßen.

Sieben Tage später bestieg ich ein Maultier und ritt auf rauhen Pfaden gegen die ferne, schimmernde Linie der großen, weißen Kordillere. Es war ein eigentümliches Gefühl, von den dichten Wäldern und kochheißen Flüssen wegzukommen und erst die großen Steppen der Anden oder Pajonales und endlich die schneebedeckten Pässe zu betreten. Nun hatte ich den Kontinent an seiner breitesten und unbekanntesten Stelle durchquert; vor mir lag der Pazifische Ozean mit seinen Schiffen und kühlenden Seewinden. Ein- oder zweimal hielt ich an und blickte zurück über die wunderbarsten tropischen Wälder der Welt, die des Amazonengebiets. Tief unter mir, bis zum blaugrauen, dunsterfüllten Horizont und noch 5000 Kilometer darüber hinaus, lag dieses geheimnisvolle Gebiet von dämmerigen Wäldern, Öde und Verfall, das ich in vergangenen Jahren in verschiedenen Richtungen durchstreift hatte. Auf vielen dunkeln Waldplätzen und offenen Lichtungen längs der öligen Flüsse gab es da wilde Männer, Weiber und Kinder, die sich vielleicht manchmal an den weißen Mann und seine Geschenke erinnern mochten, aber niemanden, der durch einen unüberlegten Schuß aus seiner Büchse zu Schaden gekommen war.

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