Im hellen Sonnenlicht eines tropischen Morgens wirkt das alte Pará mit seinen engen Gassen und farbigen Häusern unansehnlich und ein wenig verwahrlost, aber die moderneren Stadtteile besitzen mehrere schöne Straßen und Plätze mit palmenreichen Gärten und Denkmälern. An den Ankerplätzen und Kais liegen Schiffe vieler Nationen und seltsam aussehende Fahrzeuge. In der Nähe des Flusses befindet sich der prächtige Frei-Caetano-Brandão-Platz mit seinen Gärten. Breite Wege zwischen tropischen Anpflanzungen umkreisen das Denkmal des würdigen Bischofs, nach dem der Platz benannt ist. Die Praça da Republica bildet das Zentrum des gesellschaftlichen abendlichen Lebens der Stadt. In ihrer Nähe liegen das besuchteste Kaffeehaus und das Theater, schöne Steinbauten von klassischer Architektur. Das Theater ist nicht ständig geöffnet für wechselnde Truppen wie in England oder den Vereinigten Staaten, sondern nur dann, wenn eine reisende Konzertgesellschaft oder eine italienische Operntruppe Pará besuchen. Schauspiele werden nur selten gegeben. Die Brasilianer, Portugiesen, Italiener sowie die Mischlingsbevölkerung sind Liebhaber der Musik. Das merkt man sogar in den entlegenen Niederlassungen und Kautschukplantagen, wo die Töne einer Violine nicht selten nach Sonnenuntergang erklingen. Die beiden Treffplätze der englischen Kolonie sind der Klub und das Straßenrestaurant des Grand Hotel. Während man Eisgetränke oder ein schwelgerisches Diner zu sich nimmt, kann man alle Farbennuancen der einheimischen Gesellschaft im Schatten der riesigen Mangobäume an sich vorüberziehen sehen.

Viele Gebäude Parás sind im modernen Stil erbaut. Der Regierungspalast, die Kathedrale, das Krankenhaus und die Privathäuser mit ihren mächtigen Steinsäulen, alle fast begraben unter Schlingpflanzen und exotischen Blumen, brauchen hier nicht besonders erwähnt zu werden. Die hauptsächlichen Villenvorstädte sind Mosquerio, Chapeo Virado, Nazareth und São Jeronimo. Die beiden letzteren haben Straßenbahnverbindung mit dem Geschäftsviertel der Stadt. Da Pará vom Handel mit Kautschuk abhängig ist, der aus den Wäldern und Pflanzungen am untern Amazonenstrom kommt, hat es in den letzten Jahren, seit dem starken Fallen des Weltmarktspreises für Gummi, schlechte Zeiten durchgemacht. Aber der Anbau von Kakao und andern Rohprodukten wie auch das Aufstapeln und Verschiffen von brasilianischen Nüssen haben Arbeitslosigkeit und Elend wieder etwas ausgeglichen. Pará-Gummi ist auf der ganzen Welt berühmt, obwohl kaum zu sagen ist, warum er so genannt wird, da verhältnismäßig nur wenig im Staate Pará selbst gesammelt wird. Die Haupterzeugungsplätze in Brasilien befinden sich weiter oberhalb am Amazonenstrom und seinen großen Nebenflüssen, in dem weitausgedehnten, nicht sehr entwickelten Staate Amazonas. Gewaltige Massen bringt der Riesenstrom auch aus dem weit entfernten Bolivia und dem nordöstlichen Peru.

Als ich kürzlich in Pará war und an dem ersten Entwurf des vorliegenden Buches arbeitete, erneuerte ich meine Bekanntschaft mit dem Rev. Miles Moß, dem englischen Kaplan für das Amazonengebiet. Einer seiner Kirchensprengel befindet sich in Porto Velho, das etwa 3200 Kilometer entfernt ist! Mr. Moß ist ein leidenschaftlicher Mottenjäger und besitzt eine wunderbare Sammlung. Oft verbringt er die Nacht auf einer Plattform im Dschungel, die zwischen den oberen Ästen eines Baumes errichtet ist, vierzehn Meter über dem Erdboden. Mittels zweier starker Lichtquellen werden die Insekten angelockt. In dunkeln, feuchten Nächten schwirren Tausende von Motten, Nachtwespen, fliegenden Käfern, Gottesanbeterinnen und Fliegen jeder Art um die Plattform, angezogen vom Lichtschein in den Baumkronen. Wenn der strahlende Mondschein der Tropen die dunklen Wälder erhellt, sind die Jagdergebnisse jedoch nicht so glänzend. Zuweilen stellen sich auch unheimliche Besucher ein wie Affen, Baumschlangen und riesige haarige Spinnen, oder der Jäger befindet sich plötzlich in kleinen Wolken lästiger Schnaken. Mr. Moß hat viele Reisen den Amazonenstrom und Madeirafluß hinauf und hinab vollführt, nicht weniger als sechsmal das Innere Perus besucht und kürzlich drei neue Arten der Habichtsmotte (Isognathus) entdeckt, eine in Pará, eine in Manáos und eine in Pernambuco. Zum ersten Male war ich vor Jahren, in Lima, mit diesem gelehrten und leidenschaftlichen Naturforscher zusammengetroffen.

Eine herrliche Tropennacht fand mich im Stern einer kleinen Barkasse sitzen, die mich, die beiden Mischlinge, Fernando und Alberto, Gepäck und Lagerausrüstung zu dem von Mangroven umsäumten Strand der Jaguarinsel über die Bucht hinübertrug. Die breite Fläche des Flusses glitzerte im Schein des Mondes, unser winziges Fahrzeug schnitt wie durch silbernen Schaum, und die laue Wärme der Nacht tauchte das Bild in ihren Zauber. Meine Gedanken wanderten. Während ich zurückgelehnt meine Lieblingsbegleiterin, eine „Comerziale“, liebkoste und die dunklen Wälder auf allen Seiten betrachtete, begann ich über die Zukunft nachzugrübeln: Würde es mir gelingen, tief in jene so abweisend aussehenden Wälder einzudringen, deren Umrisse sich hart von dem gelben Licht abhoben? Ich dachte an die unbekannten Gefahren und Schauspiele, die mich auf fernen Flüssen erwarteten; das Vorhandensein merkwürdiger und vielleicht feindlicher Indianerstämme; die Möglichkeiten, fast allein auf mich angewiesen, die noch Tausende von Meilen entfernten Sumpf- und Urwaldregionen zu erreichen.

Obwohl ich gerade kein Neuling im Reisen abseits der gewöhnlichen Straße war, muß ich gestehen, daß mir in jener Nacht das Herz klopfte, als ich die Lichter der Stadt allmählich immer undeutlicher werden sah. Stärker klopfte es als zu irgendeiner Zeit während der folgenden Monate voll von Mühen und Gefahren. Wie eine Last senkte sich die Größe und Verlassenheit dieser Unendlichkeit von Pflanzenwuchs und Gewässer niederdrückend auf meine Seele. Ich wußte, daß sie sich nach beinahe jeder Richtung mehr als 3000 Kilometer ausbreitete. Die menschlichen Leistungen schienen sich plötzlich in ihrer ganzen Nichtigkeit zu enthüllen, gehalten gegen die eindrucksvolle Ungeheuerlichkeit der Natur. Die Unermeßlichkeit der Wälder und Flüsse des Amazonas erfüllte mich mit Schrecken.

Möglich, daß ein augenblickliches Versagen der menschlichen Fähigkeiten, hervorgerufen durch das plötzliche Bewußtwerden der schrankenlosen Einsamkeit, manche rätselhafte Tragödien verschuldet hat, denen Forschungsreisende und Pioniere in unbewohnten Teilen der Erdoberfläche erlagen. Es ist bekannt, daß Leute auf den winterlichen Schneefeldern der Wildnisse Kanadas und Alaskas wahnsinnig werden, wenn sie zu lange von der Gesellschaft ihrer Mitmenschen getrennt sind. Auf der großen Paciencia-Ebene und in der Wüste von Atacama in Chile gaukelt die menschliche Phantasie Trugbilder und vermeintliche Stimmen in nächster Nähe vor. Unglückliche, die man auffand, nachdem sie über die unendliche trügerische Fläche dieser Saharas des Südens gewandert waren, hatten entweder den Verstand verloren oder waren nackt und tot.

Ich kannte solche Geschichten, und sie fielen mir ein, während wir über die Parábucht fuhren. Es handelt sich dabei nicht um Anfälle körperlicher oder geistiger Schwäche, sondern um ein gemeinsames Erbe der menschlichen Zivilisation, das die Menschen in den Städten sich zusammendrängen läßt, während das offene Land der Freiheit und der Sonne verlassen liegt und nur wenigen zur Heimat wird.

Im Schatten der Mangroven verschwand das Licht des Mondes, als die Barkasse plötzlich in das Dunkel eines schmalen Wasserlaufs einfuhr, der die Mitte der Insel durchzieht. Solche Wasserläufe heißen in der Tupisprache Igarapés; Igara bedeutet Kanu, Pé Pfad. Hohe Bäume strebten auf allen Seiten wie Mauern aus dem phantastisch verschlungenen Pflanzengewirr empor. Die Sterne verloschen und das Licht wurde trübe. In einem Augenblick waren wir von der Außenwelt der lebendigen Menschen in die schweigende, dumpfe Einsamkeit des großen tropischen Waldes versetzt worden. Ein leichter Schauder lief mir über den Rücken, und ich lachte laut, um den Zauber zu brechen. Später, in den Tiefen der unbekannten Dschungeln, erinnerte ich mich dieses Schauders und des alten Aberglaubens, der mit ihm verbunden ist.

3. Von der Jaguarinsel nach dem Tapajózfluß.

Meine erste Nacht im tropischen Urwald der Jaguarinsel war qualvoll. Sie bildete das Vorspiel zu vielen ähnlichen Erlebnissen von dem, was man nicht unrichtig den „sichtbaren Äquator“ genannt hat. Überall in der tropischen Zone dürfte ohne Instrumente und mathematische Berechnungen die Bestimmung schwierig sein, wann die Nullinie geographischer Breite überschritten wird. Die populären Vorstellungen von Klima und Aussehen von Land und Meer längs des Äquators sind häufig völlig falsch. Eine spiegelglatte Meeresoberfläche, ein blitzblauer Himmel und strahlender Sonnenschein bilden keineswegs immer die atmosphärischen Bedingungen, die auf dem Äquator herrschen.