Hier dürfte ein allgemeiner Überblick über das Land am Platze sein, das wir nun betreten sollen. Zur Belehrung der Geographiebeflissenen. Es gibt drei Zonen im Amazonengebiet: die bekannte, die wenig bekannte und die unbekannte. Die erste umschließt das Gebiet — abgesehen von den Tropenwäldern —, das das Delta und den untern Amazonenstrom einsäumt, mit zahlreichen Inseln und Pará als Hauptstadt; ferner die überaus zahlreichen Pflanzungen und kleinen Niederlassungen an beiden Ufern des Hauptstroms und an gewissen Punkten der hauptsächlichen Nebenflüsse. Zu der wenig bekannten Zone gehören die mehr oder weniger zugänglichen Urwälder, die von den Seringueros oder Sammlern wildwachsenden Kautschuks aufgesucht werden. Es sind im allgemeinen die Dschungelstreifen an den für Barkassen und Niederwasserdampfer schiffbaren Flüssen. Um die Zone des Unerforschten zu erreichen, hat der Reisende die ersten beiden Gürtelzonen zu durchwandern, oft in einer Breite von vielen hundert Kilometern. Dann erst betritt er die ungeheuern Waldflächen, die die Quellgebiete fast jedes Nebenflusses des Amazonenstroms umgeben oder sich zwischen diesen fadenähnlichen Flußstraßen ausdehnen.

Eine Linie zu ziehen, um die Grenzen der Vorposten der Zivilisation zu bezeichnen, dürfte unmöglich sein. Denn nur selten geht ihr Einfluß über einige Kilometer der unmittelbaren Nachbarschaft der zahlreichen kleinen Niederlassungen hinaus. Das bezieht sich zwar auf den jungfräulichen Urwald mit seinen Fiebern, Tieren, Vögeln, Reptilien, Insekten und Sümpfen, aber nicht immer auf die Stämme der Eingeborenen. Um richtige Wilde anzutreffen, von denen manche noch kaum in der Steinzeit leben, hat man weit abseits in diesem Riesenland herumzusuchen. Die Indianer, die an den Ufern der von Barkassen befahrenen Flüsse wohnen, zeigen meist gewisse Zeichen der Zivilisation. Vielleicht nur ein schmutziges Hemd oder einen eingebeulten Hut. Aber nichtsdestoweniger wird schon in ihrem Äußern sichtbar, daß die Tage uneingeschränkter Wildheit, der Kriegszüge, der Kopfjägerei, unheimlicher Zeremonien und des Hasses gegen den weißen Mann für sie vorüber sind. Die Bitte um Geschenke ertönt da, wo früher das Schwirren des vergifteten Speers zu hören war.

Im entlegenen Hinterland des weiten Amazonengebiets jedoch und im Herzen der halbdunklen Urwälder leben noch viele wilde Stämme in gänzlicher Unkenntnis einer Welt, die sich außerhalb des anscheinend endlosen Meers tropischer Wildnis befindet. Diese abgelegenen Dschungeln von Zentralpunkten wie Pará am Unterlauf, Manáos am Oberlauf des Amazonenstroms und Iquitos am Marañon (peruanischer Amazonenstrom) zu erreichen, erfordert gewöhnlich eine Reise von 300 bis 3000 Kilometer auf Flußdampfern mit geringem Tiefgang, dann im Kanu und schließlich zu Fuß in den dunklen Urwald hinein.

Infolge der Schwierigkeit, eingeborene Kanuleute und Träger zu bekommen, sowie die Vorräte an Produkten der Zivilisation auf dem Wege zu ergänzen, muß das Gepäck jeder Art viel mehr beschnitten werden, als etwa in Innerafrika mit Sicherheit und Zweckmäßigkeit für verträglich gehalten würde, wo eingeborene Arbeitskräfte leicht zu beschaffen sind. Die weitere Erzählung wird dem Leser die Schwierigkeiten und Entbehrungen deutlich machen, von den Gefahren ganz zu schweigen, die diese unvermeidliche Verringerung des Nötigsten weit unter das für tropische Forschungen sonst Unentbehrliche mit sich bringt. Mehr als einmal mußte die Gesundheit drangegeben und selbst das Leben aufs Spiel gesetzt werden.

Nach angenehmer Überfahrt von Liverpool aus erreichte ich Pará, wo ich jede mögliche Unterstützung fand, nicht nur von seiten der englischen Kolonie, sondern auch der Beamten des brasilianischen Staates. Sie waren buchstäblich unermüdlich in ihrem Bestreben, mir die letzten und zuverlässigsten Informationen zu verschaffen. Aber da diese meine erste Reise im Amazonenland mich vom obern Tapajózflußgebiet aus in die unbekannten Wälder von Matto Grosso führen sollte, war nur wenig Sicheres zu erfahren. Ich möchte wissen, ob ein Reisender Forschungen in eine übelberüchtigte Gegend jemals angetreten hat, ohne feierliche Warnungen vor den drohenden Gefahren zu empfangen? Wann hätte er jemals die Verantwortung für etwa eintretende Widerwärtigkeiten auf die eigene Kappe nehmen dürfen? Jedenfalls wurde meine Stimmung nicht gerade verbessert, wenn ich während einer Woche eines schwelgerischen, an Unterhaltungen und neuartigen Anregungen reichen Lebens in Pará eine feierliche Warnung zum tausendstenmal über mich ergehen lassen mußte. In einer schwachen Stunde ließ ich mich aber dennoch überreden, die Ausrüstung und Vorbereitungen auf der Isla des Onças oder Jaguarinsel einer Art von Prüfung zu unterziehen. Nach diesem erfreulichen Fleck Erde sollte ich, mein Gepäck und meine beiden Halbblut-Indianer durch einen Freund gebracht werden, der eine der vielen kleinen Dampfbarkassen sein eigen nannte.

Wie ich später erfuhr, war das nur ein Manöver, um mich zu veranlassen, meine Absichten zu ändern und mich mit Dampferfahrten auf den schiffbaren Flüssen zu begnügen. Die Jaguarinsel ist in malerischer Hinsicht ein Paradies, aber mit Recht verrufen wegen der Größe und Blutdürstigkeit der dort lebenden Insekten. Die beiden Mischlinge, die ich als Führer mitgenommen hatte, willigten nur unter der Bedingung ein, mich auf der langen Reise zu begleiten, daß sie ihrerseits die Erlaubnis bekämen, nach neuen Gummiwäldern zu suchen, die sie dann während der nächsten Saison auszubeuten beabsichtigten. Diese Übereinkunft wurde später die Ursache erheblicher Unannehmlichkeiten für mich, als wir die Zivilisation weit im Rücken hatten.

An den Kauf eines Batalõe oder Eingeborenenkanus mit einem Palmstrohdach über dem Stern zum Schutz vor äquatorialer Sonne und vor Regen sollte erst in Itaituba herangetreten werden, etwa 240 Kilometer den Tapajóz flußaufwärts. Die Reise von Pará bis zu diesem Vorposten der Zivilisation am Rande des Unbekannten konnten wir auf einem der kleinen Niederwasserdampfer des „Amazon-Navigation-Service“ zurücklegen.

Die Vorbereitungen waren nun vollendet, aber noch folgte eine unvermeidliche Verzögerung von zehn Tagen, ehe der Flußdampfer nach Itaituba abgehen sollte. Währenddem hatte ich reichlich Gelegenheit, Pará und seine Bewohner kennenzulernen. Der dreitägige Aufenthalt auf der Jaguarinsel ermöglichte mir, mein wasserdichtes Zelt und die Lagerausrüstung zu erproben. Auch mit den Bewohnern des dortigen Dschungels wurde ich noch besser bekannt — wenigstens soweit sie den fliegenden, summenden, krabbelnden und stechenden Klassen angehörten.

Über Pará möchte ich nur wenig sagen, da ich keinen Führer dieser Tropenstadt des nördlichen Brasilien hier geben will. Ein sehr weitverbreiteter Irrtum muß jedoch aufgeklärt werden. Pará liegt nicht am eigentlichen Amazonenstrom, sondern wurde auf dem niedern, flachen rechten Ufer des Flusses erbaut, von dem es den Namen trägt, etwa 130 Kilometer südlich des Äquator. Der Gesundheitszustand der Stadt hat sich dank sanitärer Maßnahmen in den letzten Jahren wesentlich gehoben, und die einst verheerenden Fieberkrankheiten sind bedeutend zurückgegangen. Malaria ist bei längerem Aufenthalt noch immer häufig, aber es gibt kaum eine Gegend auf der Welt, die sich eines beständigen Sommers erfreut, wo diese Krankheit unbekannt wäre. Das früher so gefürchtete gelbe Fieber wurde gänzlich zum Erlöschen gebracht, und Pará ist jetzt eine recht gesunde und moderne tropische Stadt.

Es ist eine Stadt mit elektrischen Straßenbahnen, einem guten europäischen Hotel und Morgen- und Nachmittagszeitungen. Die Beliebtheit dieser Zeitungen ist in hohem Maße durch die beständige Hitze bedingt, die während der Mittagsstunden am drückendsten ist. In der Mehrzahl der hunderttausend Einwohner bringt sie einen Zustand der Erschlaffung hervor, bis der kühle Seewind ungefähr um 4 Uhr nachmittags einsetzt. Er hält bis zum Einbruch der Nacht an und macht die letzten Tagesstunden zur Arbeit geeignet. Sobald aber die Dunkelheit sich völlig auf die weißen Häuser und schwankenden Palmen herabgesenkt hat, bringt der nächtliche Landwind eine feuchte Kühle von den großen Wäldern über die ausgedörrte Erde und das Grün dieser prächtigen tropischen Stadt. Das Summen und Surren der Käfer und Insekten nimmt mit dem Scheiden des Tageslichts ab. Feuerfliegen schwirren wie winzige schwebende Sterne durch das dunkle Blätterwerk der Praça da Republica und des schönen, etwas weiter entfernten Bosque.