Nachdem ich lange Zeit kreuz und quer durch Süd- und Zentralamerika gereist war, um für die unersättliche angelsächsische Presse zweier Kontinente Lesestoff zu liefern, legte man mir nahe, einen Streifzug in das Amazonengebiet zu unternehmen. Dies war also der Grund meiner ersten Betätigung auf diesem Forschungsfeld. Daraus entwickelte sich ein starkes persönliches Interesse, und während der letzten Jahre habe ich diese noch immer wilden Gebiete, mit den verschiedensten Aufgaben betraut, durchzogen. Darunter fällt auch journalistische Tätigkeit für die Londoner Times, das Sammeln von Material für meine Bücher und die Einrichtung eines Auskunfts- und Nachrichtendienstes für eine bedeutende machtpolitische Gruppe.

Ich möchte hier darauf hinweisen, daß die ungeheuren unerforschten Flächen von Urwald, „Campos“, Flüssen und Sümpfen, die unter dem zusammenfassenden Namen des Amazonengebiets bekannt sind, nur zum, allerdings größten, Teil zu Brasilien gehören; 2½ Millionen Geviertkilometer sind kartographisch noch nicht aufgenommen und so gut wie unbekannt. Darüber hinaus erstreckt sich das Gebiet jedoch weit über die Grenzen Brasiliens in die Staaten Paraguay, Bolivia, Peru, Ecuador, Columbia und Venezuela, abgesehen von den drei Guyanas, die weitere 2½ Millionen Geviertkilometer dem Unbekannten hinzufügen; alles zusammen ist eine Fläche so groß wie ganz Europa. So trägt das Gebiet den Namen des „Verlorenen Erdteils“ nicht mit Unrecht.

Teile dieses Gebiets mußten aus einleuchtenden Gründen außer Betracht bleiben, und so bestanden die Reisevorbereitungen zunächst darin, die Aufgaben auf mögliche Ausmaße zu beschränken. Verschiedene Einbruchslinien zur Erforschung wurden ausgearbeitet; sie werden, nebst gewissen Abweichungen, auf den folgenden Blättern geschildert werden. Technische, geographische und wissenschaftliche Einzelheiten dagegen sollen, als nebensächlich für die Absichten dieses Buches, nicht zur Sprache kommen.

Die Schwierigkeiten, diese abgelegenen Urwaldgebiete zu erreichen, waren oft groß, und vieles von geringerem allgemeinen Interesse kann nur angedeutet oder muß auch bei der Erzählung der Erlebnisse ganz übergangen werden, um Raum zu gewinnen für ausführlichere Schilderungen der wilden, in weltentlegeneren Urwäldern hausenden Stämme, worin in erster Linie die Aufgabe meines Buches besteht.

Der Weltkrieg 1914–1918 unterbrach zeitweise meine Forschungsreisen in das unbekannte Südamerika. Plötzlich und dramatisch, sei es unter dem Einfluß des Gesetzes der Gegensätze oder bloß als Ergebnis eines Kriegszufalls, verschob sich das Feld meiner Tätigkeit, und ich mußte Jagd auf Unterseeboote in subarktischen Gewässern machen. Sehr zum Schaden meiner Gesundheit. Über diese Phase eines ruhelosen Daseins habe ich jedoch an anderer Stelle berichtet, und es genüge zu sagen, daß ich 1920 wieder jene besonders einsame Strecke des tropischen Meeres querte, die zwischen der Insel Madeira und den Felsen von St. Paul liegt.

Man sagt im Amazonengebiet, wer vom Saft der Assaipalme mit Genuß gekostet habe, werde unwiderstehlich zu den großen Urwäldern und Flüssen dieses geheimnisvollen Landes zurückgezogen. Wie dem auch sein mag — der Zauber des Unbekannten ist jedenfalls nicht zu leugnen, und kaum zwei Jahre waren vergangen, als 1922 mit neuen Forderungen erschien. Nun schreibe ich diese Zeilen, die Einführung zu einem Buch über alle meine Reisen im Amazonengebiet, auf dem Schutzverdeck des Dampfers „Hildebrand“, eines höchst behaglichen Schiffes der Boothlinie. Sein Ziel ist der Amazonenstrom, aber diesmal geht es nicht zu den Sümpfen und dämmerigen Urwäldern zwischen entlegenen Flüssen, sondern mit einer neuen und ausnehmend interessanten Aufgabe in das „dunkelste Afrika“ unseres Jahrhunderts.

2. Aufbruch ins Innere.

Das Reisen abseits der gebahnten Pfade — sei es nun in arktischen oder in tropischen Gebieten — erfordert weit mehr sorgsame Überlegung, Erfahrung und Vorbereitung, als dem Uneingeweihten vielleicht nötig erscheinen möchte. Keine zuverlässigen topographischen Karten sind für wenige Mark in der nächsten geographischen Buchhandlung erhältlich; man kann sich keinen Führer mieten, der schon früher „da war“. Besondere und sorgfältig verpackte Nahrungsmittel müssen für die Gesamtdauer der jenseits aller Zivilisation verlaufenden Reise mitgeführt werden, wobei allen nicht vorauszusehenden Zufällen Rechnung zu tragen ist. Dann kommt das, was am meisten zu fürchten ist: die Möglichkeit einer Erkrankung. In Hinsicht darauf möchte ich ein genaues Studium der amerikanischen Methoden homöopathischer Heilweise und unblutiger Wundbehandlung empfehlen. Sie haben sich in Verbindung mit einigen wenigen chemischen Präparaten und Heilmitteln in Tabloidform als das bei weitem Praktischste und Wirksamste bewährt.

Solche Schwierigkeiten zu verschweigen und ohne weiteres mitten in die Urwälder des Amazonas hineinzuspringen würde eine völlige Irreführung bedeuten. Es wäre, als schilderte man den schließlichen Sieg oder die Niederlage, ohne den voraufgegangenen Feldzug zu erwähnen. Pionierarbeit in unerforschte oder selbst halberforschte Gegenden stellt wirklich einen Feldzug gegen alle Mächte der Natur dar, ob man sie allein oder als Mitglied einer größeren Expedition ausführt. Früher oder später wird jeder Pionier, dem jenseits der Zivilisation die Wochen und Monate in mühevoller Arbeit verstreichen, jede Kraft und List der Natur gegen sich gerichtet sehen. Ob der Feind stark oder schwach ist, hängt von den verschiedensten Faktoren ab, die sorgfältige Überlegung und Entschlußfähigkeit erheischen. Die Entfernung von der Verpflegungsbasis, Verbindungslinien, Klima, feindselige Eingeborene und tausend andere Umstände wollen in Betracht gezogen sein.

Wer eine gewöhnliche Landkarte betrachtet und weiß, daß es nur einer fünfzehntägigen Seereise über den südatlantischen Ozean auf einem Schiff der Booth-Linie bedarf, um von Liverpool nach Pará zu gelangen, der Stadt und dem Hafen an der Einfahrt in das Flußlabyrinth, das unter dem verallgemeinernden Namen „Amazonas“ bekannt ist, möchte glauben, daß nun er und sein Gepäck sich im Ausflugsbereich wilder tropischer Dschungeln und kannibalischer Indianerstämme befinden. Das ist aber keineswegs der Fall. Die eigentliche Reise gegen das Unbekannte zu beginnt erst in Pará und mag irgendwo in 5000 Kilometer Entfernung ihr Ende finden. Allerdings kann man den tropischen Urwald stellenweise in wenigen Stunden von Pará aus leicht erreichen, aber als einzige Wilde wird man wahrscheinlich nur die in dem schönen Indianermuseum abgemalten zu Gesicht bekommen. Einige Stämme wilder Indianer hausen jedoch in den Wäldern am obern Tocantinsfluß, wohin man in etwa sechs Tagen von Pará aus gelangen kann.